Friedrich-Meintzolt-Haus Konstruktive Kritik aus dem Altenheim

Beim CSU-Themenabend mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bemängeln Dachauer Senioren, dass stationäre Pflege zu kurz komme.

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Den älteren Damen und Herren des Friedrich-Meinzolt-Hauses verschlägt es aus Ehrfurcht vor dem hohen Gast aus Berlin nicht die Sprache. Aber sie atmen tief durch, bevor sie zu reden beginnen. Sie haben Wichtiges vorzutragen. Auf den Besuch von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) haben sie sich gut vorbereitet. In einem halbstündigen Gespräch am großen Tisch gelingt es ihnen nur, ihre Anliegen anzutippen. Diesen Umstand haben sie vorsorglich berücksichtigt und überreichen dem Minister ein Exposé, in dem sie die Lage älterer Menschen am Beispiel Dachaus erläutern und Vorschläge für eine bessere finanzielle Grundlage der Betreuung und Pflege vortragen.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe spricht am Rednerpult im Adolf-Hölzel-Haus.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Minister Gröhe zeigt sich beeindruckt, weil die Bewohner des Meinzolt-Hauses, einer Einrichtung der Inneren Mission im Stadtteil Dachau-Ost, nicht jammern, sondern sich sorgen. Um ihren Lebensabend. Vor allem um die Pflegekräfte. "Wir brauchen mehr Geld für das Personal", heißt es. Angesichts der "physischen und psychischen Kraft", die für diesen Beruf notwendig sind, "ist er unterbezahlt". Gröhe zeigt sich beeindruckt: "Es ist schön, dass Sie auch an die Pflegekräfte denken." Eine Wahlkampfveranstaltung mit Fotos von Hermann Gröhe gemeinsam mit der CSU-Bundestagskandidatin Katrin Staffler, flankiert von CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt und dem Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath, hat sich in eine ernsthafte Diskussion über ein, wie Gröhe sagt, "entscheidendes Zukunftsthema" gewandelt.

Zwei ältere Herrschaften nehmen sich Zeit für ein Pläuschchen mit dem Gesundheitsminister.

(Foto: Niels P. Joergensen)

In ihrem schriftlichen Exposé haben die Bewohner des Meinzolt-Hauses gemeinsam mit ihrer demokratischen Vertretung, dem Heimbeirat, und Leiter Christian Zanke, ihre Kritik, ihre Ideen und ihre Vorschläge vertieft. Zanke erläutert die Gedanken am Donnerstag, einen Tag nach Gröhes Besuch. Die Finanzierung einer guten Altenpflege, sei sie ambulant oder stationär im Heim, hält er für machbar. Er und seine Bewohner fordern beispielsweise die Bundesregierung auf, die offiziellen und versteckten Subventionen für sämtliche börsennotierte Unternehmen wie Airbus oder Volkswagen zu stoppen. Soweit zum Geld.

"Wir haben das Gefühl, dass immer mehr gespart wird"

Wichtiger ist den Autoren die Kritik an der Altenpolitik der Bundesregierung, und gemeint ist die gesamte Koalition einschließlich SPD. Sie verurteilen nicht den Leitfaden, "dass ambulante vor stationäre Pflege gehen soll". Vielmehr zeigen sie dessen Grenzen am Beispiel Dachau auf. Wenn die Bundespolitik tatsächlich erreichen will, dass die meisten Menschen bis ins hohe Alter zuhause leben sollen, unterstützt von der Familie, dann bräucht es dazu die angemessene Infrastruktur.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe geht mit der CSU-Bundestagsabgeordneten Gerda Hasselfeldt, Direktkandidatin Katrin Staffler und dem Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath zum Adolf-Hölzel-Haus.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die wesentlichen Elemente wären: eine Tagespflege, damit Angehörige im Beruf flexibel sind. Eine Nachtpflege, damit in schwierigen Phasen die Familien nicht überfordert werden. Ganz wichtig: eine Kurzzeitpflege, damit auch mal ein mindestens 14-tägiger Urlaub möglich ist. Und schließlich ein Mobilitätsdienst, damit die Patienten zum Arzt kommen oder zu Therapien. Christian Zanke sagt: "Nichts von alledem gibt es in Dachau und im Landkreis." Anders gesagt: Die neuen Gesetze zur Altenpflege, die Gröhe auch nach Zankes Ansicht lobenswerterweise durchgesetzt habe, "kommen fünf bis sechs Jahre zu früh".

Das Meinzolt-Haus fordert Gröhe in dem Exposé dazu auf, die stationäre Pflege angemessen zu berücksichtigen. Denn der politische Vorrang der ambulanten Hilfe geht nach Ansicht der Bewohner, der Leitung um Christian Zanke und des Trägers, der Inneren Mission in München, fast komplett zu Kosten der Altenheime. Christian Zanke: "Wir haben das Gefühl, dass immer mehr gespart wird und die Leistungen ständig beschnitten werden."

Berufswelt und Pflege in der Familie passen nicht zusammen

Neben dem Eindruck verfügt er über seiner Ansicht nach belegbare Fakten, die sich um die komplexen Berechnungsmethoden der unterschiedlichen Pflegestufen drehen. Die Bundespolitik versuche strategisch, Heimaufaufenthalte zu verhindern, sagt Zanke. Ein Beispiel: Das Meinzolt-Haus bietet betreutes Wohnen an. Dafür interessieren sich rüstige Ältere, die etwas Fürsorge brauchen. Der Gesetzgeber sieht hier einen Schlüssel von gerade mal einer Pflegekraft für 22 Personen innerhalb von 24 Stunden vor.

Deshalb stellt das Exposé an Gröhe die grundlegende Frage, ob der Leitgedanke der Bundespolitik der richtige sei. Gröhe sagt: "So wie ich für die Ausbildung meiner Kinder einstehe, so ist es umgekehrt normal, dass ich Hilfe von den Kindern erfahre." Dieser Satz variiert den so genannten Paragrafen des Kanzlers Bismarck zu Kaiserzeiten im 19. Jahrhundert, wonach die Pflege eine innerfamiliäre Verpflichtung darstelle. Zanke und seine Bewohner erachten ihn als unzeitgemäß und widersprüchlich: "Einerseits sollen die jungen Leute mobil und flexibel sein, andererseits sollen sie sich so organisieren, dass sie für ihre Familien da sind. Wie soll das gehen?" Deshalb sagt Zanke. "Die ambulante Altenhilfe ist nicht der Königsweg." Der neue politische Leitsatz sollte lauten: "Wir fördern ambulante und stationäre Altenhilfe gleichermaßen."