bedeckt München 17°
vgwortpixel

"Geschichten aus dem Dachauer Land":Aus der Zeit gefallen

Jahrhunderte lang hatte Hackermoos weder Namen noch Nutzen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg rangen Siedler dem Torfboden Gemüse ab.

Früher sagte man, die Menschen aus dem Moos, die sind nicht besonders helle. Wie dumm musste man schließlich sein, um zu glauben, diesem Boden irgendetwas abgewinnen zu können? Außer dem Torf natürlich, den Fabriken von Arbeitern stechen ließen, die trotz ihrer mühselig verbrachten Stunden in Armut lebten. Natürlich musste man nicht dumm sein, um im Moos zu leben. Es reichte schon, kein Geld, keine Chancen und keine Wahl zu haben. Nichts davon hatten auch viele Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Dachau kamen. Und selbst diese rissen sich beileibe nicht um die acht Häuser mit ihren jeweils zwölf Hektar Grundstück, die ihnen die bayerische Regierung im Hackermoos anbot.

So erzählt es Walter Hoffmann. Er bewohnt mit seiner Frau, der Grünen-Kreisrätin Marese Hoffmann, das letzte noch in originaler Bauart erhaltene Mooshaus in dem Ort am Rande der Gemeinde Hebertshausen, am äußersten Zipfel des Landkreises Dachau. Hackermoos besteht aus der Badersfelder Straße und der Siedlerstraße. Von der Bundesstraße 471 kommend, ist es gar nicht ausgeschildert. Um zu den ehemaligen Siedlern zu kommen, muss man von der schmalen befestigten Landstraße abbiegen in eine Allee aus Birken, die einen Hinweis darauf geben, wie feucht der Boden ist. Heraus aus der Siedlerstraße führt an der anderen Seite ein Feldweg. Die Telefonvorwahl ist schon die der Landeshauptstadt. Das ist aber auch das einzig städtische an Hackermoos.

Jahrhundertelang hatte diese Landschaft weder einen Nutzen, noch einen Namen. Heute hat Hackermoos 88 Einwohner, einen Schafzüchter, einen Fischzüchter, eine Pension, eine 2010 von den Einwohnern neu errichtete Kapelle und den Gemüsegarten der Hoffmanns. Sie haben den Großteil ihrer Felder an die Biobauern vom Obergrashof verpachtet. Viele Flächen in Hackermoos werden von Bauern aus anderen Landkreiskommunen beackert. Jahrhunderte lang trennte diese Landschaft das Dachauer Land von München. Wie es auf der Heimatpflege-Seite auf der Homepage der Gemeinde Hebertshausen heißt, war das Moos der Grund, dass familiäre und wirtschaftliche Beziehungen der Dachauer sich eher nach Westen und Norden orientierten. Der Schleißheimer Kanal, der um 1692 angelegt wurde, schuf eine erste Verbindung nach Osten. Den Nutzen des Mooses entdeckten die Dachauer und Münchner Brauereien im 19. Jahrhundert. Damals stellten sie auf Torffeuerung um.

Mathias Pschorr begründete im Juli 1856 die Hackerbräu-Schwaige und gab damit der späteren Ortschaft ihren Namen Hackermoos. Bis 1912 blieb die Schwaige im Besitz der Brauerei, dann kaufte sie das bayerische Militär. Die Flächen nebenan gehörten Leistbräu, das später im Franziskaner-Unternehmen aufging. Die Moosschwaige der Leist-Brauerei wurde 1924 an die bayerische Landesanstalt für Moorwirtschaft verkauft, die Hackerschwaige im Jahr 1942.

Denn es gab eine Zeit, da zählte der Staat selbst zu den Dummen, die versuchten, auf dem Moos Landwirtschaft zu betreiben. Eine kleine Siedlung gleich am Ortseingang geht auf die Arbeiterhäuser zurück, die für die Angestellten der Moorversuchsanstalt gebaut wurden. Weil der Ackerbau aber zu mühsam und aussichtslos erschien, wurde dieses Land auf der Gemarkung Hebertshausen schließlich den Flüchtlingen aus dem Osten angeboten. Walter Hoffmanns Eltern kamen aus dem Sudetenland. Sie und seine geschäftstüchtige Tante fanden bald heraus, dass sich das Land zwar nicht für Weizen und Gerste, wohl aber für den Gemüseanbau eignete. "Das Moos und die gelbe Rübe haben eine besondere Beziehung", sagt Hoffmann und lacht verschmitzt. Wegen des besonderen Bodens kamen die Mohrrüben glatt und ansehnlich aus dem Boden, sie ließen sich auf dem Großmarkt in München gut verkaufen.

