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Geschichtsunterricht :Großeltern als Augenzeugen

Michael Lerchenberg, 2017

Der Schauspieler Michael Lerchenberg.

(Foto: Robert Haas)

Was Lerchenbergs Familie mit der Novemberrevolution verbindet

Michael Lerchenberg hat zur Novemberrevolution von 1918 und zu Dachau ganz besondere Beziehungen: Er wurde in Dachau geboren, seine Großeltern waren Zeitzeugen der Ereignisse von 1918/19.

SZ: Herr Lerchenberg, warum haben Sie sich so intensiv mit der Novemberrevolution und ihren Folgen beschäftigt?

Michael Lerchenberg: Die Politik des 20. Jahrhunderts spielt sich auch in meiner Familie ab. Väterlicherseits gibt es die Dachauer und mütterlicherseits die Münchner Großeltern, welche die Räterepublik erlebt haben. Mein Großvater war zum Beispiel Kassenbeamter der Stadt München. Er hat damals das Geld der Stadtkasse gerettet, und meine Großmutter hat die Erschießungen in Sendling erlebt. Ich kannte diese Geschichten schon als Kind. Da gab es keinen Mantel des Schweigens. Mein erstes Wissen über die Räterepublik kam von meinen Großeltern, den Augenzeugen.

Und die Dachauer Familie?

Mein Großvater hatte in Dachau ein Textilgeschäft. Er war aber auch leidenschaftlicher Politiker, er war Mitglied des Stadt-Magistrats und gehörte der Bayerischen Volkspartei BVP an, der Vorgängerpartei der CSU. Außerdem war er Stadtkämmerer, aber ehrenamtlich und nicht verbeamtet wie heute. 1933 sind er und meine Onkel von den Nazis im Dachauer Stadtgefängnis eingesperrt worden, weil diese die Wiedereinsetzung einer Monarchie in Bayern für noch gefährlicher hielten als die linke Opposition. Nach ein paar Tagen waren die Monarchisten der BVP keine Gefahr mehr, und man hat sie freigelassen. Aber mein Großvater blieb bis Kriegsende '45 im Visier der Nazis.

Ist es Zeit für eine neue demokratische Revolution?

Revolution um der Revolution willen funktioniert nicht. Revolutionen funktionieren nur, wenn die Situation dafür reif ist. Die jüngste deutsche Revolution war 1989 in der DDR. Ohne einen Tropfen Blut! Auch da war die Zeit reif. Es gibt einen schönen Satz: "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!"