Gesundheitspflege Debatte über Hygiene am Kreisklinikum

Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) will die Beschwerden über die Zustände im Klinikum zum Thema der Kreispolitik erheben.

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Die Helios Amper-Klinikum AG in Dachau und Markt Indersdorf gerät wegen der als unerträglich empfundenen hygienischen Zustände vor allem im Dachauer Krankenhaus massiv unter kommunalpolitischen Druck. Der Karlsfelder Bürgermeister Stefan Koble (CSU) hat als Sprecher aller 16 Kollegen im Landkreis eine Debatte im Kreistag über die Qualität der Kliniken angeregt. Er zeigte sich besorgt, "dass die ganzen Rahmenbedingungen nicht besser, sondern schlechter werden".

Der Vorstandsvorsitzende für Helios in Dachau, Christoph Engelbrecht, kontert: "In der Hygiene sind wir sehr gut." Statistisch gesehen kommt auf 20 000 Patienten in Dachau eine Infizierung mit einem Krankenhauskeim. Bundesweit liegt die Quote bei 2,5 Prozent. Er zitiert die interne Statistik der Beschwerden, die bis zum Jahr 2015 durchschnittlich bei 200 Klagen gelegen sei. "Dieses Jahr sind wir im Oktober gerade bei 120."

Bettwäsche wechseln die Angehörigen

Seit bald drei Jahrzehnten flackern die Diskussionen über die pflegerische Qualität immer wieder heftig auf. So hatte sich die Gewerkschaft Verdi vor einigen Jahren wegen des Verdachts der gefährlichen Pflege eingeschaltet. Aufsehen erregte das Krankenhausunternehmen, das sich damals mehrheitlich im Besitz der Rhönklinikum AG befand, durch eine Trennung der Bereiche Pflege, Versorgung und Hygiene. Dadurch sollten Fachkräfte entlastet werden, um sich auf ihre medizinische Aufgabe zu konzentrieren. Ihnen sollte angelerntes Personal für sonstige Tätigkeiten wie Essenausteilung, Bettenmachen oder Putzen zur Seite stehen.

Die Massivität der Kritik erstaunt die Helios-Führung, wo sie doch gerade 70 Millionen Euro in den Ausbau des Dachauer Klinikums investiert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Vor vier Jahren veräußerte die Rhönklinikum AG ihre Anteile an die Helios Kliniken GmbH, die eine Tochter des zurzeit größten europäischen Gesundheitskonzerns ist, der Fresenius SE. Vor drei Jahren hob Personalchefin Karin Gräppi im Interview mit der SZ die besonderen unternehmerischen und betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten von Helios hervor. Aber in den letzten Wochen häufen sich die Beschwerden. Eine Leserin berichtete der SZ, dass frische Bettwäsche im Zimmer zwar vorhanden war, ihr Angehöriger aber in der alten schmutzigen liegen blieb. Eine Pflegerin berichtete, dass sie und ihre Kollegin wegen des Arbeitsaufwands nicht mehr in der Lage seien, auch noch zu putzen. Manche Zimmer blieben über mehrere Tage hinweg ungereinigt, auch im sanitären Bereich. Die Dachauer Nachrichten berichteten in den vergangenen Wochen von zahlreichen massiven Beschwerden von Patienten und Angehörigen.

"Die Matratzen sind unter aller Kanone."

Am vergangenen Donnerstagabend erzählte der Karlsfelder Bürgermeister Stephan Kolbe in der Gemeinderatssitzung von Klagen seiner Mutter nach dem Aufenthalt im Dachauer Klinikum. Deren Kritik unterstrich er am Dienstag im Gespräch mit der SZ: "Die Matratzen sind unter aller Kanone." Er berichtete von Anrufen und persönlich vorgetragenen Beschwerden in Karlsfeld. Deswegen habe er Landrat Löwl kontaktiert. Kolbe sagte der SZ: "Der Kreistag muss sich dieses Themas annehmen." Sein Eindruck: "Die medizinische Versorgung ist sehr gut", nicht aber die pflegerische. Diese Einschätzung teilt Gemeinderätin Birgit Piroué (Bündnis für Karlsfeld). Sie habe als Patientin in der Klinik gelegen, "erster Klasse wohlgemerkt", und die Fernbedienung des Fernsehers sei mit einer dicken Schmutzschicht überzogen gewesen. Sie sorge sich um den guten Ruf des Dachauer Klinikums.

Dem Betriebsratsvorsitzenden der Amperklinikum AG, Claus-Dieter Möbs, ergeht es genau so. Er unterscheidet zwischen den äußeren Bedingungen und den internen Problemen. Dass kaum noch jemand den Pflegeberuf ergreife, sei in der schlechten Bezahlung und den hohen Lebenshaltungskosten gerade in einem Ballungsraum wie München begründet. Aber er monierte das auf Profitstreben ausgerichtete betriebliche Klima, das die Probleme noch verschärfe. Möbs sieht nur noch einen Ausweg, auch um die Identifikation der Bevölkerung mit den Kliniken zu erhalten und zu verbessern: "Die Politik ist gefordert. Der Kreistag muss sich einschalten." Möbs: "Sonst passiert nichts." Der Kreistag wäre rechtlich dazu in der Lage. Denn der Vertrag mit Helios reserviert dem Gremium nach offizieller Lesart ein höheres Mitspracherecht, als es der Minimalanteil von 5,1 Prozent am Unternehmen vermuten lässt.

Christoph Engelbrecht leitet die Helios Amper-Klinikum Dachau AG und will in den nächsten Wochen die Standards für die Sauberkeit in Dachau erheblich und entscheidend erhöhen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Komplizierte Reinigungsverfahren

Gegen eine offene Debatte hätte Vorstandsvorsitzender Engelbrecht nichts einzuwenden. Vorausgesetzt es würden die aus seiner Sicht wesentlichen Ergebnisse und Fakten berücksichtigt. Er pocht auf eine klare Unterscheidung zwischen Sauberkeit und Hygiene. Infektionen würden zu 90 Prozent über Hände übertragen. Sämtliche Werte belegten, dass das Dachauer Klinikum zu den zehn Prozent der hygienisch am besten geführten Häusern bundesweit zählten.

Davon sei die visuell wahrnehmbare Sauberkeit von Patientenzimmern, technischen Anlagen und sanitären Räumen zu unterscheiden. "Da müssen wir besser werden." Engelbrecht fügt hinzu, dass Dachau in diesem Punkt noch nie besonders gut war. Ein Grund sei das komplizierte Verfahren der Reinigung mit getrennten, nicht untereinander abgestimmten Teams. Die Reorganisation habe bereits begonnen, mit dem Ziel, die Pflegefachkräfte völlig von den Sauberkeitsdiensten zu befreien. Auf die Frage, ob Helios mehr Servicepersonal einstellen will, sagt Engelbrecht: "Wir sparen jetzt nicht."