Jahrestag der PogromnachtWie Dachauer Trachtenherstellern ihre Heimat geraubt wurde

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Der Urenkel der Dachauer Max und Melitta Wallach, Jamie Hall,  führt bei der Gedenkveranstaltung durch die Familiengeschichte des bayerischen Traditionsunternehmens.
Der Urenkel der Dachauer Max und Melitta Wallach, Jamie Hall,  führt bei der Gedenkveranstaltung durch die Familiengeschichte des bayerischen Traditionsunternehmens. (Foto: Johannes Simon)
  • Vor 87 Jahren wurden fünfzehn Dachauer Bürger jüdischer Herkunft im Zuge der Pogromnacht aus der Stadt vertrieben.
  • Jamie Hall, Urenkel der vertriebenen und später in Auschwitz ermordeten Max und Melitta Wallach, spricht als Ehrengast bei der Gedenkfeier.
  • Die Familie Wallach stellte bayerische Trachten-Textilien her und war tief in Dachau verwurzelt, bevor sie 1938 vertrieben wurde.
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Vor 87 Jahren wurde die Familie Wallach aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus der Stadt vertrieben. Bei der Gedenkfeier im Ludwig-Thoma-Haus kommt Urenkel Jamie Hall zu Wort.

Von Henry Borgelt, Dachau

Der Ursprung der Fuge liege im Lateinischen und bedeute so viel wie Flucht, erklärt der Dachauer Pianist Florian Malecki. Daher eröffne er auch die Gedenkfeier zum 87. Jahrestag der Pogromnacht mit einer Fuge von Johann Sebastian Bach. Obwohl die Dachauer, die vor 87 Jahren die Stadt verlassen mussten, nicht wirklich geflohen sind. Vielmehr wurden die Bürger jüdischer Herkunft aus der Stadt vertrieben, sie sollten Dachau „vor Sonnenaufgang“ verlassen haben. „Geraubte Heimat“ lautete deshalb der Titel der Gedenkveranstaltung im Dachauer Ludwig-Thoma-Haus. Ehrengast der Feier war Jamie Hall, Urenkel der vertriebenen und ermordeten Dachauer Max und Melitta Wallach.

Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wurden im Gebiet des Deutschen Reiches um die 1400 Synagogen, Geschäfte und andere Orte jüdischen Lebens zerstört. Zwischen 1000 und 2000 Juden wurden ermordet, mindestens weitere 30 000 interniert. Die Nationalsozialisten nutzten ein Attentat auf einen deutschen Diplomaten in der Pariser Botschaft als Vorwand, um großflächige Gewalt gegen Juden zu rechtfertigen.

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Bereits in der Nacht vom 8. auf 9. November 1938, also eine Nacht vor den größten deutschlandweiten Pogromen, wurden fünfzehn Dachauer Bürgerinnen und Bürger jüdischer Herkunft aus der Stadt vertrieben. Viele von ihnen, auch Max und Melitta Wallach, wurden später in Konzentrationslagern ermordet. Dabei waren gerade die Großeltern des diesjährigen Ehrengastes tief in ihrer Heimat Dachau und München verwurzelt. Die Familie Wallach stellte traditions- und heimatbezogene Textilien her, erfand das erste Seiden-Dirndl und war eine feste Größe in der bayerischen Modewelt der Zwanziger- und Dreißigerjahre, berichtete ihr Urenkel Jamie Hall.

„Selbst in Hitlers Berghof hingen Gardinen aus der Produktion meiner Urgroßeltern“, führte der Nachfahre aus. Er selbst habe sich bis zum Tod seiner Großeltern und seiner Mutter nicht für die Familiengeschichte interessiert. Erst der Verlust seiner Familie habe ihn dazu gebracht, über die Familiengeschichte zu forschen. Inzwischen arbeiten er und die übrigen Nachfahren der Wallachs daran, einen Verein im Namen der Familie zu führen, an deren Vertreibung zu erinnern und die alten Muster der Textilfertigung des einstigen Betriebs wieder aufleben zu lassen.

Mit Stoffen wie diesen hat die Familie Wallach in den 1920er- und 1930er-Jahren die Modewelt in Europa fasziniert.
Mit Stoffen wie diesen hat die Familie Wallach in den 1920er- und 1930er-Jahren die Modewelt in Europa fasziniert. (Foto: Johannes Simon)

So wollen die Nachfahren den Dachauern Max und Melitta Wallach gedenken, die nach ihrer Vertreibung aus Dachau im November 1938 erst in Paderborn Unterschlupf fanden, bis sie nach Auschwitz deportiert und dort 1944 ermordet wurden. „Sie fühlten sich hier zu Hause und waren sehr verwurzelt hier“, erklärte Hall bei der Gedenkfeier.

Im anschließenden Podiumsgespräch führte der Dachauer Publizist und Autor Norbert Göttler aus, dass der Begriff der Heimat heutzutage wieder populär werde. Man müsse den problematischen Begriff aber gerade wegen der deutschen Vergangenheit immer kritisch begleiten, um „Heimat“ nicht zu einem Begriff des Ausschlusses werden zu lassen. „Heimat ist vielmehr ein Prozess als ein Ort“, sagte er. So müsse man es aushalten können, wenn Menschen mehrere Heimaten hätten oder auch Netzwerke als ihre Heimat verstünden.

Auch für ihn sei Heimat ein Prozess gewesen, sagte Jamie Hall. Obwohl er sich ursprünglich nicht für die Familiengeschichte interessiert habe, verbinde er inzwischen viel mit der alten Heimat seiner Urgroßeltern. „Wenn ich hier durch die Straßen laufe, dann denke ich an Max und Melitta, und auch an meinen Großvater und meine Mutter.“

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