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Graffiti in Hebertshausen:Streitbare Kunst

Graffiti Outer Circle

Für einen ersten Entwurf haben die Sprayer einige für Prittlbach markante Motive ausgesucht wie etwa den Kirchturm der Filalkirche.

(Foto: Outer Circle e.V/oh)

Der Verein Outer Circle soll die Bahnhofsunterführung in Hebertshausen verschönern. Erste Entwürfe finden wenig Zuspruch

Von Horst Kramer, Hebertshausen

Adrian Till mag sich wie ein Hofmaler des 17. oder 18. Jahrhunderts vorgekommen sein, wenn dieser sein neuestes Opus den adeligen Auftraggeber präsentierte. "Man muss sofort erkennen können, was dargestellt ist und nicht erst fragen, was gemeint ist", monierte etwa die Prittlbacher CSU-Gemeinderätin Monika Gasteiger. Der Ampermochinger Christian Trinkgeld kritisierte: "Müssen wir dafür ausgerechnet jetzt Geld ausgeben, wo die Finanzen so knapp sind." Till wirkte nicht sonderlich glücklich bei diesen Äußerungen, er widersprach nur äußerst diplomatisch.

Adrian Till ist ein bekannter Graffiti-Künstler. Der Bergkirchener ist einer der Chefs des Dachauer Vereins Outer Circle. Till, sein Partner Johannes Wirthmüller und ihr Team haben schon einige öde öffentliche Wandflächen mit ihren Werken eindrucksvoll zum Leben erweckt: etwa auf dem MD-Gelände (mit einem eigenen Festival), in der S-Bahn-Unterführung an der Erich-Ollenhauer-Straße oder auch bei der Landesgartenschau 2019 im fränkischen Wassertrüdingen.

Im Sommer des vergangenen Jahres wandte sich die Gemeinde Hebertshausen an den Verein, um den Schmierereien und Nazi-Parolen an der Bahnunterführung bei Prittlbach etwas "Dauerhaftes" entgegen zu setzen, so Bürgermeister Richard Reischl (CSU). Till berichtete dem Gremium damals vom "Ehrenkodex der Sprayer", nach dem Buchstaben und Botschaften übersprüht werden dürften, Bilder aber quasi sakrosankt seien.

Der Gemeinderat sprach sich für das Kunstprojekt aus, ein richtiges Gemälde sollte es werden, keine Buchstabenornamentik. Wetter, Wahlen, die Deutsche Bahn und Corona verzögerten das Vorhaben. Vor zwei Monaten konnte Rathauschef Reischl (CSU) eine Vereinbarung mit der DB Netz AG abschließen, die Besitzerin der Unterführung musste vor dem Startschuss ihre Zustimmung geben. Till und Wirthmüller hatten zwischenzeitlich ein Angebot im Rathaus abgegeben, über immerhin 11 250 Euro. Ein prinzipielles "Go" von der Gemeindeseite haben die Dachauer Sprühkünstler wohl vernommen, sie arbeiteten Entwürfe für die beide Seiten der Unterführung aus. Für die Osteinfahrt haben sich die Sprayer einige Prittlbacher Motive ausgesucht, darunter der markante Kirchturm der Filialkirche St. Kastulus und Allerseelen. Auf der Westseite dominieren einige abstrakte Gestalten, die grauschwarze Fratzen mit frischen Farben übermalen. Die Perspektive scheint die eines Bahnfahrgasts zu sein. Wer genau hinschaut, erkennt, dass das Westseitengemälde eine Art Vorstufe für das Ostseitenwerk darstellt.

Till erläuterte einige der Gestaltungsideen, die ihn und sein Team geleitet hätten. Er erntete vorsichtiges Lob vom Clemens von Trebra-Lindenau (CSU), der die "Farbgebung ansprechend" nannte; dessen Parteifreund Simon Wallner meinte immerhin, dass er beide Entwürfe nachvollziehen könne. Aussagen, die Marianne Klaffki (SPD) auf den Plan riefen: Sie warf ein "klares Ja" zur Kunst und Kultur in den Sitzungssaal. "Kunst ist streitbar!", rief Klaffki, "ihre Widersprüche muss man aushalten!" Reischl schlug schließlich vor, fünf für die Prittlbacher wichtige Motive in das Opus einzuarbeiten: außer der Kirche auch den Maibaum, die Gastwirtschaft, das künftige Dorfgemeinschaftshaus sowie eventuell den Ölbohrturm der RWE Dea - eigentlich eine Pferdekopfpumpe, die das kleine Ölfeld bei Prittlbach ausbeutet. Till pflichtete dem Rathauschef bei: "Ja, wir brauchen Euren Input, damit wir wissen, was für Euch wichtig ist." Eine Aussage, die genau so gut von einem seiner historischen Vorgänger hätte stammen können. Reischl mahnte zur Eile: "Wichtig ist, dass die AfD-Parolen möglichst schnell verschwinden." Alle Gemeinderätinnen und Gemeinderäte stimmten ihrem Vorsitzenden zu.

© SZ vom 04.08.2020

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