bedeckt München 20°

Gedenkfeier am ehemaligen SS-Schiessplatz:Verstreute Asche

Bei der bewegenden Gedenkfeier zum 78. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion berichten die Nachfahren von drei ermordeten Rotarmisten am ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen, wie wichtig es für ihre Familie war, die Wahrheit über deren Schicksal zu erfahren

Die Namen der verstorbenen Soldaten sind in Gedenktafeln eingraviert.

(Foto: Toni Heigl)

Jahrzehntelange Ungewissheit, Rätselraten über das Schicksal ihrer Angehörigen. Es war eine Qual für die Familien, nicht zu wissen, was im Zweiten Weltkrieg mit ihren Verwandten geschehen ist. Und diese Qual ist immer noch zu spüren, als Alexander Poltawskij, Sinaida Tronowa und Andrej Smirnov am Samstag bei der bewegenden Gedenkfeier zum 78. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion über ihren Vater, Bruder oder Großvater sprechen. Ihre Verwandten Wladimir Semenowitsch Poltawskij, Nikolaj Gawrillowitsch Gribanow oder Grigorii Demitriewitsch Smirnov gehörten zu den mehr als 4000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die 1941 und 1942 auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen ermordet wurden. Die Biografien dieser drei Opfer werden auf neuen Tafeln an dem Gedenkort präsentiert. "Was mit meinem Vater geschehen ist, erfuhr ich erst vor kurzem - mit 79 Jahren", sagt der 80-jährige Alexander Poltawskij vor den 100 Besuchern der Veranstaltung, die von Gudrun Huber (Violine), Verena Ewald (Cello) und Florian Ewald (Klarinette) musikalisch umrahmt wird.

Die Kranzniederlegung der Russischen Föderation.

(Foto: Toni Heigl)

Nach Jahrzehnten des Verdrängens erinnert der Förderverein für internationale Jugendbegegnung seit 1991 alljährlich am 22. Juni an den Beginn des als Vernichtungskrieg geplanten Feldzugs der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion. Erst 2014 erhielt der ehemalige SS-Schießplatz eine würdige Gestaltung mit Informationstafeln über das Geschehen an diesem Ort und Lebensgeschichten einzelner Opfer. Dazu sind auf Metallschienen am Boden Namen und Daten von Ermordeten in kyrillischen und lateinischen Buchstaben zu lesen. Andrea Riedle, Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung der Dachauer KZ-Gedenkstätte, und ihre Mitstreiter haben weitere 100 Namen von an diesem Schreckensort Ermordeten recherchiert. 959 Namen seien hier nun aufgelistet, sagt Karl Freller (CSU), der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Vizepräsident des Landtags. Er hoffe, dass es einmal gelingen werde, 1500 bis 2000 der erschossenen Kriegsgefangenen der Anonymität zu entreißen. "Das ist wichtig, weil wir den Opfern ihre Identität wiedergeben wollen. Wir sind es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig." Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann begrüßt ausdrücklich die 23 Familienmitglieder, "die sich nach vielen Jahren vergeblicher Suche auf die Reise an diesen Ort gemacht haben, an dem ihre Väter oder Großväter den Tod fanden". Mehrheitlich seien es einfache Soldaten gewesen, die gegen geltendes Völkerrecht in Dachau erschossen wurden, erklärt sie. Auch Hammermann betont, wie wichtig es sei, "wenigstens einem Teil der Opfer die Namen zurückzugeben, die die Nazis auslöschen wollten".

Drei Delegationen sind aus den sowjetischen Nachfolgestaaten angereist, um Kränze niederzulegen. Hier die der Ukraine und Belarus (im Hintergrund).

