SZ-Serie: Geschichten aus dem Dachauer Land, Folge 4 Mehr Kühe als Einwohner

Priel hat trotz seiner geringen Größe einiges zu bieten. Die Milchtankstelle ist jedenfalls weithin bekannt, die Band "Deadful Greates" ebenso.

Von Magdalena Hinterbrandner, Bergkirchen

Wer es eilig hat oder in Gedanken versunken ist, übersieht es schnell. Denn kaum hat man Priel erreicht, ist man auch schon durchgefahren. Das winzige Örtchen besteht nur aus ein paar Häusern, die aneinandergereiht in der Landschaft stehen, ein paar Kilometer hinter Bergkirchen. Man könnte fast sagen, es ist eher eine Nachbarschaft als ein Dorf. Denn in Priel leben mehr Kühe als Menschen.

Und so klingt für einen Städter die Wegbeschreibung von Johann Groß schon völlig unglaublich, ja verwirrend: "Einfach die Kreisstraße immer weiterfahren, dann kommt da irgendwann Priel und dann ist unser Hof nicht schwer zu finden, soviel mehr Häuser gibt es da nicht." Groß führt mit seinen Eltern Johann und Maria in der sechsten Generation einen landwirtschaftlichen Betrieb. 35 Kühe stehen auf seinem Hof. Einwohner gibt es aber nur 20.

Doch trotz seiner eher unbedeutenden Größe sollte man diesen Ort nicht unterschätzen. Hier gibt es mehr als nur einen Bauernhof und ein paar Wohnhäuser. Da ist die Autowerkstatt Huber, und die Aufzugsfirma Butz. Sie liegt direkt gegenüber vom Groß'schen Hof. Paradoxerweise sind dort auch mehr Arbeiter beschäftigt, als Priel Einwohner hat. Der Ort wirkt fast schon wie ein Gewerbeviertel, so geschäftig geht's hier zu. Zumindest tagsüber, wenn die Pendler hierher kommen, um zu arbeiten.

Sechs Familien wohnen in Priel. Johannes Groß ist der Jüngste. Er wurde 1993 geboren. Anna Merkel, geboren 1930, ist dagegen die Älteste. Und wer hier aufgewachsen ist, ist stolz darauf. "Nein, man ist kein Bergkirchner, man ist auch kein Palsweiser oder Lauterbacher oder so. Wir sind Prieler!", betont Johannes Groß. Dabei findet das Sozialleben der 20 Prieler eigentlich anderswo statt. Johannes Groß ist zum Beispiel in der Freiwilligen Feuerwehr Bergkirchen engagiert. Das übrige Vereinsleben findet in Lauterbach statt, in die Kirche geht man in Palsweis. Trotzdem ist man Prieler, und nichts sonst.

Zu den Festen der Nachbarorte sind die Prieler natürlich auch immer eingeladen. "Da setzt man sich halt dann zu den Palsweisern oder Lauterbachern an den Tisch", sagt Maria Groß, die Mutter von Johannes. "Als Prieler ist man natürlich immer ein wenig alleine, weil es ja nicht so viele von uns gibt."

Anfangs hat sich Maria Groß sehr schwer getan. Sie hat in die Familie eingeheiratet und kam so erst relativ spät nach Priel. Zunächst fühlte sie sich etwa verloren. "Ich war echt unglücklich", gesteht sie. Doch heute ist das anders. "Wenn man sich dann aber mal eingelebt hat und die ganzen Menschen kennen gelernt hat, dann will man hier auch nicht mehr weg", sagt sie. Maria Groß fühlt sich jetzt einfach angenommen von der Familie und auch von den Nachbarn. Sie hat ihren Platz in Priel gefunden.

Ein wenig Selbstbewusstsein brauche man als "eingefleischter Prieler" aber schon, gibt Johannes Groß zu. Besonders wenn man sich zu den "anderen" - den Lauterbachern oder Bergkirchnern - dazugesellt. "Aber das haben wir ja alle", erklärt der 24-Jährige. Er musste sich schon immer ein wenig durchboxen. Schließlich ist er der einzige seiner Generation im Ort. Seinen beiden älteren Schwestern wollten lieber hinaus in die weite Welt und so haben sie Priel schon vor langer Zeit verlassen. Bei Johannes ist das anders. Er kann sich ein Leben außerhalb seines Heimatortes kaum vorstellen. Schon mit 14 Jahren hat er eine Art Traktor-Führerschein gemacht, um hinaus aufs Feld fahren zu können und auch sonst geht er seinem Vater bei der Landwirtschaft zur Hand.

