Süddeutsche Zeitung

Schülerdemos:Jugendliche gründen Fridays for Future Dachau

Jugendliche haben eine Dachauer Ortsgruppe von Fridays for Future gegründet. Sie wollen im Landkreis demonstrieren und die Lokalpolitik zum Handeln bewegen.

Fée van Cronenburg sitzt seit sieben Stunden im Zug. Die 17-jährige ist auf dem Weg zu einer Klassenfahrt in Venedig. Manchmal wird ihre Stimme von einer Ansage auf Italienisch übertönt, dann unterbricht sich die Schülerin kurz, spricht jedoch im nächsten Moment wieder über den Klimawandel, die steigende Verzweiflung ihrer Generation - und wie sie sich dagegen wehren will.

Am vergangenen Mittwoch hat sie gemeinsam mit anderen Jugendlichen aus dem Landkreis eine Ortsgruppe von Fridays for Future in Dachau gegründet. Orientiert an der weltweiten Klima- und Umweltschutzbewegungen wollen die Jugendlichen deren Themen in den Landkreis holen, Demonstrationen vor Ort veranstalten und sich politisch einbringen.

Fridays for Future Dachau will im Landkreis demonstrieren

Michael Staniszewski sitzt in zur gleichen Zeit in der S-Bahn, er ist auf dem Nachhauseweg. Der 19-Jährige studiert Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der Umwelt- und Klimaschutz ist schon allein deswegen ein wichtiges Thema für ihn. Auf einem Ortsgruppentreffen von Fridays for Future in München hat Michael die 17-jährige Emma Stremplat kennengelernt, eine Schülerin des Ignaz-Taschner-Gymnasiums. Gemeinsam haben die beiden die Idee für einen Fridays for Future-Ableger in Dachau entworfen. Nun wählten die Mitglieder ihn und Fée van Cronenburg auf dem Gründungstreffen der neuen Ortsgruppe zum Pressebeauftragten. Er erklärt, dass sich in dieser Personalentscheidung ein Kerngedanke der Bewegung spiegle: Für jeden Bereich solle möglichst eine weibliche Sprecherin und ein männlicher Sprecher eingesetzt werden. Seit rund drei Monaten schließt er sich regelmäßig den Klimademonstrationen an. Von Greta Thunberg, Ikone und Gründerin der Fridays for Future-Bewegung, hat er früh über soziale Netzwerke erfahren. "Aber ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass das so groß wird."

Wie in ganz Europa vernetzen sich auch die jungen Klimademonstranten in Dachau über soziale Medien. Treffen organisieren sie in einem Gruppenchat des Messengerdienstes Whatsapp, Terminabstimmungen wollen sie über das Onlinetool Doodle koordinieren. Einen Twitter- und einen Facebook-Account hat die Ortsgruppe bereits erstellt, in Kürze soll noch ein Instagram-Profil hinzukommen. Mit Socila Media haben die Initiatoren auch für ihr Gründungstreffen geworben: "Wir haben ein Share Pic entworfen, das alle leicht auf Facebook und Instagram teilen konnten", erklärt Michael Staniszewski. Dazu gab es einen kurzen Text, der als Nachricht an sämtliche Freunde geschickt wurde Klassische Mundpropaganda in der Sprache der jungen Generation. Diese Strategie hat funktioniert, am ersten Treffen nahmen rund 40 Interessierte teil. "Extrem gut", bewertet das Michael Staniszewski, der selbst häufig Treffen der Münchner Ortsgruppe besucht. "Dort sind es im Durchschnitt vielleicht 30 Leute pro Treffen."

Fridays for Future wird in Dachau kleiner werden, doch Michael Staniszewski verspricht sich eine große Wirkung

Wenn in München oder anderen Großstädten weltweit tausende Schüler für Klimaschutz auf die Straße gehen, sorgt das wöchentlich für großes Aufsehen und Bilder, die durch Presse und soziale Medien ziehen. In Dachau wird das Ganze deutlich kleiner werden, doch Michael Staniszewski verspricht sich dennoch eine große Wirkung. Schließlich sei man in Dachau im Vergleich zur Landeshauptstadt näher dran an Gesellschaft, Politik und lokalen Medien. Es sei wichtig, dass die Themen der jungen Umweltbewegung im Landkreis Aufmerksamkeit bekämen. Langfristig wolle die Ortsgruppe hier Demonstrationen organisieren, vielleicht auch einen "Die In" - einen Streik, für den sich die Demonstranten auf den Boden legen und tot stellen, um so auf ihre Themen aufmerksam zu machen. Gleichzeitig geht es den Jugendlichen aber vor allem darum, dass sie ihre Anregungen in die Lokalpolitik einbringen können. Michael Staniszewski erwähnt die von Florian Hartmann (SPD) geplante Umwelt- und Klimakonferenz in Dachau, die der Oberbürgermeister für den kommenden Herbst angekündigt hat. Die Gruppe hofft, sich hieran beteiligen zu können. Später wollen sie eigene Workshops anbieten und konkrete Forderungen ausarbeiten, die sie an Stadt und Landkreis stellen.

"Ich finde, ich habe ein Grundrecht zu demonstrieren und meine Meinung zu sagen", sagt Fée van Cronenburg. An ihrer Schule, dem Josef-Effner-Gymnasium, sei der Umgang mit den Protesten bislang sehr liberal. "Wenn wir demonstrieren, gehen wir in das Sekretariat und melden uns ab", berichtet die Elftklässlerin - Sanktionen, zum Beispiel in Form eines Verweises, gebe es nicht. Dafür sei sie zwar sehr dankbar, macht aber deutlich, dass sie auch weiterhin für den Klimaschutz demonstrieren würde, wenn dafür Verweise verteilt würden. "Klar lernt man auch in der Schule etwas über den Klimaschutz", sagt sie - doch erst durch die Reden und die Stimmung unter den Demonstranten habe sie verstanden, wie wichtig das Thema für sie und ihre Generation sei. "Dort habe ich gemerkt: Ich muss etwas machen, hier muss sich etwas verändern." Dann folgte eine Phase, in der sie sich einlas, mehrere Dokumentationen sah, sich informierte. "Und dann die Phase der Verzweiflung, ich konnte nicht mehr richtig schlafen", erzählt sie. Weil sie merkte, dass zu wenig passiere, dass die Politik zu langsam handle. "Oder gar nicht."

Die Dachauer Mitglieder von Fridays for Future haben sich in Arbeitsgruppen aufgeteilt. Fée van Cronenburg ist Teil derjenigen, die sich um die Mobilisierung der Schüler im Landkreis kümmern soll. Hierzu will sie auch aufklären, inwiefern sich Schüler versichern müssten, wie die Rechtslage für Demonstranten sei, über Bußgelder und Sanktionen. "Vielen ist nicht bewusst, dass man selbst wirklich etwas tun kann", sagt sie. Außerdem hat die Ortsgruppe ein Team für Social Media, eines für die Planung von gemeinsamen Aktionen und eines, das sich um die Finanzen kümmern soll. Im Laufe der Sommerferien möchte die Gruppe ihre Struktur ausbauen. Die Jugendlichen hoffen dafür auch auf weiteren Zuwachs. Dabei richten sie sich nicht nur an Gleichaltrige, sondern an alle Generationen. Das nächste Treffen soll im August stattfinden. Über den Termin wird auf Doodle abgestimmt, erklärt Michael Staniszewski - Ort und Zeit werden selbstverständlich auf allen Kanälen geteilt.

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Quelle:
SZ vom 24.07.2019
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