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Geigenklänge im Dachauer Schloss:Für Freunde der Romantik

Schloßkonzert

Das "Sestetto Stradivari" kommt zwar aus Rom, doch das Programm hat nichts Italienisches, die gespielten Werke entstanden in München und Wien.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

2020 ist bei den Dachauer Schlosskonzerten das Jahr der Streicher. Den Anfang macht das italienische "Sestetto Stradivari"

Das Jahr 2020 ist bei den Dachauer Schlosskonzerten ein Jahr der Streicher. Außer dem Klavierabend zum Beethoven-Jahr 2020 im Januar gibt es nur Konzerte mit Streicher-Ensembles und zwei jungen Geigerinnen als Solistinnen. Den Beginn dieser Saison mit vielen Streichereinheiten machte das in Rom gegründete "Sestetto Stradivari". Damit ist auch der berühmteste Geigenbauer aller Epochen bei den Dachauer Schlosskonzerten dieses Jahres vertreten. Das Programm aber hatte nichts Italienisches, die gespielten Werke entstanden in München und in Wien.

Die Introduktion für Streichsextett seines Konversationsstückes "Capriccio" schrieb Richard Strauss in München bzw. in seiner Villa in Garmisch in einem Stil, der die Zuhörer musikalisch in ein französisches Rokoko-Schlösschen führen soll. Die Musik mit all ihren Farben, harmonischen Wendungen und feinen Linien im durchsichtigen Satz ist natürlich unverkennbar Richard Strauss. Wenn diese Musik in einem geeigneten Opernhaus vom Orchestergraben - wo sie hingehört - herauf kommt, klingt und wirkt sie anders als vom Konzertpodium herab, nämlich stimmungsvoller. Das Sestetto Stradivari spielte sie sehr klar, so dass man ihren höchst kunstvollen Aufbau und Zuschnitt, etwa den gezielten Einsatz der einzelnen sehr charakteristischen Motive, gut erkennen und genießen konnte. Ein Konzertstück aber hört man sozusagen mit anderen Ohren als eine Opernouvertüre, die vor allem "einstimmen" will. Die Kunst der Komposition wird dabei deutlicher erkennbar. Im Dachauer Schloss wurde man mit der reizvollen, Rokoko-nahen Musik von Richard Strauss aber nicht in ein geistvolles, launiges Spiel, eben ein "Capriccio" geführt, sondern zu einer ziemlich problematischen Beziehungskiste mit der Musik, die Arnold Schönberg 1899 noch als reiner Spätromantiker nach einem Gedicht von Richard Dehmel geschrieben hat. Musikalisch befindet man sich dabei noch zutiefst in der Spätromantik, man hört vertraute Klänge und oft sogar sehr schöne, eingängige Melodik - aber: Was will diese Musik sagen?

Im Programmheftchen liest man eine sehr kurze Inhaltsangabe des Gedichts und den Hinweis, dass die einsätzige Komposition den fünf Strophen der Vorlage entsprechend gegliedert ist. Schön - aber wie lautet das Gedicht? Das muss man vor sich haben, wenn man der Musik von Schönbergs Streichsextett "Verklärte Nacht" ernsthaft folgen und ihren Sinn erfassen will. Selbst ein professioneller Konzertführer hilft nicht weiter, wenn er feststellt, die Entwicklung des Gedichts sei innerlich und kompliziert. "Vielleicht überhaupt zu kompliziert, als dass sie in Schönbergs Musik unmittelbar verdeutlicht werden konnte." Was bleibt? Das Sestetto Stradivari hat wie vorher bei Strauss sehr klar gespielt und sehr deutlich gegliedert. Für ein Publikum, das Schönberg-Erfahrungen nur mit dessen atonaler und serieller Musik hat, klang dieses Stück überraschend schön, war aber doch nicht so recht zu verstehen.

Beim Streichsextett op. 36 von Johannes Brahms hat man auch als musikalischer Laie "Boden unter den Füßen". Man hört vertraute Musik, erkennt Themen, fühlt oder erkennt mit Wohlbehagen die musikalische Form, genießt die gelöste Atmosphäre des Werkes, wobei der autobiografische Hintergrund dazu beiträgt, die eigenen Emotionen bei dieser Musik zu lenken. Das Sestetto Stradivari spielte meisterhaft, nur einige Fortissimo-Akzente gerieten in diesem Zusammenhang zu schroff. Zugabe war ein Satz aus dem ersten Streichquartett op. 18 von Brahms.

Beide Brahms-Sextette spielte vor Jahren das Wiener Streichsextett im Dachauer Schloss, und da hörte man, wo die Musik geschrieben wurde und daheim ist. Das Wienerische dieser Musik aber kann man von Italienern nicht auch noch verlangen. Der Abend war auch so für Freunde der romantischen und spätromantischen Musik charakteristisch und sehr schön.

© SZ vom 10.02.2020
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