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Gedenken an Nazi-Opfer:Hinter den Aktendeckeln

Gedenken an die Euthanasie-Opfer von Schönbrunn

Bei einer Gedenkstunde verbunden mit einer feierlichen Kranzniederlegung und einer anschließenden Ausstellungseröffnung ist in Schönbrunn bei Röhrmoos am Freitag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht worden. Im Zentrum der diesjährigen Gedenkveranstaltung standen die 207 Schönbrunner Bürgerinnen und Bürger, die nachweislich zwischen Januar 1940 und August 1941 dem Euthanasieprogramms zum Opfer gefallen waren und in der Ausstellung in Form von jeweils zwei roten Kreuzen auf Quilts sichtbar sind.

Der Dachauer Verein "artTextil" hat sieben Quilts angefertigt, die aus 207 einzelnen Textilblöcken genäht wurden. Der Verein hat diese als Beitrag zu dem internationalen "Project 70273" der Amerikanerin Jeanne Hewell-Chambers angefertigt, die dazu die Initiative ergriff, nachdem sie vom Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten und den dabei 70273 umgekommenen Menschen erfahren hatte. Die Idee ist, dass für jeden getöteten Menschen ein individuell gestalteter Textilblock mit zwei roten Kreuzen angefertigt wird. Diese sollen zu einer großen Ausstellung zusammengeführt werden.

Die Größe der einzelnen Blöcke entspricht der genormten Größe der Aktendeckel, die es für jede Person in Heil- und Pflegeanstalten gab. Bei der Ausstellungseröffnung hat Markus Holl, Vorstandsmitglied der Viktoria-von-Butler-Stiftung, einen Blick hinter diese Aktendeckel geworfen, indem er Friedrich Mennecke, Arzt Gutachter des T4-Programms, und den stellvertretenden ärztlichen Leiter der NS-Tötungsanstalt Hartheim, Georg Renno, zitierte und damit die lebensverachtende und grausame Strategie des Nazi-Regimes verdeutlichte. Er forderte die Anwesenden auf, sich selber die Frage zu stellen, wo wir über Menschen hinwegsehen würden, weil "wir uns eingerichtet haben in unserer Behaglichkeit, in unserem Perfektionismus, auf den wir so stolz sind". Die Quilts würden auffordern, hinter die Aktendeckel zu blicken: "Die Quilts sagen 'Stopp' zu jeglicher menschenmissachtender Kraft. Sie halten uns vor Augen, dass wir auch im Heute unser Leben bewusst und aufmerksam führen müssen."

Zuvor appellierte die zweite Bürgermeisterin von Röhrmoos, Andrea Leitenstorfer, bei der Kranzniederlegung vor dem Schönbrunner Mahnmal für Frieden: "Zivilcourage ist das Lebenszeichen einer funktionierenden Gesellschaft. Wir können den Frieden nur bewahren, wenn wir aktiv für ihn eintreten." Das gilt für Leitenstorfer in der Weltpolitik genauso wie im Rahmen des täglichen Lebens vor Ort.

© SZ vom 28.01.2019 / sz

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