Heute prägen nicht mehr die Rübenfelder den Ort, sondern die Suffolkschafe der Trinkls. Bernhard Trinkl treibt an einem seiner Urlaubstage die hübschen, weißen Tiere mit den schwarzen Gesichtern über die Wiese. Aus Leidenschaft hat sein Vater einst mit der Zucht angefangen, heute besitzt die Familie 100 Mutterschafe. Zählt man alle Lämmer mit, umfasst die Herde manchmal bis zu 300 Tiere. Der Arbeitstag beginnt für Vater und Sohn halb sechs Uhr morgens, wenn die Tiere gefüttert werden. Auch eine Schar graubrauner stattlicher Toulouser Gänse und rund 200 braune, plustrig-dicke Hühner müssen versorgt werden. Dann fährt jeder zu seiner Arbeit, Johann Trinkl ist hauptberuflich Fliesenleger und Kachelofenbauer, Sohn Bernhard ist Kunstschmied im Betrieb von Michael Poitner in Biberbach, mit dem er an der Replik des verschwundenen KZ-Tors gearbeitet hat.

Claudia Klein ist am Mooshäusl aufgewachsen.

(Foto: Toni Heigl)

Mehr Tiere als Menschen, kein Laden, ohne Auto kommt man hier weder her noch weg - den 23-Jährigen stört das nicht. "Ich werde das hier übernehmen", sagt er und blickt stolz über Ställe und Schafweiden. Die Hühner sind ohnehin seine Idee, die Eier verkauft er im Hofladen. Urlaub und Freizeit widmet er dem Hof, seine jüngere Schwester hilft schon mit. Das einzige, was noch fehlt: eine gescheite Internetverbindung. "Die ist schon arg ruckelig hier draußen." Die Dorfbewohner setzen ihre Hoffnung auf die versprochenen Glasfaserkabel, vielleicht, so hofft, Claudia Klein, werden dann auch die Straßen saniert und ein bisschen verbreitert. Klein hat ihre gesamten 42 Lebensjahre in Hackermoos verbracht. Sie führt die Pension im Mooshäusl, seit 1907 ist es im Besitz von Kleins Familie. So jung Claudia Klein ist, so ungewöhnlich mutet es an, wenn sie berichtet, wie sie mit ihren zwei Schwestern aber ohne Freunde, ohne Nachbarn, in der Einsamkeit des Mooshäusls aufgewachsen ist.

Das Mooshäusl ist viel älter als der Ort Hackermoos. Seine Geschichte beginnt 1875, als der Brauer von Mariabrunn um Erlaubnis bat, eine Schankwirtschaft für die Torfstecher und Moosarbeiter einzurichten. In den Dreißigern, so berichtet die Chronik, welche Klein auf die Homepage ihrer Pension gestellt hat, fanden hier rauschende und nicht immer genehmigte Faschingsfeste statt. In Kleins Kindheit gehörten zum Wirtshausbetrieb noch Landwirtschaft und Fischzucht dazu. Alle drei Schwestern sind da geblieben, haben die Aufgaben untereinander verteilt.

Nachbarn haben die Kleins bis heute nicht. Damit ihr Sohn seine Schulfreunde sehen kann, wird er von den Eltern gefahren. Er soll nicht ganz so einsam aufwachsen. Allerdings scheint den 15-Jährigen die Abgelegenheit genauso wenig zu schrecken wie Bernhard Trinkl. Eine Lehrstelle hat er schon, später will er als Hotelfachwirt den elterlichen Betrieb übernehmen. Die Pension laufe gut, Handwerker, Durchreisende, München-Besucher und Wiesn-Gänger kommen gern und schätzen die Ruhe so nah an der Großstadt. Klein und ihr Mann planen sogar eine Erweiterung. Und dann, wenn es mehr Übernachtungsgäste gibt, sagt sie, kann wahrscheinlich auch der Gaststättenbetrieb wieder aufgenommen und der Biergarten geöffnet werden. Lange Zeit war der Publikumsverkehr viel zu gering, sagt die Wirtin.

