KarlsfeldGehör schenken

Lesezeit: 4 Min.

Manana Samushia ruft über die georgisch-orthodoxe Gemeinde in Karlsfeld zu Spenden auf, um ihrem tauben Neffen eine teure OP an einer Münchner Klinik zu ermöglichen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Von Joshua Beer, Karlsfeld

Manana Samushia hat es selbst getestet. Sie hat laut Musik aufgedreht und ihren Neffen beobachtet. "Doch er dreht sich nicht um." Auf Berührungen reagiert er empfindlich, denn er hört niemanden kommen. Nur die Augen sind schnell und nehmen alles auf. Der kleine Luca ist gehörlos und dabei keine zehn Monate alt. Das ist fatal, denn ohne Gehör wird er nicht normal sprechen lernen. Mit Cochlea-Implantaten hätte er eine Chance darauf, auf ein normales Leben, doch die sind teuer und müssen in Deutschland eingesetzt werden. Das Geld dazu fehlt. Samushia versucht, es über die georgische Gemeinde in Karlsfeld zu sammeln.

Luca lebt mit seiner Familie in Westgeorgien, etwa 400 Kilometer von der Hauptstadt Tiflis entfernt, seine Tante Samushia seit 2002 in München. Das Kind ist wohl schon gehörlos auf die Welt gekommen, doch Samushia zufolge kümmerte das die Ärzte bei der Geburt im November vergangenen Jahres nicht groß, das sei "kein Problem". Mit vier Monaten bringt ihn seine Familie für einen Hörtest in die georgische Hauptstadt, wo man Gehörlosigkeit feststellt. Die Reaktion: "Kommen Sie in zwei Monaten wieder." Seine Tante aber handelt.

"Mit großer Mühe" holt sie Luca im Juni nach München zum Untersuchen. Zwar ist Georgien als Drittstaat mit der Europäischen Union (EU) assoziiert und es herrscht Visafreiheit, doch wegen der Pandemie nehmen deutsche Kliniken kaum Patienten aus Nicht-EU-Ländern auf. Sie haben Glück: Eine Bekannte, selbst HNO-Medizinerin, verschafft Luca einen Termin an der HNO-Klinik des Münchner Universitätsklinikums. Die Diagnose der Untersuchung fällt erschütternd aus: "Taubheit links" und "an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit rechts". Einfache Hörgeräte reichen hier nicht aus, die Ärzte um Prof. Dr. Joachim Müller halten die Versorgung mit einem Cochlea-Implantat (CI) für "dringend notwendig", noch vor Abschluss des ersten Lebensjahres. Ansonsten wird Luca keine normale Sprachfähigkeit durch Hören entwickeln.

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Das CI ist der Website des Ludwigs-Maximilians-Universitätsklinikums zufolge eine "implantierbare elektronische Prothese", die ein taubes Ohr als Sinnesorgan ersetzen kann. Die Website bezeichnet das CI als "einzigartige Entwicklung moderner Medizintechnik", um gehörlos geborenen Kindern zu ermöglichen, Geräusche und Musik zu hören und vor allem Sprache zu erkennen. Billig ist die technische Errungenschaft nicht: Der Kostenvoranschlag für den Eingriff bei Luca beläuft sich auf satte 41 600 Euro. Eine Krankenversicherung greift für das georgische Kind nicht. Bei rascher Bezahlung kann die OP am 30. November erfolgen. Immerhin kann Samushia nach dem Befund für Luca vorläufige Hörgeräte im Kinderhörzentrum in München besorgen. Nicht einmal die hat ein georgischer Arzt zuvor empfohlen. Manana Samushia setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um das Geld für die OP aufzutreiben. Lucas Eltern leben in Georgien in ärmlichen Verhältnissen, der Betrag ist für sie nicht zu schaffen, sagt Samushia. "Die haben alle Hoffnung auf mich gesetzt", auf die Verwandte im reichen Deutschland. Luca ist zurzeit wieder in Georgien bei seinen Eltern, wo sie auf Neuigkeiten warten. Samushia stürzt sich in die Recherche.

