Fußball im KZ DachauEine Auszeit vom Terror für 90 Minuten

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Nach der Befreiung spielen KZ-Häftlinge in Dachau im Mai 1945  Fußball. Unter den Nazis kickten sie auch, aber nicht zum Vergnügen, sondern zu Propagandazwecken.
Nach der Befreiung spielen KZ-Häftlinge in Dachau im Mai 1945  Fußball. Unter den Nazis kickten sie auch, aber nicht zum Vergnügen, sondern zu Propagandazwecken. United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Colonel Alexander Zabin
  • Im KZ Dachau mussten Häftlinge ab 1933 zunächst zu Propagandazwecken Fußball spielen, ab 1942 zur Arbeitsmotivation nach der deutschen Niederlage von Stalingrad.
  • Von Mai 1943 bis Herbst 1944 fanden regelrechte Wettbewerbe mit Meisterschaft, Pokal und Supercup statt, organisiert von den Häftlingen selbst.
  • 22 Mitglieder des FC Bayern München waren in Dachau interniert, darunter Präsident Kurt Landauer, der 33 Tage im KZ verbrachte.
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Im Konzentrationslager Dachau spielten Häftlinge Fußball, zu Propagandazwecken und später auch zur Arbeitsmotivation. Es war nur eine kurze Ablenkung von Folter und Mord.

Von Peter Bierl, Dachau

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Als „Schule der Mörder“ hat der Überlebende Max Mannheimer das KZ Dachau bezeichnet, das erste Lager, dass die Nationalsozialisten am 22. März 1933 eröffneten. Das Personal der SS, das später an anderen Orten seine Verbrechen fortsetzte, erlernte dort sein Handwerk. Dazu gehörte der Missbrauch des Sports. Im Frühjahr 1933 mussten Häftlinge Fußball spielen, nicht zum Vergnügen, sondern zu Propagandazwecken, erzählt Klaus Schultz. Der evangelische Diakon, der jahrelang in der Versöhnungskirche gearbeitet hat, leitet den Rundgang „Fußball im KZ“ durch die Gedenkstätte.

Vom Fußballspielen wurden Fotos gemacht, die Spiele ausländischen Prominenten oder Vertretern des Roten Kreuzes vorgeführt, um eine heile Welt vorzutäuschen. Überlebende berichteten, die Tore seien auf Befehl des neuen Kommandanten Hans Loritz, der im April 1936 sein Amt antrat, wieder abgebaut worden, sagt Maximilian Lütgens, pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte. Ob zwischen 1933 und Frühjahr 1936 weiter Fußball gespielt wurde, darüber könne man nur Vermutungen anstellen.

Diakon Klaus Schultz leitet den Rundgang „Fußball im KZ“ durch die Gedenkstätte.
Diakon Klaus Schultz leitet den Rundgang „Fußball im KZ“ durch die Gedenkstätte. Niels P. Jørgensen

Das KZ Dachau hatten die Nazis zunächst in einer alten stillgelegten Pulverfabrik eingerichtet. Unter Loritz begann 1936 der Neubau mit dem Eingang, dem sogenannten Jourhaus, dem Wirtschaftsgebäude und den 34 Baracken, angeordnet um einen riesigen Appellplatz, der 1938 fertig war. Im November 1942 wurde SS-Hauptsturmführer Michael Redwitz (1900 bis 1946) Erster Schutzhaftlagerführer, zuständig für den Tagesablauf, für Appelle, Lagerordnung, Haftbedingungen und Strafen. Er befahl, wieder Fußballspiele zu organisieren. Das Motiv war, aus den Gefangenen nach der deutschen Niederlage von Stalingrad mehr Arbeitsleistung herauszupressen, und dafür sollte die Stimmung etwas gehoben werden. Ein Chor wurde gegründet, Theater aufgeführt, ein Lagerbordell eingerichtet und Fußball gespielt.

Die Strategie der SS schien zunächst aufzugehen. Lütgens berichtet, dass 1942 mehr als 5000 Häftlinge umkamen, zum Zeitpunkt der Fußballspiele 1943 die Zahl zwar abnahm, aber das KZ Dachau immer noch ein Lager war, in dem 1151 Menschen aufgrund von Entkräftung, Hunger oder durch den Terror der SS ums Leben kamen. Die Zahl schnellte 1944 wieder auf 5862 Opfer, weil das Lager nun überfüllt wurde und Seuchen ausbrachen. 1945 kamen 16 339 Menschen ums Leben, viele erlagen in den ersten Wochen nach der Befreiung ihren Verletzungen.

Die Organisation des Fußballs wurde dem Ältesten von Block 2 übergeben. Unter seiner Leitung gründeten Häftlinge einen Spielausschuss, die „Sportgemeinschaft KLD“ (Konzentrationslager Dachau), sowie einen Schiedsrichterausschuss. Den Aussagen von Überlebenden und ihren Tagebucheinträgen zufolge bauten die Häftlinge neue Tore, zogen Linien und kreierten Trikots. Werbeplakate für Spiele und Urkunden stellte das Künstlerkommando her, in der Kunstschreinerei entstand ein hölzerner Pokal, der heute in der Dauerausstellung zu sehen ist.