(Foto: Toni Heigl)

Der russische Generalkonsul Sergey Ganzha ruft die Zuhörer auf, "daran zu denken, was dieses unmenschliche System, der Nationalsozialismus, aus den Menschen gemacht hat". Er erinnert an die 27 Millionen Opfer, die der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion kostete, und verspricht, dafür zu kämpfen, dass immer die Wahrheit über diesen Krieg gesagt und nicht verdrängt werde. Ähnlich klingt es bei seinem ukrainischen Kollegen Yuriy Yarmilko, der erklärt, dass der Zweite Weltkrieg ein Ereignis sei, "das immer im Gedächtnis der Menschheit bleiben wird". Diese bittere Erfahrung dürfe nicht vergessen werden, sagt er, und appelliert an die Besucher, "den mit einem so hohen Preis erworbenen Frieden in Europa zu bewahren". Wesentlich persönlicher klingt es bei Andrei Kulazhanka, dem Generalkonsul von Weißrussland. Er spricht darüber, was seine Mutter vom Krieg erzählte, wie in den ersten Monaten ihr neues Haus zerstört worden sei: "Es war alles da, doch von einem Moment auf den anderen war nichts mehr da." Sein Vater, der zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden war, "weinte jedes Mal, wenn er sich an diese Zeit der Sklaverei erinnerte", sagt der Konsul. In seinem Heimatland starb jeder Dritte während des Krieges.

Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann.

(Foto: Toni Heigl)

Ebenso bedrückend fühlt es sich an, als die drei Angehörigen ermordeter Soldaten nacheinander ans Rednerpult treten. Alexander Poltawskij berichtet von seinem 1919 in Rostow am Don geborenen Vater Wladimir, der 1930 zusammen mit seiner Schwester in ein Kinderheim kam. Nach dem Abschluss der Schule arbeitete er als Schreiber bei archäologischen Ausgrabungen, heiratete und bekam 1939 seinen Sohn. 1941 wurde er eingezogen. Schon im Juni kam der letzte Brief des Vaters, "danach gab es keine Nachrichten mehr von ihm". Alexanders Kindheitserinnerung an Krieg und Nachkriegszeit fasst er kurz zusammen: "Hunger, Kälte, Armut, Läuse." Erst 77 Jahre nach "Verschwinden" des Vaters erfährt er, was passiert ist.

Nicht viel anders ging es der in der Ukraine geborenen und heute in Kasachstan lebenden Sinaida Tronowa, 83, deren Bruder Nikolaj Gawrillowitsch Gribanow als Leutnant der Roten Armee schon vier Tage nach Kriegsbeginn in deutsche Gefangenschaft geriet und im Januar 1942 in Dachau exekutiert wurde. Er sei als vermisst gemeldet worden, danach habe es keine Nachrichten mehr über ihn gegeben. Ihre Mutter, die zehn Kinder zur Welt gebracht und fünf davon im Krieg verloren habe, habe sich zusammen mit ihr an viele Behörden gewandt, um Informationen über den verlorenen Sohn beziehungsweise Bruder zu erhalten - vergeblich. Erst als sie vor kurzem in der Moskauer Zeitung Komsomolskaja Prawda ein Foto ihres Bruders erkannte, habe sie alles über sein Schicksal erfahren und die Einladung zu der Gedenkfeier erhalten, sagt sie mit stockender Stimme.

Sinaida Tronowa kommt aus Kasachstan. Eine Tafel erinnert an ihren Bruder, der in Dachau exekutiert wurde.

(Foto: Toni Heigl)

Lange im Ungewissen blieb auch die Familie des 1901 in Jaroslawl geborenen Grigorij Demitriewitsch Smirnov, der wie sein Enkel Andrej Smirnov berichtet, seit 1919 Mitglied der kommunistischen Partei war und dank eines Studiums der sogenannten neuen Intelligenzija angehörte. "Für unsere Familie begann der Krieg schon im März 1941, als der Großvater zu einer Wehrübung im Baltikum eingezogen wurde." Die Angehörigen sahen ihn nie wieder, erhielten drei Monate später die letzte Nachricht von ihm. Seine Kinder versuchten jahrelang vergeblich ihren Vater zu finden. Enkel Andrej entdeckte 2009 eine Spur des Großvaters in einem Dresdner Internetarchiv. Nach und nach ließ sich sein Schicksal aufklären, das damit endete, dass seine Leiche im Dachauer Krematorium verbrannt und die Asche verstreut wurde. Die Familie habe sich Erde vom Krematorium schicken lassen und diese im Grab neben Grigorijs 1995 verstorbener Witwe beigesetzt, erzählt der Nachkomme. "So sind die beiden im Tod wieder vereint."

  • Themen in diesem Artikel: