Das Dachauer Moos unter stimmungsvollen Wolkentürmen, Lichtspiele im Biergarten, Bauern, die das Land bestellen. Gut möglich, dass sich die AfD genau so etwas unter „nationaler Kultur“ vorstellt; in den Gemälden der Künstlerkolonie Dachau sieht die Heimat noch heimelig aus, bayerisches Fleckvieh inklusive. Doch was da goldgerahmt in der Dachauer Gemäldegalerie hängt, taugt denkbar schlecht zur kulturellen Deutschtümelei. „Die Künstlerkolonien waren ein europäisches Phänomen“, sagt Laura Cohen, Leiterin der Gemäldegalerie Dachau. „Die Künstler sind schon damals wahnsinnig viel herumgereist.“
Um 1900 wurde Dachau zu einem der wichtigsten Schauplätze der europäischen Kunst – auch dank eines regen internationalen Austauschs. Im Lichte der aktuellen Sonderausstellung „Wege des Impressionismus – Die slowenische Moderne und Dachau“ zeigt sich das Phänomen besonders klar. Durch persönliche Kontakte, gemeinsame Ausstellungen und das Studium moderner Theorien entstand damals ein Netzwerk, das von München bis nach Slowenien reichte.


Die Impressionisten des kleinen Landes übernahmen nicht nur spezielle Techniken aus Dachau, sondern formten daraus eine eigene nationale Ausdrucksform. Umgekehrt lieferten sie auch Impulse für die Dachauer Maler. Dieses spannende Wechselspiel soll man auch in der Dauerausstellung der Gemäldegalerie nachvollziehen können.
Das Auge als Werkzeug der Erkenntnis
Doch wenn man die Räume in der ersten Etage betritt, sieht erst einmal alles aus wie immer: die altbekannten Bilder an altbekannter Position. Unter einigen Werken kleben Sticker mit dem Aufdruck „Im Dialog zur Ausstellung ‚Wege des Impressionismus', 2. OG“. Weitere Erklärungen: keine.
Kommt da noch was?
Die Bezüge zwischen den Bildern beider Ausstellungen habe sie nicht über Erklärtexte herstellen wollen, sagt Laura Cohen. „Die Idee ist eher formal- ästhetisch.“ Das Auge ist hier das Werkzeug der Erkenntnis. Und wenn man sich die Mühe macht, nicht nur an den Bildern vorbeizuhuschen, sondern länger hinzusehen, funktioniert das teilweise sogar recht gut – auch deshalb, weil Cohen die Zahl der „Dialogpartner“ überschaubar hält.



Einige Motive kann man gleich mehrfach entdecken. So wie bei den Insta-Foto-Jägern gab es auch im Dachauer Moos Hotspots, an denen sich die Maler drängten: „Schirm an Schirm, Leinwand an Leinwand“, wie Cohen einen genervten Landwirt zitiert. Man findet auch auffällige Übereinstimmungen im Stil, etwa in einem extrem pastosen Bild von Adolf Hölzel und den Werken des slowenischen Impressionisten Rihard Jakopič.
Matej Sternens Landschaften wiederum erinnern an Ludwig Dills Arbeiten, sein späterer fast expressionistischer Duktus zeigt den Einfluss von Lovis Corinth. Und Ivan Grohars impressionistische Motive stehen erkennbar in der Tradition der Biergartenbilder von Max Liebermann und Fritz von Uhde. Jetzt bräuchte man nur noch eine Ermittlerwand. Und viele viele Pins und Fäden.
Für das Verständnis ist der Katalog unentbehrlich
Wer wirklich verstehen will, wie das alles genau zusammenhängt, ist allerdings auf den Katalog zur Sonderausstellung angewiesen. Hier werden die vielfältigen Verbindungen zwischen den Malern Dachaus und Sloweniens detailliert nachgezeichnet. Etwa die Rolle der „Neu-Dachauer“ Arthur Langhammer und Ludwig Dill. Oder die Rolle Adolf Hölzels, der bis 1905 eine private Malschule in Dachau leitete. Dort wurde Kunst nicht nur gemacht, sondern auch wissenschaftlich-theoretisch durchdrungen. Dachau war um die Jahrhundertwende ein Labor der Moderne.
120 Jahre später ist das bei vielen schon wieder in Vergessenheit geraten. Und manchen völkischen Kulturideologen ist das vielleicht ganz recht so. Ein aufmerksamer Kunst-Rundgang und der gut recherchierte Katalog leisten wertvolle Aufklärungsarbeit.
Der Besuch der Dauerausstellung ist im Ticket für die Sonderausstellung inbegriffen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 11 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertag, 13 bis 17 Uhr.

