Gemeinderäte sind sauer Alles auf eigene Rechnung

Die Gemeinde Karlsfeld sichert mit ihren Zuschüssen für ein Jahr die wichtige Arbeit der Mediatoren an den Grundschulen. Glücklich sind die Gemeinderäte damit nicht. Eigentlich sehen sie den Staat in der Pflicht

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Karlsfelds Gemeinderäte sind erzürnt. "Die Kommune springt immer wieder in Löcher, die der Staat aufreißt", klagt Bernd Wanka (CSU) im jüngsten Hauptausschuss. Dabei sei die Lage der Gemeinde verzweifelt. "Wir müssen dieses Jahr einen 14-Millionen-Euro-Kredit aufnehmen und kämpfen ständig, dass wir über Wasser bleiben", schimpft Wanka. Man sei schon an der Grenze des genehmigungsfähigen Haushalts. Trotzdem erhöhe sich die Zahl der kommunalen Aufgaben stetig. Der Staat indes ducke sich weg.

Grund des Ärgers ist diesmal ein Antrag des Vereins Mediationszentrale München. Für die Betreuung der Mittel- und Grundschüler an der Krenmoosstraße will der Verein 16 000 Euro pro Schuljahr, um seine Kosten decken zu können. "Wir haben 46 professionelle Mediatoren, die an 29 Schulen in und um München tätig sind. Zwei von ihnen kommen regelmäßig in die beiden Karlsfelder Schulen, um dort Konflikte zu lösen", klärte Juliane Wünschmann, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins, die Kommunalpolitiker auf. Bislang haben die beiden Damen dies ehrenamtlich mit viel Engagement gemacht und auch auf eigene Kosten. Doch seit September 2016 bekommen die Mediatoren vom Verein eine Aufwandsentschädigung. Außerdem müssen die Mitarbeiter sich drei bis vier Mal im Jahr fortbilden. Eine Versicherung habe in den vergangenen Jahren den Verein mit Spenden unterstützt, doch man könne sich nicht darauf verlassen, erklärte Wünschmann. Deshalb wende sich der Verein nun an die Kommunen, die von der Arbeit der Mediatoren profitieren. Ein Kooperationsvertrag sei am allerbesten. Mit Gröbenzell etwa habe man bereits einen derartigen geschlossen, auch Geretsried habe ein festes Budget für den Verein im Haushalt eingeplant.

Mediatoren in Schulen werden immer wichtiger: Nicht immer bekommen die Lehrer die Probleme in einer Klasse selbst in den Griff. Da ist Hilfe von außen wertvoll. Doch die Ehrenamtlichen müssen sich auch ständig fortbilden, so wie die Erwachsenen in diesem Kreis. Es ist ein anspruchsvolles Ehrenamt.

(Foto: Catherina Hess)

"Unsere Arbeit ist ein Beitrag, um Harmonie im Schulteam zu bekommen", warb Wünschmann. Im Vordergrund stehe es, ein respektvolles und gutes Miteinander zu sichern, indem man Konflikte kläre und soziale Kompetenz fördere. Dabei sei es von Vorteil, dass die Mediatoren von außen kämen, dadurch hätten sie eine neutralere Position als Lehrer oder Schulsozialarbeiter, die fast jeden Tag da sind. "Es ist gut, früh einzusteigen, nicht erst wenn die Hütte brennt", gab Wünschmann zu bedenken.

"Eine Schulmediation ist immer eine hilfreiche Unterstützung. Konfliktpotenzial gibt's genügend", bemerkte Ursula Weber (CSU), die auch Leiterin der Verbandsgrundschule ist. Und die schwierigen Situationen unter Schülern, aber auch mit Eltern würden eher zunehmen. Doch bemängelte sie, dass ihre Schule benachteiligt sei. Denn sie müsse ohne derartige Hilfe auskommen. "Es ist den Eltern nicht vermittelbar, wenn die eine Schule leer ausgeht", argumentierte Weber. An der Mittelschule sei die Mediation sogar Luxus, denn diese habe ja sogar eine Jugendsozialarbeiterin, kritisierte die Rektorin. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) verwies darauf, dass die Projekte an den beiden Schulen schon länger liefen und dass für die Grundschulen eine Stelle für einen Jugendsozialarbeiter ausgeschrieben sei. Doch Weber verwies darauf, dass die Stelle schon seit mehr als einem Jahr ausgeschrieben sei, sie aber "nicht besetzt werden kann, weil sie so schlecht bezahlt ist und deshalb nicht attraktiv genug ist".