Zum Gespräch in München bringt sie eine dicke Mappe mit, in der sie alles zu dem Fall sammelt: Arztbriefe, "Spickzettel", Diagnosen aus Georgien, Babyfotos von Luca. Zuerst, so erzählt sie, hat sie die Möglichkeiten in Georgien ausgelotet. Dort fördert die Regierung nach Samushias Erkenntnissen jährlich 22 Cochlea-Implantate, es gibt eine Warteliste. In Deutschland werden laut einer MDR-Recherche von 2020 jedes Jahr 5000 eingesetzt, was in Relation zur Bevölkerung - Georgien hat in etwa so viel Einwohner wie Berlin - immer noch zehnmal so viel ist. Korruption, eine Wirtschaftskrise sowie ein lückenhaftes, von der Pandemie überlastetes Gesundheitssystem lähmen das Land in Vorderasien. Samushia erfährt von Familien, dass sie seit zwei Jahren auf die Operation warten, obwohl die späten Eingriffe zu Sprachschäden bei den Kindern führen können. "Das will ich für Luca nicht", sagt die Münchnerin. In Deutschland können Kinder mit Cochlea-Implantaten mit sechs Jahren auf normale Schulen gehen, am Alltag teilhaben. Das will sie für Luca. Die 41 600 Euro müssen her, irgendwie.

"Ich versuche alles, was ich kann, um Luca eine Chance auf ein normales Leben zu geben"

Samushia ist 2002 als Au-Pair nach München gekommen, geblieben und in der Tourismus-Branche tätig, momentan wegen Corona in Kurzarbeit. Wann sich das ändert, ist ungewiss. Darum startet sie einen Spendenaufruf über ihre georgisch-orthodoxe Gemeinde in Karlsfeld, die seit 2001 dort registriert ist. Groß ist sie nicht, etwa 300 Menschen, aber die einzige in Bayern, wie ihr Pfarrer Tamaz Lomidze sagt. Aus dem ganzen Freistaat wenden sich daher georgisch-stämmige Menschen an ihn, fast jeden Monat braucht einer Hilfe. Aber Lomidze bedauert: "Die Gemeinde kann in dem Fall von Luca nicht viel machen." Zumindest nicht alleine bei der Geldsumme. Der Pfarrer hat den Aufruf auf der Homepage der Kirche veröffentlicht, auch der Georgische Verein in Deutschland e.V. verbreitet ihn. "Ich hoffe sehr, dass die Menschen hier ein Herz für einen kleinen Jungen haben", sagt er.

Samushia ist ruhelos. Sie schreibt deutsche Stiftungen für Kinderhilfe an - alles Absagen bis auf eine - und ruft eine Fundraising-Kampagne auf Gofundme.com ins Leben. "Helfen Sie Luca, die Welt zu hören", steht da auf Englisch. 3000 Euro hat sie mittlerweile gesammelt. Die Spenden seien aber bislang fast nur von Freunden und Bekannten, so Samushia - doch sie gibt die Hoffnung nicht auf. Wenn das Geld schnell zusammen kommt, könne man die Operation vorverlegen. Dabei endet der Heilungsprozess für das Kind keineswegs mit dem Eingriff: In den ersten Wochen danach folgt die "Inbetriebnahme" des Systems, wie es das LMU-Klinikum formuliert. Der Sprachprozessor muss laufend nachjustiert werden, bis Klang und Lautstärke für das Kind optimal sind. CI-Experte Dr. Müller, der Luca am LMU-Klinikum operieren will, versichert, dass er die lebenslange Nachsorge für Luca auch in Georgien über sein internationales Netzwerk gewährleisten kann.

Außerdem hat Luca ja eine Tante, die sagt: "Ich versuche alles, was ich kann, um Luca eine Chance auf ein normales Leben zu geben."

Das Geld für Lucas Operation ist inzwischen dank großzügiger Spenderinnen und Spendern zusammengekommen. Die Familie ist allen sehr dankbar. Nachfolgeartikel unten im Link.

© SZ vom 11.09.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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:Wie ein Kind eine Chance auf Gehör bekommt

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