Aber warum bleibt ein junger Mann wie Johannes Groß so gern in so einem kleinen Nest? Es ist wohl der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft. Man kennt sich, man schätzt sich und man hilft einander wo man nur kann. "Wenn unser Auto kaputt ist, wird das zum Nachbarn Huber zum Reparieren gebracht, und dafür wird bei uns im Hofladen eingekauft", erzählt Johannes Groß. Seit ein paar Jahren gibt es die Milchtankstelle auf dem Hof. Das ist ein Automat in einer kleinen, offenen Holzhütte. Wenn man einen Euro einwirft, bekommt man einen Liter Milch. Und jeder der sich an dem hübsch gestalteten Automaten bedient, weiß, dass die Milch von den Kühen kommt, die man von der kleinen Holzhütte aus im Stall sehen kann. Die Milchtankstelle war übrigens die Idee von Johannes Groß. Kein Wunder, dass er sie gern zeigt. Er ist stolz darauf.

Vor dem Automaten steht ein kleines Bankerl, auf dem es auch noch Käse oder Gemüse und Obst gibt, je nachdem was der Hof gerade alles hergibt. Da kommt es dann auch schon mal vor, dass die Nachbarschaft sich bei der Milchtankstelle zum Einkaufen trifft. Es ist ein richtiger Treffpunkt geworden, an dem man sich gerne mal verratscht. Übrigens sind es nicht nur die Prieler, die hier einkaufen. Die Milchtankstelle ist im gesamten Dachauer Umland bekannt und zu einer echten Attraktion geworden.

Und es ist nicht die einzige in Priel: Die Nachbarin Andrea Mannhardt hat eine eigene Band, die "Deadful Greates". Einmal in der Woche trifft sich die Band in ihrem Haus zur Probe. Probleme wegen Lärmbelästigung hat es in Priel noch nie gegeben. "Das stört niemanden. Überhaupt juckt es nie jemanden, wenn man hier lauter ist oder wir sonntags Rasen mäht. Das ist die schöne Freiheit, die man hier hat", schwärmt Johannes Groß. Die Band jedenfalls ist auch schon weit über das Dachauer Hinterland hinaus bekannt. "Die hatten sogar schon einen Auftritt auf dem Niel." Ab und zu geben sie aber auch einfach kleine Konzerte im Keller des Anwesens, zu denen dann auch die Prieler kommen. Sie zählen schließlich zu den größten Fans.

Aber es gibt noch ein kulturelles Highlight in Priel: das Bauchladentheater von Martin Hinder. Es ist eine kleine Ein-Mann-Show. Hinder hängt sich einfach sein Theater um den Hals und beginnt mit der Vorführung. Er ist sogar schon ziemlich bekannt, nicht nur in Priel und Umgebung. Es gibt Leute, die sogar von Köln oder auch Rosenheim extra anreisen, um Hinders Theaterspiel zu sehen. Aber nicht nur das. Die meisten wollen dann auch einen Workshop bei ihm belegen, um die Kunst selbst zu lernen.

Und wer der Idylle mal kurz entfliehen will, weil er mal ein bisschen Auslauf braucht, oder zum Einkaufen will, der kommt schnell und relativ problemlos mit Bus und Bahn nach München. Innerhalb von einer halben Stunde ist man da, sagt Maria Groß. Auch Dachau ist nicht weit. Zum Metzger oder Bäcker ist es weniger als einen Kilometer entfernt, versichert sie.

Aber woher kommt der Name? Priel nennt man ja eigentlich einen natürlichen Wasserlauf im Watt oder auch in Küstenüberflutungsmooren. Der winzige Ort bei Bergkirchen ist jedoch nicht im Küstenüberflutungsmoor gelegen - zumindest nicht auf den ersten Blick. "Wir haben hier einen Jahresniederschlag von 780 Liter pro Quadratmeter", erklärt Johannes Groß. "Wenn wir auch nur einen Meter tief graben, kommt schon das Wasser." Also doch ein Küstenüberflutungsmoor? Auf jeden Fall passt der Name.