Gespielt wurde um einen hölzernen Pokal, der in der Dauerausstellung zu sehen ist.
Gespielt wurde um einen hölzernen Pokal, der in der Dauerausstellung zu sehen ist. Peter Bierl

Fußball wurde in Stammlagern wie Buchenwald oder Neuengamme gespielt, in Auschwitz gab es Boxkämpfe. Im KZ Theresienstadt fand Ende 1944 ein Fußballspiel im Innenhof der früheren Kaserne statt, das zu Propagandazwecken gefilmt wurde, die meisten Spieler wurden später ermordet. In Dachau wurden regelrechte Wettbewerbe ausgetragen, erzählt Lütgens, eine Meisterschaft einschließlich zweiter Liga und ein Pokalwettbewerb. Meister und Pokalsieger kämpften am Ende um einen Supercup. Es gab ein Toto-System, bei den Wetten wurden vermutlich kärgliche Essensreste und ein paar Zigaretten eingesetzt.

Anfangs wurden die Mannschaften nach Nationen eingeteilt und traten gegeneinander an. Nachdem jedoch im KZ Neuengamme ein polnisches ein deutsches Team besiegt hatte, verbot die SS solche Länderspiele. Stattdessen wurden Teams aus Blöcken, Baracken und Arbeitskommandos formiert. So findet sich in der Ausstellung ein buntes Plakat für ein „Fußball-Wettspiel“ am 27. Juni 1943 zwischen Mannschaften der Kräuterplantage und der Küche. Allerdings dominierten Angehörige einzelner Nationen in manchen Kommandos, weshalb es faktisch bei „Länderspielen“ blieb, sagt Lütgens.

Für die Siegermannschaft gab es Urkunden.
Für die Siegermannschaft gab es Urkunden. Peter Bierl

Auf dem hölzernen Pokal steht eingraviert zu lesen: „Dem ersten Sieger 1944“. Das war die Mannschaft aus der Häftlingsküche. Dort arbeiteten viele Luxemburger. Nach der Befreiung spielten sie noch einige Zeit in ihrer Heimat unter dem Titel „Luxemburger KZ Mannschaft“, erzählt Lütgens. Den Pokal nahmen sie mit und stifteten ihn später der Gedenkstätte.

Der Fußball hatte große emotionale Bedeutung für die Häftlinge. Das war etwas Normalität, für einen Moment waren sie keine Nummern, sondern Menschen mit Hoffnungen. Es war eine Ablenkung für 90 Minuten, die unvollständig blieb. „Der Anblick von Stacheldraht und Wachtürmen und der Geruch vom Krematorium herüber blieb“, sagt Schultz.

In Dachau wurden regelrechte Wettbewerbe ausgetragen, berichtet Maximilian Lütgens, pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte.
In Dachau wurden regelrechte Wettbewerbe ausgetragen, berichtet Maximilian Lütgens, pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte. Toni Heigl

Der Wettbewerb sorgte für eine gewisse Bekanntheit von Spielern im Lager, die lebensrettend sein konnte, sagt Lütgens. Redwitz kam auf die Idee, Schaukämpfe zu organisieren. Er wollte mit einer Auswahl auf Tournee gehen, die gegen SS-Mannschaften und örtliche Fußballvereine spielen sollte. „Der Zweck war vermutlich, die Häftlinge vorzuführen, sie durften nicht gewinnen“, sagt der Mitarbeiter der Gedenkstätte. So galt als Regel, dass Häftlinge nur hohe Bälle spielen durften, nicht flach. Solche Schauspiele wurden auch anderswo veranstaltet, berichtet Lütgens, etwa zwischen Teams von Wehrmacht oder SS gegen Betriebs- oder Zwangsarbeiterteams in den besetzten Gebieten in Osteuropa. So spielte beispielsweise 1942 eine Auswahl der Wehrmacht gegen ehemalige Spieler von Dynamo Kiew.

In Dachau bekamen die auserkorenen Spieler Briefe von der „Sportgemeinschaft KLD“ mit einer Einladung zur Auswahl. Einen davon erhielt Ferdinand Hackl, Jahrgang 1918, ein Fußballer aus Wien. Er war ein Kommunist, der in Spanien gegen Franco gekämpft hatte, in Frankreich interniert, an die Deutschen ausgeliefert und am 6. Juli 1941 in Dachau eingeliefert worden war. „Das war einzige Mal, dass Hackl im KZ mit ‚Sie‘ angesprochen wurde“, erzählt Schultz. Zu diesen Show-Spielen kam es aber nicht mehr.

Hackl war insofern typisch, als nur die jüngeren und neuen Häftlinge Fußball spielen konnten, die der mangelhaften Ernährung, der Schwerstarbeit und den Misshandlungen nicht schon jahrelang ausgesetzt gewesen waren, oder Kommandos mit relativ leichter Arbeit angehörten, wie Küche oder Schreibstube.

