Gesundheitspolitik Protest der Pfleger und Patienten

Bei der Kundgebung auf dem Schrannenplatz in der Dachauer Altstadt demonstrieren die Teilnehmer für bessere Zustände am Helios Amper-Klinikum.

(Foto: Toni Heigl)

Bei einer Kundgebung in Dachau demonstrieren Menschen aus dem Landkreis gegen in ihren Augen unzumutbare Zustände für Personal und Patienten am Helios Amper-Klinikum. Einige fürchten um eine ordentliche Versorgung im Notfall

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Juliane Heilmann, 58, aus Dachau hat genug gehört. Jetzt ergreift sie das Wort, der Redner auf dem Podium auf dem Schrannenplatz verstummt. Die Krankenschwester protestiert an diesem späten Donnerstagnachmittag mit rund 30 Menschen gegen Pflegenotstand in Deutschland im Allgemeinen, aber im Besonderen am privaten Helios Amper-Klinikum in Dachau. Sie, die in einer Münchner Klinik arbeitet, höre ständig, dass im Dachauer Krankenhaus Patienten schlecht behandelt würden, sagt Juliane Heilmann. Während sie spricht, wird sie immer lauter. Einmal, als ihr Mann in Dachau einen Autounfall gehabt habe, habe er sich geweigert, dass ihn der Rettungsdienst ins Helios-Klinikum bringt. Da der Rettungssanitäter das abgelehnt habe, habe sie ihren Mann dann selbst mit dem Auto in ein Münchner Krankenhaus gefahren. Jetzt fordert sie dazu auf, ihrem Beispiel zu folgen: "Wehrt euch! In diese Klinik sollte niemand mehr gehen."

Die "Bürgerinitiative für mehr Personal in der Pflege - Dachau" hat zur Kundgebung aufgerufen. Gekommen sind Krankenpfleger, ehemalige Patienten und Bürger aus dem Landkreis, die um eine ordentliche gesundheitliche Versorgung im Notfall fürchten. Mit Fahnen und Plakaten demonstrieren sie gegen in ihren Augen unzumutbare Zustände für Personal und Patienten. Ihre Wut auf das Helios Amper-Klinikum ist groß, aber auch die Verunsicherung: Was geschieht im Notfall?

Eine 75-jährige Dachauerin sagt über Helios: "Man hört nur Schlechtes." Ihr sei Angst und Bange, wenn sie notfalls ins Amper-Klinikum müsste. "Ich würde versuchen, das zu verhindern." Im Geldbeutel hat sie immer eine Karte bei sich, auf der steht, dass man sie in ein anderes Krankenhaus bringen soll, wenn ihr etwas passiert. Auch Lisa-Marie Naumann, 22, und ihre Mutter Siglinde, 53, aus Röhrmoos demonstrieren mit. Sie wollen, dass mehr Pfleger eingestellt und besser bezahlt werden. "Man fühlt sich nicht wohl bei dem Gedanken ins Dachauer Krankenhaus zu müssen", sagt die Tochter. Die Mutter selbst hat bereits negative Erfahrungen gemacht. Als sie vor einem Jahr wegen einer Erkrankung in die Klinik musste, habe man sie im Behandlungsraum vergessen, sagt sie. Sie selbst habe sich dann um eine Zimmerkollegin gekümmert, der es noch schlechter ging.

Nachdem ein Gericht im Dezember den Helios-Pflegern verboten hatte zu streiken, hatten sich die Klinikleitung und die Gewerkschaft Verdi auf einen Kompromiss geeinigt, der einen Wechsel des Haustarifvertrages in den des öffentlichen Dienstes vorsieht. Der neue Vertag soll ab Anfang kommenden Jahres gelten. Doch laut der Bürgerinitiative hat sich die Situation in den letzten Monaten verschärft. Pflegekraft und Mitglied der unabhängigen Betriebsgruppe am Dachauer Klinikum, Matthias Gramlich, 37, spricht von "Leistungsdruck", der durch "chronischen Personalmangel" entstehe. Teilweise müsse ein Pfleger bis zu 40 kranke Menschen betreuen. "Die Leute werden verheizt." Gleichzeitig wirft er der Klinik vor, so viele Patienten wie möglich aufzunehmen, um Profit zu machen. "Helios ist ein System. Und es presst aus Personal und Klinik raus, was nur geht." Viele Kollegen würden freiwillig kündigen. Laut Verdi-Gewerkschafter Christian Reischl haben im zweiten Quartal deutlich mehr Krankenpfleger, Hilfskräfte und Therapeuten das Dachauer Krankenhaus verlassen, als neue Mitarbeiter hinzugekommen sind.

Diese Aussage weist das Helios Amper-Klinikum zurück. Wie Reischl zu der Ansicht komme, könne man nicht nachvollziehen, sagt eine Sprecherin. Außerdem setze man in den Helios Amper-Kliniken Dachau und Indersdorf auf den jeweiligen Stationen "die in Deutschland übliche Besetzung für das Verhältnis zwischen Pflegekraft und zu betreuenden Patienten um". Dabei berücksichtige man Pflegeintensitäten. "Bei kurzfristigen Personalausfällen wie beispielsweise Krankheit prüfen wir, wie durch Hinzuziehung des Springerpools oder Umorganisation ein Ausfall bestmöglich kompensiert werden kann." Gramlich dagegen sagt, man werde an freien Tagen zuhause angerufen. "Man selbst hat einen ethischen Anspruch." Als Krankenpfleger wolle man allen Patienten helfen, doch die Umstände machten dies unmöglich.

Nach seiner Rede auf dem Podium liest er ein dreiseitiges Schreiben vor, in dem Schüler der Dachauer Krankenpflegeschule über ihre Ausbildung berichten: "Man ist hemmungslos überfordert, weiß nicht, wo vorne und hinten ist, kein Ansprechpartner da, Ärzte sind verärgert, Patienten klingeln und beschweren sich, dass man keine Auskunft geben kann und nichts weiß", heißt es darin. Unter anderem hoffe man, niemanden reanimieren zu müssen. "Vieles konnte nicht gezeigt oder beigebracht werden durch den chronischen Pflegermangel." Dieser Schilderung widerspricht man bei Helios. "Das Verhältnis zwischen Schülern und Praxisanleitern wird bei uns eingehalten", so die Sprecherin. "Für Helios hat die Ausbildung in den Pflegeberufen einen sehr hohen Stellenwert, um den Nachwuchs bestmöglich auf diesen wichtigen Beruf vorzubereiten."