bedeckt München 21°

Geschichten über den Moment der Befreiung in Dachau:Ein Mosaik der Erinnerung

Eine Videobotschaft des KZ-Überlebenden Peter Johann Gardosch ist Teil der "Werkstatt der Erinnerung".

(Foto: KZ-Gedenkstätte Dachau/oh)

In einem Live-Stream erzählen ehemalige amerikanische Soldaten und KZ-Häftlinge in Dachau von ihrer Geschichte und dem einzigartigen Moment der Befreiung am 29. April 1945. Die Gedenkstätte ist ein Sammelpunkt vieler individueller Schicksale und Perspektiven

Von Eva Waltl, Dachau

Die "Werkstatt der Erinnerung" sei, so betont es Karl Freller "von unschätzbarem Wert" für die Erinnerungsarbeit. Der CSU-Landtagsvizepräsident und Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten ist in einer von vielen Videobotschaften zu sehen, die zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau abgespielt werden. Überlebende, Befreier und Nachkommen von ehemaligen KZ-Häftlingen kreieren via Livestream einen Raum, in dem die Vergangenheit aufersteht. Individuelle Geschichten, berührende Worte, erzählende Gesichter - sie beschreiben und erklären die Ursachen der NS-Verbrechen - und mahnen davor, dass jemals wieder Menschen ausgegrenzt, verfolgt und ermordet werden. Ein digitaler Ort der Begegnung und des Austausches.

Dass diese wie schon 2020 nicht persönlich stattfinden können, sei "besonders bedauerlich", sagt Freller. Schließlich seien es eben solche Gespräche, die die Arbeit in den Gedenkstätten maßgeblich beeinflussten. Im Zentrum der Erinnerungswerkstatt steht neben den Erfahrungsberichten auch der Blick in die Zukunft und die Frage, wie künftiges Erinnern aussehen wird. Auch für jüngere Generationen, denn immer weniger Überlebende können in einen direkten, persönlichen Dialog treten und ihre Geschichten, die von Brutalität und Leid gezeichnet sind, teilen. "Die heutigen Schüler werden die Letzten sein, die davon berichten können, Überlebende des KZ persönlich getroffen haben", erklärt Freller. Sie sind die letzten Zeugen der Zeitzeugen. Die "Werkstatt der Erinnerung" sorgt dafür, dass die Schicksale der Überlebenden auch für spätere Generationen bewahrt bleiben. General Jean-Michel Thomas, Präsident des Comité International de Dachau, betont, wie wichtig die "Werkstatt der Erinnerung" besonders auch unter diesem Aspekt sei. Gespräche und Videoaufnahmen stellen wichtige Zeugnisse derer dar, die im KZ Dachau gelitten haben und sind "der wichtigste Beitrag der Gedenkstätte", sagt Thomas. Er gedenkt aller Opfer: "Dieses Gefühl bedarf keiner langen Reden. Es drückt sich durch Schweigen, Respekt und Mitgefühl für alle aus."

In der ersten Videobotschaft erzählt Peter Johann Gardosch seine Geschichte. Er trägt ein dunkelblaues Polohemd und eine große Brille mit goldener Fassung. "Ich habe schlimme Sachen erlebt", sagt der 90-Jährige. Seine Augen blicken ernst in die Kamera. Er stammt aus Siebenbürgen und einer gutbürgerlichen jüdischen Familie. Sein Leben war "erträglich", bis die Deutschen Ungarn besetzten. "Ab dann ging die Hölle los." Er hustet ein paar Mal, entschuldigt sich und nimmt einen großen Schluck Wasser, die Aufnahme läuft weiter. Er berichtet von den alltäglichen Schikanen, unter denen Juden und Jüdinnen litten. Er war damals ein 13-jähriger Junge. "Man durfte nicht auf der Sonnenseite der Straße spazieren gehen, durfte keinen Hund halten." Als die Nachricht zu der Familie durchsickerte, ungarische Juden würden nach Auschwitz deportiert werden, habe seine Mutter dies nicht für wahr halten wollen. "Sie war so naiv", erinnert sich Gardosch. Die Worte seiner Mutter kann er auswendig vortragen. Wie sie von Deutschland als einem "zivilisierten Land" sprach, wo sie in der Landwirtschaft arbeiten könne. "Sie kaufte sich dafür sogar einen Strohhut, um während der Arbeit keinen Sonnenstich zu bekommen." Es vergingen nicht viele Tage bis sich die Familie in einem Waggon wiederfand, dessen Endhaltestelle Auschwitz hieß.

