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Gasthof zur Post:Traurige Späße

Brustmanns Kabarett stimmt nachdenklich

"Auf alles was ich war schlug mein Vater mit seiner großen Hand." Dieser verstörende Satz findet sich in einem der Gedichte von Josef Brustmann. Ob es diese Vatersfaust war, die Brustmann über den Wunsch nach Anerkennung zur Bühne gebracht hat? Oder konnte Brustmann vielleicht umgekehrt das werden, was er heute ist, weil er sich gegen die Vaterhand durchsetzen musste?

Die Bühne jedenfalls und der Wunsch auf ihr zu stehen, ist die große Konstante in Brustmanns Leben. Er will sein Publikum unterhalten und tut das seit Jahrzehnten auf vielfältige Art und Weise: Als Musiker und Kabarettist vorzugsweise, als Objekt- und Installationskünstler und nicht zuletzt als Dichter. Nun war Josef Brustmann mit seinem Programm "Fuchs-Treff" zu Gast in der Post in Schwabhausen. Dabei sorgte er beim ein oder anderen Zuhörer erst einmal für Verwirrung. Die banalen Scherze, mit denen er ins Programm einstieg: Sollte das tatsächlich der große Brustmann sein, den man doch ganz anders, als scharfzüngigen Kommentator der Zeitläufte, in Erinnerung hatte?

Kaum hatte der Mann auf der Bühne jedoch die ersten Lacher kassiert, schwenkte er um und wurde ein anderer. Er setzte sich an seine Zither und sang mit schöner, kraftvoller Stimme von den Freuden eines Almsommers mit Kühen und Kälbern. Und von der leisen Angst, man könnte beim nächsten Almauftrieb vielleicht nicht mehr dabei sein.

Vielleicht ist Josef Brustmann vor allem in der Musik ganz bei sich. Musik hat der Zweitjüngste von neun Kindern einer mährischen Flüchtlingsfamilie schon von klein auf zu Hause erlebt, er hat Musik studiert und war jahrelang Mitglied der legendären Musikkabarettgruppe "Bairisch Diatonischer Jodelwahnsinn" und der "Monaco Bagage". Viele der Lieder, die Brustmann in seinen Soloprogrammen singt, stammen aus der eigenen Feder.

Nicht nur musikalisch aber überzeugte Josef Brustmann im Verlauf des Abends sondern immer wieder auch mit seinen Texten. Oft sind es nur Gedankensplitter, die kurz bei ihm aufblitzen, dann wieder entwickelt er seine Gedanken im Zusammenhang einer Geschichte wie der von der türkischen Putzfrau, die mit Brustmann und seiner Frau in freundschaftlicher Harmonie gelebt hatte - bis zu Seehofers Verdikt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Da nämlich kündigte die Putzhilfe frustriert. Brustmanns Resümee nach einem traurigen Abschied: Nicht etwa der Islam sei es, der nicht zu Deutschland gehört, sondern doch wohl eher Seehofer selbst.

Im zweiten Teil des Abends wurde Brustmann noch expliziter politisch, wobei es oft kurze Sätze sind, mit denen er aktuelle Zustände streift. Dabei gelingen ihm köstliche Bilder wie etwa das von den "dicken Hälsen" der Parteienvertreter während der Koalitionsverhandlungen in Berlin: Jeder der Beteiligten hätte dicke Kröten schlucken müssen, die ihm jetzt im Halse steckten - nur Christian Lindner habe die zuletzt ausgespien. Und was Martin Schulz angeht: Der sei das bislang einzige Beispiel eines Falls, wo eine Ratte zum sinkenden Schiff zurückschwimmt.

Wenn Josef Brustmann die Gegenwart beschreibt, in der sich niemand mehr "die Zeit nimmt, zu Hause zu sterben", dann ist das nicht nur kabarettistische Normalkost sondern philosophisches Nachdenken über das Leben und die, die es leben, zwischen "Ikea am Morgen und Aldi am Abend." Er selber sei qua Geburt in großer Armut und eisiger Kälte des Austraghäusels, in dem die große Brustmann-Familie nach dem Krieg unterkam, "hineingeworfen worden in eine poetische Existenz", sagt der 63-Jährige. So sind auch manche seiner Bühnen- und Liedtexte auf berührende, oft auch melancholische Weise poetisch. Daneben aber gibt es das große Bedürfnis, nur zu unterhalten: mit Witzen, frechen Gstanzln und mal lustiger, mal schlichterer Interaktion mit dem Publikum. Vielleicht verbirgt sich hinter dem Spaßmacher ja der eigentliche, empfindliche Mensch, der als Kabarettist andere nicht allzu nahe an sich herankommen lassen möchte. Wer mehr über Brustmann erfahren will, sollte am 12. November das Bayerische Fernsehen einschalten, wo der Kabarettmacher und Musiker in der Reihe "Lebenslinien" über sich spricht. Oder man könnte Brustmanns Gedichte lesen: Hier kommt man den Seiten des Mannes nahe, die er als Bühnenmensch nur teilweise preisgeben will.

© SZ vom 24.09.2018
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