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Gewerbeansiedlung in Karlsfeld:Geplatzter Deal

Ludl Anwesen

Was nun mit dem Gebäude (mitte), das speziell nach den Wünschen der Firma gestaltet worden ist, passiert ist noch ungewiss.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Medizintechnikfirma, die sich auf dem ehemaligen Ludl-Gelände ansiedeln wollte, zieht nach Unterschleißheim. Gemunkelt wurde darüber schon seit dem Sommer, Bürgermeister Kolbe will es erst im Dezember erfahren haben

Viele drängende kommunale Aufgaben, klamme Kasse und ein erdrückend hoher Schuldenberg - das macht den Karlsfelder Gemeinderäten schon länger zu schaffen. Um so erfreuter waren sie, als im Herbst 2018 eine Medizintechnikfirma aus dem Münchner Norden großes Interesse an einem Baugrund auf dem ehemaligen Ludl-Gelände an der Münchner Straße zeigte. Das Unternehmen, das nach Informationen der Süddeutschen Zeitung etwa 55 Mitarbeiter hat und in der Umsatzklasse von 10 bis 50 Millionen Euro spielt, wollte Sitz und Produktion nach Karlsfeld verlegen und künftig sogar noch weitere 100 bis 120 Arbeitsplätze anbieten.

Unter Hochdruck arbeiteten Planer und Gemeinde an Flächennutzungs- und Bebauungsplan. Man ging auf viele Wünsche der Firma ein, Grundstückstausch, Gebäudedimension, sogar ein Bauvorbescheid wurde von der Mehrheit des Gemeinderats befürwortet, vom Landratsamt jedoch nicht akzeptiert. Um jeden Preis wollte man den Betrieb nach Karlsfeld locken. Für die Kommune wäre er ein äußerst willkommener Steuerzahler gewesen. Vor allem auch deshalb, weil die Produktion "nach außen hin nicht wahrnehmbar" gewesen und der Verkehr, den die Firma mit sich gebracht hätte, "kaum aufgefallen" wäre. So hieß es jedenfalls noch in einer öffentlichen Sitzung Mitte März 2019. Doch der Traum ist ausgeträumt. Die Medizintechnikfirma hat Karlsfeld den Rücken gekehrt.

Allerdings nicht erst jetzt. Hinter vorgehaltener Hand wurde schon länger gemunkelt, dass die Firma bereits im Sommer ausgestiegen ist. In öffentlicher Sitzung wurde im September die Planung in allen Bereichen des Ludl-Geländes verfeinert, nur auf dem Grundstück hinter der McDonalds-Filiale, wo die Medizintechnikfirma sich ansiedeln wollte, nicht. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) widerspricht den Gerüchten vehement.

Er habe erst am 13. Dezember in einem Brief davon erfahren, versichert er der SZ. "Es hat mich erstaunt, dass es sich so entwickelt hat. Ich war öfter bei der Firma. Aber das ist das Konkurrenzthema im Münchner Umland", sagt er. Stephan Heller, Sprecher der Romulus Areal GmbH, die das Ludl-Gelände seit etwa fünf Jahren entwickelt, sagt, dass das Ende der Verhandlungen bereits seit Ende November/Anfang Dezember definitiv klar ist. Die Öffentlichkeit wurde darüber bislang jedoch nicht informiert.

Das Verfahren lief einfach weiter. Die Pläne waren bis zum 10. Januar im Rathaus ausgelegt. Jeder, der wollte, konnte Anregungen und Bedenken äußern, Bürger ebenso wie die Träger öffentlicher Belange. "Wir schaffen Baurecht unabhängig von der Firma", sagt Kolbe. "Ich sehe kein Problem darin." Er wolle nichts verheimlichen. Am 20. Februar habe er im Gemeinderat die für Karlsfeld bedauerliche Nachricht öffentlich machen wollen. Gleichzeitig soll in dieser Sitzung der Satzungsbeschluss für den Flächennutzungsplan gefasst werden. Am 2. April ist der Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan avisiert. Dass die Medizintechnikfirma abgesprungen sei, ändere nichts am Baurecht, sagt Kolbe.

Auf dem 80 mal 32,5 Meter großen Grundstück ist alles so wie die Firma es gebraucht hätte. Ein lang gezogenes, relativ breites Gebäude an den Rändern 12,50 Meter hoch, in der Mitte 16,50 Meter und an der südwestlichen Seite sogar bis 20,50 Meter hoch darf nach derzeitigem Planungsstand auf der Fläche gebaut werden. Betrachtet man das Modell des Architekten, wirkt das Gebäude vergleichsweise massiv. Die Geschossflächenzahl ist auf 2,3 festlegt. Die Firma brauchte die Ausmaße, um ihre Produktionsstraße dort unterbringen zu können.

Ursprünglich war die Gewerbefläche vis à vis des Heizkraftwerks vorgesehen, die Gebäude waren deutlich schlanker und durch Wege unterbrochen. Um das Interesse des Betriebs weiterhin aufrechtzuerhalten, verlegte man die Fläche. Nun sollen die sozial geförderten Wohnungen mit Blick auf das Heizkraftwerk errichtet werden, sehr zum Missfallen vor allem des Bündnisses für Karlsfeld. Die Gruppierung beklagte mehrfach in den Sitzungen, dass die Menschen, die dort wohnen sollen, dem Lärm der Münchner Straße und des Heizkraftwerks ausgeliefert sind. Das könne man den Leuten nicht zumuten, deshalb stimmte das Bündnis, aber auch ein Mann der CSU gegen diese Rochade.

Wer sich nun im entferntesten an die große Baurechtsmehrung zugunsten von EON erinnert fühlt und die daraus resultierenden Probleme am Prinzenpark, dem hält Bürgermeister Stefan Kolbe entgegen: "Das war eine ganz andere Dimension. Das kann nicht verglichen werden."

Nach den Plänen ist auf dem Grundstück nicht nur Gewerbe zulässig, sondern auch Geschäfte, Gastronomie, Büros und Verwaltung, aber auch eine kirchliche, kulturelle, soziale, sowie gesundheitliche oder sportliche Nutzung möglich. Der Sprecher der Romulus Areal GmbH Stephan Heller gibt sich optimistisch: "Es ist ein hoch attraktives Grundstück. Zwei bis drei andere Interessenten sind schon da." Man habe bereits erste konkrete Gespräche geführt, sagt er.

Die Medizintechnikfirma wird ihr Reinraumlabor nun in Unterschleißheim jenseits des großen neuen Gewerbeparks im Südwesten errichten.

© SZ vom 10.02.2020