Wie Mediatoren arbeiten

Das Aufgabenfeld der Mediatoren ist vielfältig. Sie werden zu Hilfe gerufen, wenn der Umgangston in einer Klasse extrem rau ist, wenn ein Kind ausgegrenzt oder sogar gemobbt wird. Aber auch wenn eine Art "Zickenkrieg" in einer Klasse herrscht oder es Streit auf dem Pausenhof gegeben hat. "Wir analysieren dann die Situation", erklärt Johanna Pitzer, die in Karlsfeld tätig ist. Dann beginnt ein Sozialkompetenztraining - in der Regel ganz spielerisch. "Die Klasse muss dann als Team etwas erreichen. Auf diese Weise lernen die Jugendlichen respektvoll miteinander umzugehen. Wir helfen den Kindern auch, sich zu formulieren", erklärt Pitzer. Dabei sei schon manchmal Erstaunliches herausgekommen.

Kinder lernten auf diese Weise, wie man sich Gehör verschafft, andere, wie man zuhört. Außerdem würden die Kinder angehalten, sich nicht gleich gegenseitig zu beschuldigen, sondern Verantwortung zu teilen. Und plötzlich klappe eine Annäherung. Einmal habe sie eine Schülerin gehabt, die immer Opfer gewesen sei, berichtet Pitzer. Das Problem: Das Kind habe sich schwer getan, sich auszudrücken; der Lehrer hatte Mühe, sich mit ihm auseinanderzusetzen, weil er vom Lehrplan her ein anderes Tempo gewohnt war. "Alle waren gestresst. Aber als die Schülerin verständlich gemacht hatte, dass es ihr wichtig ist, in Ruhe gelassen zu werden und sie lieber von selbst kommt, wenn sie es will, war der Konflikt gelöst", so Pitzer. "Wir haben den Luxus, in Ruhe auf etwas zu schauen. Das kann die Wahrnehmung verschieben und entspannend wirken." Die Mediatoren arbeiten also auch individuell - gelegentlich auch mit Eltern. Nicht selten kommt es nämlich auch zu Konflikten mit Lehrern. "Vor schwierigen Gesprächen reden wir mit Eltern, fragen sie, was sie erwarten, überlegen, ob der Lehrer überhaupt zuständig ist. Auf diese Weise greifen wir Eskalationen vor, nehmen die Spannung heraus", sagt Pfitzer. Auch Vorträge gehören übrigens zu den Aufgaben der Mediatoren.

Im vergangenen Schuljahr waren die externen Unterstützer je 30 Tage in Grund- und Mittelschule. cb

"Wir sind nicht zuständig", befand indes Wanka. Auch wenn eine Mediation erforderlich wäre und das Angebot inhaltlich unbestritten sehr gut sei, so müsse die Gemeinde den Antrag ablehnen. "Wir treten eine Lawine los", gab er zu bedenken. Sein Parteifreund Wolfgang Offenbeck pflichtete ihm bei, entschied sich als ehemaliger Lehrer jedoch anders. "Man hat als Kommune schon auch den Wunsch, dass die Schule funktioniert. Wenn sie das nicht tut, könnte es sein, dass wir woanders Geld bezahlen müssen, vielleicht sogar mehr", wandte er ein. "Obwohl es nicht in Ordnung ist, dass der Staat die Kommune mit den Schulproblemen allein lässt, werde ich deshalb zustimmen."

Vizebürgermeister Stefan Handl mahnte zur Vorsicht bei freiwilligen Leistungen wie diesen und schlug einen befristeten Zuschuss vor. Adrian Heim (Bündnis) plädierte dafür, dann aber auch die Verbandsgrundschule mit einzubeziehen. "Man kann die Schulen nicht gegeneinander ausspielen", warnte er.

Jugendreferentin Venera Sansone (SPD) bemängelte, dass die Gesellschaft sich "leider so stark verändert habe, dass immer mehr Verantwortung abgegeben" werde. Nur deshalb seien überhaupt Menschen von außen nötig. Die Gemeinde sei für vieles nicht zuständig, doch ihr bleibe nichts anderes übrig, als sich der Verantwortung zu stellen. Stimmen, die den Zuschuss nur für die Grundschulen bewilligen wollten, nicht für die Mittelschule, hielt sie entgegen, dass gerade diese Hilfe nötig habe. "Die Mittelschule ist ein Auffangbecken für Jugendliche aus aller Herren Länder und Kulturen. Gerade dort ist es schwierig, die Balance zu finden. Was die Schüler aus ihren Heimatländern mitbringen, ist nicht ohne", gab Sansone zu bedenken.

Man einigte sich letztlich, bis zum Ende des nächsten Schuljahrs die Zuschüsse zu übernehmen. Bürgermeister Kolbe (CSU) soll zudem mit der Stadt München Gespräche führen, damit auch die Verbandsgrundschule künftig mit einer Mediatorin unterstützt werden kann. Im übrigen hofft man in Karlsfeld, dass der Staat bis September 2020 die Kosten dann übernimmt.