Heinz Kerz, als Mittelstürmer „schwarzer Bomber“ genannt, wurde zwangssterilisiert und ins KZ Dachau verschleppt

Schultz erinnert in seiner Führung an die vielen Sportler, die im KZ Dachau einsaßen, darunter Heinz Kerz, aus Nieder-Olm bei Mainz, wo seit 2005 eine Sporthalle nach ihm benannt ist. Der Vater war ein französischer Soldat aus Marokko oder Westafrika, Heinz Kerz wurde als Mittelstürmer „der schwarze Bomber“ genannt. Den Nazis galt er als „Rheinlandbastard“, er wurde aus seinem Verein geworfen, 1938 zwangssterilisiert und 1943 nach Dachau verschleppt. Kerz überlebte, wurde Schwimmmeister, Fußballtrainer und Gemeinderat für die SPD in Nieder-Olm.

Kurt Landauer, langjähriger Präsident des FC Bayern München, verbrachte 33 Tage im KZ Dachau, ehe er ins Schweizer Exil flüchtete.
Kurt Landauer, langjähriger Präsident des FC Bayern München, verbrachte 33 Tage im KZ Dachau, ehe er ins Schweizer Exil flüchtete. FC Bayern München

Vom FC Bayern München waren 22 Mitglieder in Dachau interniert, darunter Alfred Strauß, der sich als Jurist für Opfer von Naziübergriffen engagiert hatte. Er wurde am 24. Mai 1933 in Dachau mit drei Kopfschüssen ermordet. Otto Beer leitete ab 1926 die Jugendarbeit beim FC Bayern, er wurde nach der Pogromnacht am 10. November 1938 nach Dachau verschleppt und nach einiger Zeit wieder freigelassen. Beer gelang es nicht auszuwandern, er wurde am 20. November 1941 nach Kaunas in Litauen deportiert und mit seiner Familie ermordet. Anton Reitlinger, ebenfalls jüdischer Herkunft, versteckte sich lange in Miesbach, bis er verraten und 1944 ins KZ gesteckt wurde, wo ihn die SS ermordete. Das prominenteste Mitglied war Kurt Landauer, langjähriger Präsident des Vereins. Er verbrachte nach dem 10. November noch 33 Tage im KZ und ging dann ins Schweizer Exil.

„Landauer war lange vergessen“, sagt Schultz. Die NS-Vergangenheit interessierte niemanden, im Gegenteil. Gottfried Fuchs, Nationalspieler, Rekordhalter mit zehn Toren in einem Spiel, erzielt bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm gegen Rußland, musste wegen seiner jüdischen Herkunft 1937 nach Frankreich und 1940 nach Kanada fliehen. Nationaltrainer Sepp Herberger schlug vor, Fuchs, sein Idol, als Ehrengast zur Einweihung des Münchner Olympiastadions am 24. Mai 1972 einzuladen, aber der DFB lehnte ab.

Mit einer Choreographie erinnerten die Ultras des FC Bayern München am 1. Februar 2025 an die 145 Vereinsmitglieder, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.
Mit einer Choreographie erinnerten die Ultras des FC Bayern München am 1. Februar 2025 an die 145 Vereinsmitglieder, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Christian Mack

Beim FC Bayern ergriffen die Ultras von der Schickeria die Initiative. Sie organisierten 2009 eine Feier zum 125. Geburtstag von Landauer am Gedenkstein der Baracke 8. Bei einem Bundesligaspiel gegen Kiel Anfang 2025 erinnerte die Schickeria in der Südkurve im Stadion mit einer Choreographie an die insgesamt 145 Mitglieder des Vereins, die von den Nazis verfolgt wurden. 2005 hat der DFB den Julius-Hirsch-Preis gestiftet, für Engagement gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, benannt nach einem Nationalspieler, der in Auschwitz ermordet wurde.

Die Fußballspiele im KZ Dachau fanden von Mai 1943 bis Herbst 1944 an freien Sonntagen statt, Ende 1944 war das Lager überfüllt, Typhus war ausgebrochen. Das Lager war einmal für fünf- bis sechstausend Häftlinge geplant worden, mehr als 30 000 traten beim letzten Zählappell im April 1945 an. Insgesamt durchlitten rund 202 000 Häftlinge das KZ Dachau, etwa 41 500 wurden ermordet: durch schwere körperliche Arbeit, fehlende medizinische Versorgung, Mangelernährung, Folter und Mord. Etwa 21 000 wurden insgesamt im kleinen und im großen Krematorium verbrannt.

Am 29. April befreiten Einheiten der US-Armee die Gefangenen des KZ Dachau. Ein Farbfoto aus den Wochen unmittelbar nach der Befreiung zeigt viele Überlebende sowie die Tore und Spielfeldmarkierungen in gelber Farbe auf einem Appellplatz, auf dem niemand mehr strammstehen muss und misshandelt wird.

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