Steckbrief

Ort: Hackermoos

Gemeinde: Hebertshausen

Einwohnerzahl: 88

Gründung: nach dem 2. Weltkrieg

Größter Moment in der Geschichte: Eröffnung des Mooshäusls 1875, Verlegung der Glasfaserkabel (steht noch bevor)

Wichtigste Einrichtungen: Hofladen der Trinkls, da gibt es frische Eier

Sehenswürdigkeiten: Kapelle Maria im Moos

Bekannteste Persönlichkeiten: Grünen-Kreisrätin Marese Hoffmann, die Suffolkschafe der Trinkls

Viel Zerstreuung gibt es also nicht in Hackermoos, in diesem Jahr ist auch noch das Fischerfest beim Züchter Bernd Kiffner ausgefallen. Zuviel bürokratischer Aufwand, zu viele Vorschriften, sagt Kiffner. Seit 25 Jahren betreibt er in den 16 Teichen eine Satzfischzucht. Äschen, Barsche und verschiedene Arten Karpfen und Forellen züchten Kiffner und sein kleines Team. Sie werden ausgesetzt in Bächen und Weihern, Seen und Flüssen. Überall da, wo Anglervereine etwas fangen wollen oder wo Fischarten wieder angesiedelt werden sollen. Kiffner hat die Fischzucht von Kleins Eltern gepachtet. Die Landschaft eignet sich für diese Nutzung. Der Grundwasserspiegel lag immer recht hoch, aus den Entwässerungsgräben im Moos speisen sich die kleinen Teiche.

Doch das Wasser fließt spärlicher. Das spürt der Fischzüchter und das spüren die Landwirte. Walter Hoffmann führt zu einem von Birken und anderem Gehölz bestandenen Entwässerungsgraben. Am Boden fließt ein wenig Wasser. "Vor ein paar Jahrzehnten stand das Wasser bis zum Rand", sagt er. Heute stürben bereits einige Birken ab, wegen Trockenheit. Wenn es so weiter gehe, müsse man aus den Entwässerungsgräben Bewässerungsgräben machen, sagt Kiffner. Der Grundwasserspiegel ist mit den Jahren gesunken, das liege auch an der Bautätigkeit in München und zunehmender Bodenversiegelung, erklärt Fischwirtschaftsmeister Kiffner. "Der Mensch ist ein Räuber", sagt Claudia Klein. Sie ist selbst auf die Landwirtschaftsschule gegangen. "Die Böden sind auch gut ausgenutzt worden." Zudem ist durch Wind und Bodenerosion viel Erde abgetragen worden: Hoffmann führt auf ein Gemüsefeld und greift zum Spaten, drei Stiche und er stößt auf Kies. In der Landschaft sind zum Teil noch die Busch-und-Baumstreifen zwischen den Feldern zu sehen. "Unsere Vorfahren waren klug", sagt Hoffmann. Sie wussten, dass sie gegen den Wind, der die Erde abträgt, angehen müssen. Als Bub habe er noch die Moordünen gesehen, die der Wind auf dem flachen Land formte. "Nach zwei Generationen ist das hier alles zu Ende gegangen", sagt Hoffmann und blickt auf die Siedlerzeit zurück. Die gelben Rüben wuchsen immer schlechter und verkauften sich immer schlechter. Hoffmann hat irgendwann auf seinem Land eine Pferdepension eröffnet. Auf einigen Quadratmetern pflanzt er noch immer seltene Gemüsearten und vielerlei Kräuter an, dazwischen stehen Sonnenblumen. Für Tiere ist das ein Paradies.

Aus Sicht einiger Besucher auch: Filmteams haben Hackermoos entdeckt. Besonders das Mooshäusl hat es ihnen angetan. "Hier sind schon locker zehn Filmteams zum Drehen gewesen", sagt Klein. "Die suchen dieses Urige." Der bayerische Rundfunk hat schon für "Dahoam is Dahoam" gedreht und für die Serie Soko. Besonders prominent ist die Gaststätte in der Ost-West-Komödie "Sedwitz" zu sehen, die zur Zeit der deutschen Teilung an der fränkisch-thüringischen Grenze spielt. Dass Hackermoos ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt, ist dafür gerade gut.

Kapelle, Wirtshaus, Schafe, Fische, gelbe Rüben - was braucht ein so kleiner Ort noch? Menschen, die sich erinnern, wie alles anfing, und Menschen, die eine Idee haben, wie es weitergehen kann. Hackermoos hat beides.

© SZ vom 10.09.2016/gsl

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite