Gastronomie Neues Leben im alten Wirtshaus

Zwei Jahre lang war der "Feldl" in Günding geschlossen. Jetzt hat Leni Grain mit Vera und Martin Steinke die passenden Nachfolger für ihre bayerische Traditions-Gaststätte gefunden. Schon am ersten Abend ist die Stube voll - und der Schweinsbraten duftet wie eh und je

Von Petra Neumaier, Günding

Michael Marcher steht Punkt 17 Uhr vor der Tür. Der 20-Jährige aus Günding kann es kaum erwarten, dass sich endlich wieder der Schlüssel im Schloss des einzigen Gasthauses seines Heimatortes umdreht. Damit ist er nicht alleine. Rasch folgen seine Freunde, und im Laufe des Abends nehmen sogar Bergkirchens Bürgermeister Simon Landmann, der Dachauer Stadtrat Robert Gasteiger, Vereinsvorstände und andere Gäste in der griabigen Wirtsstube Platz. Zwei Jahre war der "Feldl", seit 1860 Mittelpunkt des Ortslebens, geschlossen. Und schon befürchtete man, dass er einer von den vielen aussterbenden bayerischen Wirtshäusern wäre, weil geeignete Pächter und die Gäste fehlen. Seit Freitagabend ist das Leben wieder zurückgekehrt.

Holzgetäfelte Wände, frische Tulpen auf den Holztischen, kuschelige Kissen auf den Bänken und in der Mitte ein warmer Kachelofen: Richtig heimelig ist die Gaststube, deren Tische an diesem ersten Abend allesamt besetzt sind. Dabei hatten die neuen Wirte die Eröffnung gar nicht publiziert und nur am gleichen Tag ein Banner aufgehängt. "Wir planten eigentlich ein Soft-Opening", sagt Vera Steinke. Doch jetzt eilt die 38-Jährige begeistert zwischen den Tischen und der Küche hin und her. Die Gündiger haben ihr Gasthaus vermisst. Das steht fest.

Leni und Josef Grain mit ihren Nachfolgern Vera und Martin Steinke.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

1800 Einwohner, sechs Vereine: Burschen, Fischer, Feuerwehrler, Gartler, Sportler, Veteranen. Klar, erzählen die Gäste, man habe sich beholfen, in den fast exakt 24 Monaten, in denen das einzige Gasthaus am Ort geschlossen hatte. Man traf sich im Sportheim, rückte in Kellern zusammen oder in Besprechungszimmern und in Hütten. Fuhr auch mal für ein Bier in umliegende Orte. Aber - Michael Marcher winkt ab. "Es war halt nicht dasselbe", sagt schließlich Freund Özkan Hirlak und seine Spezl nicken zustimmend. Jetzt strahlen ihre Gesichter und die Mägen knurren. Herrlich ist der Duft aus der Küche, wo der leidenschaftlich bayerisch kochende Martin Steinke seit den Mittagstunden seine Speisen vorbereitet. Alles frisch, regional und ohne Zusatzstoffe: Das braucht Zeit. Das gerade in dem alten Holzofen gebackene Brot duftet in den Körben, jetzt brutzelt der Schweinebraten hinter den eisernen Klappen. "Der erste Versuch ist noch verbrannt", sagt der 38-Jährige lachend - und dass es ein bisschen Übung und viel Gefühl braucht, die eine oder andere Spezialität mit dem antiken Herd zu kochen. "Aber das ist noch richtiges Handwerk, macht Spaß und der Geschmack ist unnachahmlich."

Für den Schweinsbraten aus dem Holzofen war die Verpächterin Magdalena "Leni" Grain sogar über die Ortsgrenzen hinaus bekannt. 45 Jahre lang führte und kochte sie in dem Familienbetrieb, den 1860 der Großvater eröffnet hatte. Robert Gasteiger zieht eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus der Tasche, auf der ein streng blickender Mann neben einem Pferd vor der Wirtschaft zu sehen ist. "Wer die Zeche nicht zahlen konnte, musste ihm seinen Gaul lassen", sagt der Dachauer Volksfestreferent, dessen frappierende Ähnlichkeit mit dem alten Herrn auf dem Foto nicht zufällig ist. Auch Gasteiger ist ein Nachfahre der insgesamt 13 von 16 gezeugten Kindern und Ur-Enkel des Gasthaus-Gründers in Günding.

Der Schweinsbraten brutzelt im Holzofen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Nach dem Ur-Großvater übernahm eine Tochter das Gasthaus und schließlich deren Tochter Leni, die es zusammen mit ihrer Schwester führte. Damals war es noch kleiner: Dort, wo sich jetzt ein schöner Nebensaal befindet, war die Küche, "und der Ausschank war im Gang", erinnert sich Leni Grains Ehemann Joseph, 79, genau. Denn nach seiner Arbeit zapfte und schenkte er hier bis spät in die Nacht aus. Im Obergeschoss befand sich außerdem ein Ballsaal, aus dem schließlich Fremdenzimmer wurden. 2004, obwohl schon in den Sechzigern, bauten die beiden Gastwirtinnen das Haus noch einmal umfangreich um: Die Küche wurde samt Holzofen in den neuen Anbau verlagert, die Gaststuben neu mit Holz vertäfelt, die Zimmer und Bäder modernisiert. Ein Schmuckstück, dass die Schwester nicht mehr lange erlebten durfte: Bis vor fünf Jahren hielt Leni Grain den Betrieb alleine aufrecht. Die Nachfolger aus der eigenen Familie mussten ihn schließlich aufgrund eigener Berufe im Januar 2017 schließen.

Die "Grande Dame" Leni Grain, die in diesem Jahr 76 Jahre alt wird, schüttelt ihren hübschen Kopf: Griechen, Chinesen, Italiener - mehrfach hätte sie ihr Gasthaus an Interessenten aus allen Herren Länder verpachten können. Sie blieb dabei: "Nur bayerische Wirte". Lieber ließ sie ihr Gasthaus leer stehen. Auf einen Hinweis hin wurde im vergangenen Jahr Michael Schweinberger von der Brauerei Maisach auf das gastronomische Schmuckstück aufmerksam. Er beschloss, da leidenschaftlicher Verfechter bayerischer Wirtshauskultur, bei der Suche nach geeigneten Pächtern zu helfen.

Das "Feldl" öffnet wieder.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Für Vera und Martin Steinke, die sich auf die Anzeige der Brauerei im Dezember 2018 meldeten, war es Liebe auf den ersten Blick.

"So schön", schwärmt die gelernte Gastronomin aus Gerolsbach, die sich mit ihrem Mann vor ein paar Jahren selbständig gemacht hatte. Und auch Leni Grain ist von dem Paar begeistert. Der Vertrag ist schnell unterschrieben, die Vergabe der Konzession nur eine Formalie. Derzeit wird noch letzte Hand angelegt in den zehn Fremdenzimmern, im Februar noch werden sie fertig. Pläne, Ausbildungsplätze anzubieten, gibt es auch. "Wenn wir etwas machen, dann Nägel mit Köpfen", sagt Vera Steinke.

Ärzte, Anwälte und andere, meist betagte Gäste, an sie erinnert sich Leni Grain noch gut. Dass jetzt in großer Zahl junge Menschen die Tische zusammenschieben und lustig feiern, genießt sie sichtlich. Ihre Augen leuchten. Das Leben ist in ihrem Gasthaus wieder zurück - "als wäre es nie weg gewesen".