Fünfzigerjahre Zwischen Reichsliedern und Röhrenfernsehern

Die Frauen helfen in der Landwirtschaft mit.

(Foto: oh)

In der Zeit des Wirtschaftswunders war der Geist der Nazis im Landkreis Dachau teilweise noch erschreckend präsent.

Von Thomas Altvater, Dachau

Kaum etwas zeigt den Wandel, die Veränderung so deutlich wie diese eine Farbe. Es ist ein an sich gewöhnliches Hochzeitsbild, aufgenommen in Petershausen, im Jahr 1955. Der Bräutigam trägt einen feinen Anzug, die Braut ein schlichtes weißes Kleid. Doch das Foto unterscheidet sich von vielen ähnlichen Aufnahmen, die vor und auch während des Zweiten Weltkriegs entstanden sind. Damals trugen die Frauen noch schwarze Hochzeitskleider.

Etwas Neues, einen Aufbruch, das symbolisiert die Farbe Weiß. Als der Krieg zu Ende war, sehnten sich die Menschen nach einem Neubeginn. Und tatsächlich erlebte Deutschland, und auch Dachau, in den 1950er-Jahren ein Wirtschaftswunder. Die Industrie erstarkte, die Dachauer wurden reicher. Über allem lag jedoch ein Mantel des Schweigens, denn die Gräueltaten der Nationalsozialisten wurden zu dieser Zeit nur selten thematisiert. Ein 600 Seiten langer Sammelband arbeitet nun dieses erfolgreiche und gleichzeitig belastende Jahrzehnt der Dachauer Geschichte auf. Insgesamt zwei Jahre lang schrieben Wissenschaftler und Laien in mühevollster Kleinstarbeit an dem Werk, das von einer Wanderausstellung begleitet wird.

Fußball im Angesicht des Todes

In vielen Konzentrationslagern durften Häftlinge Fußball spielen - zu Propagandazwecken, aber auch, um Aufstände zu verhindern. Von Felix Wendler mehr ...

Tatsächlich waren die Bedingungen für das Wirtschaftswunder im Dachauer Land mehr als ungünstig, schreibt Helmut Beilner. Die vielen befreiten Häftlinge aus dem Konzentrationslager sowie die heimgekehrten Vertriebenen verstärkten akute Wohnungsnot, Obdachlosigkeit und Armut in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg. Auch die landwirtschaftlich geprägte Struktur des Dachauer Lands war für Industrieunternehmen zunächst wenig attraktiv. Zu den vielen kleinen Betrieben kamen erst nach und nach größere Unternehmen hinzu wie das Ausbesserungswerk der amerikanischen Armee und die wiedereröffneten Werke von BMW und MAN.

Besonders die Textilindustrie war in den Jahren nach dem Krieg ein wichtiger Antrieb für die Wirtschaft in Dachau. Insgesamt sechs Betriebe siedelten sich in den 1950er-Jahren in der Kreisstadt an. Die Altlasten des Kriegs waren dabei eng mit dem wirtschaftlichen Aufschwung verwoben. Alte Gebäude des Konzentrationslagers wurden neu genutzt, die vielen Kriegsflüchtlinge mussten in den noch wenigen Firmen eine Arbeit finden.

Das Gebäude der Bayerischen Lederwerke in Dachau war zur Zeit des Zweiten Weltkriegs der Nassbetrieb, also Küche und Wäscherei, des Konzentrationslagers. Der Großteil der Beschäftigten bestand aus zurückgekehrten Heimatvertriebenen, die in den neuen Wohnsiedlungen in Dachau-Ost untergebracht wurden.

Auch die vom Heimatvertriebenen Felix Schuh gegründete Strumpffabrik "Sulida" wurde in einer ehemaligen Baracke des KZ-Schutzhaftlagers gegründet. Im östlichen Teil des früheren Wirtschaftsgebäudes begannen die Arbeiter mit der Produktion, erzählt Monika Lücking. Der Betrieb wuchs schnell, bald arbeiteten dort mehr als 400 Angestellte, auch fast ausschließlich Vertriebene. Der Betrieb wurde im Jahr 1953 vom damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard ausgezeichnet, ging jedoch später in Folge der wachsenden Konkurrenz pleite.

Da es immer mehr Arbeit gab, verbrachten die Menschen - im Vergleich zu heute - überdurchschnittlich viel Zeit in den Betrieben. Eine Fünfeinhalb-Tage-Woche war normal, die Menschen arbeiteten jede Woche bis zu 49 Stunden. Auch der Lohn stieg in den 1950er-Jahren stark an. 526 D-Mark verdiente ein durchschnittlicher Dachauer Arbeiter pro Monat.

Mit dem gestiegenen Wohlstand wandelte sich auch die Gesellschaft. Viele Menschen waren traumatisiert, dennoch spürten auch sie die neue Leichtigkeit des Lebens in der Nachkriegszeit. Deutlich wird dieser gesellschaftliche Wandel gerade in der Rolle der Frau, die sich in den 1950er-Jahren besonders stark veränderte. "Im Krieg mussten die Frauen ihren Mann stehen und viele Aufgaben der Männer übernehmen", erzählt Lydia Thiel.

Doch das war mit dem Ende des Kriegs vorbei. Während die Männer arbeiten gingen, mussten die Frauen ihren Beruf aufgeben und sich stattdessen um die Familie und den Haushalt kümmern. Wie stark die Folgen des Kriegs damals noch zu spüren waren, zeigt sich gerade hier: Junge Witwen, die bereits Mütter waren, hatten es besonders schwer, ihre Kinder zu ernähren. Sie mussten arbeiten, um genug Geld zu verdienen. Gleichzeitig versorgten sie ihre Kinder. Einrichtungen wie Kindergärten oder Tagesstätten gab es noch nicht. Daran änderte auch der Wohlstand der 1950er-Jahre nichts.

Die Küchen sind in den 50er Jahren fortschrittlicher.

(Foto: Toni Heigl)

Die Frauen, die den Krieg miterlebt hatten, trugen das damals Erlebte noch immer in sich. Es ist nicht verwunderlich, dass es ihnen oft nicht gelang, "sich an der fast überschwänglichen Lebensfreude zu beteiligen und mit der neuen, modernen Zeit zu gehen", erzählt Lydia Thiel in ihrem Aufsatz. Gerade für die jungen Mädchen sei die kritische Haltung ihrer Mütter ein Problem gewesen, erklärt Thiel. Dabei prägte eine neue Eleganz das Leben der Frauen. Vorbilder, an denen sich die Mädchen orientieren konnten, gab es viele: Sophia Loren, Coco Chanel, Liz Taylor, Gina Lollobrigida oder auch Hildegard Knef verkörperten ein neues Schönheitsideal, zu dem Elvis Presley den Soundtrack lieferte.