Gardosch erzählt von der Selektion, wie die SS-Männer an der Rampe starke und schwache Menschen in zwei Gruppen aufteilten und davon, wie er den Strohhut seiner Mutter weggehen sah. "Ich konnte mich nicht verabschieden." Auf die Frage, ob Gardosch wusste, was mit seiner Mutter und seiner Schwester damals passiert ist, antwortet er und kurz zittert auch seine sonst so kräftige Stimme: Am Tag der Ankunft in Auschwitz wurden sie ermordet. "Ich bin ein alter Mann, aber es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke." Auch nach Kriegsende bleiben die schrecklichen Bilder in seinem Kopf. Wie erging es ihm nach dem Krieg mit den Erinnerungen? "Ich hatte wahrscheinlich eine schwere Depression, aber wusste es nicht. Heute bin ich glücklich und hoffe, dass so etwas nie wieder passiert."

Die Lebensgeschichten der ehemaligen KZ-Häftlinge Karl Leisner, Karl Riemer und Franz Blaha werden von Mitarbeitern der KZ-Gedenkstätte stellvertretend vorgetragen. Es sind Geschichten, die von unbändigem Mut sprechen und von unvorstellbarer Grausamkeit: Karl Leisner, der im KZ die Priesterweihe erhielt, im Alter von 30 Jahren starb und die Worte "Segne auch, Höchster, meine Feinde" hinterließ. Und der tschechische Arzt Franz Blaha, der im Laufe seiner Lagerhaft gegen die Brutalität, mit der die Gefangenen behandelt wurden, unaufhörlich kämpfte. Nach der Befreiung sagte Blaha bei den Nürnberger Prozessen und den Dachauer Hauptprozessen aus. Seine Aussagen sind erschütternd und spielten für die Nürnberger Prozesse eine wichtige Rolle. Und Karl Riemer, dem wenige Tage vor der Befreiung die Flucht gelang, ihm wird auch aufgrund seines außerordentlichen Mutes gedacht. Riemer schilderte einem US-Stadtkommandanten die Situation im Lager und informierte ihn über die Todesmärsche.

Anschließend spricht Moderator Christoph Thonfeld, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau. Er steht auf dem Gelände der Gedenkstätte. Von hier aus erzählt er den Zuschauern von dem historischen Ereignis der Befreiung am 29. April 1945. Es werden Videos von ehemaligen Soldaten der US-Armee eingeblendet, die die Häftlinge damals befreiten. William Dempsey, Angehöriger der Rainbow-Division, berichtet von unzähligen Leichen: "Falls wir je einen Grund zu kämpfen hatten, war es dies", sagt er.

Es seien enge Beziehungen zwischen Befreiern und Befreiten entstanden, erzählt Thonfeld den digitalen Besuchern. Viele der US-Soldaten sprechen von überwältigender Freude. "Häftlinge umarmten uns und waren glücklich", sagt der ehemalige Soldat Birney Havey in seiner Videobotschaft. Dachau sei ein Sammelpunkt vieler individueller Berichte, vieler Perspektiven und Sichtweisen, so Thonfeld. Daraus versuchen die Gedenkstättenmitarbeiter, ein Mosaik zusammen zu stellen. Die Werkstatt der Erinnerung ist ein Mosaikstein.

© SZ vom 04.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema