Gedenkfeier:"Lebt wohl!"

Bei der Reichspogromnacht wird das Dachauer Ehepaar Neumeyer aus der Stadt vertrieben. Im Rathaus erinnern die Enkel mit alten Briefen und zum Teil noch nie gespielten Liedern an ihre Großeltern.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Gedenkfeier Pogromnacht

Vor dem Rathaus legen zwei Mitglieder der Ampertaler und Oberbürgermeister Florian Hartmann einen Kranz nieder.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Es heißt, Musik sage mehr als tausend Worte. Und fast auf die Stunde genau 80 Jahre nachdem ein SS-Hauptsturmführer an der Haustür der Familie Neumeyer klopft und sie zwingt, Dachau zu verlassen, streichen zwei Schülerinnen im Rathaus-Foyer über ihre Geigen. Auf der Gedenkfeier am Donnerstagabend anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht von 1938 spielen sie ein Duett von Hans Neumeyer. Der blinde Musiker mit jüdischen Wurzeln hat es vor seinem Tod in Theresienstadt für seine Tochter Ruth komponiert. Er konnte die Noten über die Schweiz nach England schicken, wohin er und seine Frau Vera ihre "zwei lieben Kinderle" bringen ließen, um sie vor den Nazis zu retten.

Als die Violinen an diesem Abend erklingen, legt sich Weltschmerz über das Foyer im Rathaus. Es ist ein Kinderlied. Auf ein Notenblatt hatte Hans Neumeyer ein Bild zeichnen lassen. Es zeigt zwei Kinder, die zwischen Bäumen in einer Hängematte baumeln und Flöte spielen. Ruth und ihr Bruder Raimund haben ihre Eltern nach 1939 nie mehr wieder gesehen. Tim und Stephen Locke, die Söhne von Ruth und Enkel von Hans und Vera Neumeyer, haben das Musikwerk und viele andere Erinnerungsstücke ihrer Familie am Donnerstagabend rund 80 Gästen präsentiert. Sie sind aus England angereist. Es ist das erste Mal, dass Enkel von Dachauer Holocaust-Opfern in der Heimatstadt ihrer Vorfahren öffentlich sprechen. Die Brüder haben die Geschichte ihrer Familie rekonstruiert, indem sie in den vergangenen Jahren unzählige Briefe, Gegenstände und die Tagebücher ihrer Mutter auswerteten, die 2012 im Alter von 89 Jahren starb. "Es war ein Puzzle mit hundert Stücken", sagt Stephen Locke. Tim Locke hat die ganze Geschichte seiner Vorfahren auf einem Internetblog zusammengefasst. Der SZ Dachau sagt er, je mehr er über seine Großeltern erfahren habe, desto realer seien sie ihm geworden. Er habe dabei eine Affinität zu seinem Opa entwickelt, obwohl er ihm nie begegnet sei. "Was damals geschah, darf nie vergessen werden."

Tim und Stephen Locke haben zum Beispiel Teddybären einen gefunden, den Ruth Locke bei dem sogenannten Kindertransport nach England im 10. Mai 1939 mitgenommen hat. Bereits einen Tag später schrieb ihre Mutter einen Brief. Er beginnt so: "Meine geliebten Spatzen, nun habt ihr die große Reise glücklich überstanden." Der Teddybär werde nun trockengefroren und wie alle anderen Dokumente und Gegenstände dem Imperial War Museum in London zur Verfügung gestellt, sagt Tim Locke und lacht, weil der Bär berühmt werde, wie er sagt. Von 2020 an sollen das Stofftier mit anderen Teilen aus dem Familienarchiv in einer Ausstellung zu sehen sein.

Gedenkfeier Pogromnacht

"Was damals geschah, darf nie vergessen werden": Stephen (l.) und Tim Locke bei der Gedenkfeier.

(Foto: Niels P. Joergensen)

An diesem Abend kommen neue Erkenntnisse ans Licht

Vieles, was die Brüder in Dachau präsentieren, hat der anwesende SZ-Journalist Hans Holzhaider bereits in den Achtzigerjahren in seinem Buch "Vor Sonnenaufgang" aufgeschrieben. An diesem Abend kommen neue Erkenntnisse ans Licht. Oberbürgermeister Florian Hartmann, der vor dem Rathaus einen Kranz niederlegt, liest die Namen und Todesorte aller Dachauer vor, welche die Nazis wegen ihrer jüdischen Herkunft ermordeten.

Bislang war unklar, wo Vera Neumeyer starb. Hartmann sagt, nach neuesten Erkenntnisse hätten sie die Nazis in Auschwitz umgebracht. Das legt ein Brief nahe, den Tim und Stephen Locke in einem Schrank der Mutter gefunden haben. Er datiert vom 14. Juli 1942. Es ist die letzte Nachricht von Vera Neumeyer an ihre Familie. Sie berichtet von ihrer Deportation nach Polen. "Meine Lieben alle! Ich schreibe im Zug hinter Liegnitz." Mit den anderen Menschen im "Möbelwagen" verstehe sie sich gut, schreibt sie. "Ich fühle mich nicht einsam. (. . . ) Lebt wohl! Ich bin guter Dinge und in jeder Hinsicht gut gerüstet." Sie wirft den Brief aus dem Fenster. Irgendjemand, "wir wissen nicht wer", habe den Brief gefunden und zugestellt, sagen die Tim und Stephen Locke.

Die Nazis haben den Tod von Vera Neumeyer nirgends verzeichnet. Aber bereits 1945 schreibt ihre Tochter Ruht in ihr Tagebuch: "Die Hoffnung ist zu 99 Prozent tot." Tim und Stephen Locke erzählen auch von ihrem verstorbenen Onkel Raimund. Der sei an Demenz erkrankt. Er habe oft das Haus verlassen und gesagt, er müsse nach Dachau, um seine Eltern zu retten.

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