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Dachau:Corona bremst Fridays for Future aus

Im Sommer demonstrierte Fridays for Future Dachau vor dem Landratsamt.

(Foto: Toni Heigl)

Die Pandemie hat den Klimaschutz-Aktivisten einen Rückschlag verpasst. Dabei sind ihre Forderungen und Ziele im vergangenen Jahr nicht weniger wichtig geworden. Von der Politik fühlen sie sich im Stich gelassen.

Von Sophie Kobel, Dachau

Fée van Cronenburgs Familie liebt ihr kleines Feuerwerk im Garten, jedes Jahr vor Silvester kaufen die Familienmitglieder darum Raketen, Knallfrösche und Zündkerzen. Allerdings nicht mehr ganz so viele wie früher, als Fée van Cronenburg noch ein Kind war. "Ich hacke jeden Dezember solange auf dem Thema herum, bis sie nur halb so viele besorgen", sagt die 18-Jährige und lacht. Dass aufgrund von Corona vor der vergangenen Silvester-Nacht gar keine Feuerwerkskörper verkauft wurden, hat sie daher sehr gefreut. Aber der CO₂-Anteil, der durch das Abfeuern von Raketen und Böllern entsteht, ist für die Abiturientin nur eines von vielen klimapolitischen Themen, über die sie regelmäßig mit Freunden und ihrer Familie, aber auch mit Politikern diskutiert.

Vor knapp zwei Jahren gründeten Dachauer Studenten und Schüler die lokale Ortsgruppe von Fridays for Future (FFF), Fée van Cronenburg ist eine von ihnen. Normalerweise treffen sich die Jugendlichen Mindestens einmal im Monat im Dachauer Jugendzentrum Freiraum, kochen gemeinsam und überlegen sich Ideen für die nächste Demo. Seit April aber verbringt Fée van Cronenburg wie viele junge Menschen die meiste Zeit in ihrem Zimmer. Auch sie leidet darunter: "Es ist einfach schwierig. Aktivismus lebt von zwischenmenschlichem Kontakt und Motivation kommt in erster Linie von Austausch. So toll digitale Lösungen auch sind, es ist nicht dasselbe", erzählt sie. Und: "Man arbeitet vor Ort zwar nicht ganz so effizient aber es ist einfach schön, lustig und so viel kreativer. Ohne das alles ist unsere Motivation natürlich nicht weg, aber sie hat schon einen ganz schönen Dämpfer erlitten". Die Luft ist raus bei FFF Dachau.

"Wir wollen einfach zeigen, dass wir noch hier sind"

Dabei begann das vergangene Jahr eigentlich gut für die jungen Klimaschützer. Kurz vor der Kommunalwahl am 15. März setzen die Aktivisten ein Ausrufezeichen und befragten Parteien und Wählergruppen in Stadt und Landkreis befragt, wie wichtig ihnen der Klimaschutz ist. Das Ergebnis: 67 Seiten mit Grafiken und detaillierten Antworten der politischen Parteien. "Vielen Fraktionen scheint die Dringlichkeit der Lage immer noch nicht klar. Wir haben keine 20 oder 30 Jahre mehr Zeit, sondern nicht einmal mehr zehn." Das war damals eine Schlussfolgerung von FFF. Doch dann kam Corona und das Thema Klimaschutz geriet in den Hintergrund. Ein Rückschlag für die Bewegung. Die jungen Aktivisten versuchten, mit Aktionen gegen zu wirken. In den Sommermonaten, als die Corona-Zahlen gesunken waren, veranstalteten sie zwei Fahrrad-Demos in Dachau unter dem Mottos "Kein Grad weiter" und "Große Kohle Koalition". Doch seitdem die Coronafall-Zahlen im Herbst wieder angestiegen sind, sind auch Fahrrad-Demos nicht mehr möglich. Im November stellte FFF eine "Baum-Demo" auf die Beine. Die Resonanz in der Öffentlichkeit fiel eher gering aus.

Und jetzt? "Wir wollen einfach zeigen, dass wir noch hier sind", so Fée van Cronenburg. Es stört sie, dass die Sorgen der Jugend in der Pandemie von vielen Politikern nicht ernst genommen werden. "Von jungen Menschen wird erwartet, dass sie diese schwierige Zeit unbeschadet überstehen. Dabei gibt es Studien, die zeigen, dass die psychische Belastung bei Jugendlichen höher ist als bei anderen Altersgruppen."

Bei vielen jungen Menschen haben sich die Präferenzen in der Corona-Pandemie verschoben. Auch Fée van Cronenburg hat im vergangenen Jahr viel Verunsicherung erlebt. Ihr Abitur am Josef-Effner-Gymnasium wurde im Frühjahr mehrere Male verschoben. Bei der anschließenden Zeugnisvergabe durften nur zwei Begleitpersonen pro Absolvent dabei sein. Die Abireise nach Korfu wurde abgesagt. Viele aus ihrem Jahrgang blicken sorgenvoll auf das, was kommt. "Statt vorfreudig war und ist die Stimmung bei uns bedrückt. Viele wissen nicht, ob sie ihren Ausbildungsplatz sicher haben. Ob sie ihre Eltern in der Risikogruppe anstecken, wenn sie etwas mit anderen jungen Menschen machen", sagt Fée van Cronenburg.

"Wir stecken doch mitten in der Entwicklung"

Sie will Politikwissenschaft studieren. Eigentlich plante sie, mit dem Interrail-Trip durch Europa zu reisen und sich währenddessen die Universitäten in Maastricht und Lyon anzuschauen. Doch geschafft hat sie es im Sommer nur nach Passau. "Ich habe mich jetzt trotzdem in den Niederlanden beworben, auch wenn ich meinen zukünftigen Studienort noch nie gesehen habe. Aber ich brauche etwas zu tun", sagt Fée van Cronenburg. Denn aktuell kann die Hebertshauserin ihre freie Zeit auch nicht wie geplant in die Dachauer Ortsgruppe von FFF investieren: "Wir haben natürlich das Bedürfnis, eine menschenfreundliche Bewegung zu sein. Da können wir bei so hohen Inzidenzwerten einfach nicht auf die Straße gehen, egal wie sehr wir das Risiko einer Ansteckung minimieren".

Präsent seien sie aber trotzdem, sagt Fée van Cronenburg, wenn auch nicht so laut wie in der Zeit vor der Corona-Pandemie. Und auch die Pläne der Ortsgruppe von einem kleinen Fridays-for-Future-Café in Dachau bleiben bestehen. Dort soll die lokale Jugend kochen, planen und einfach zusammen sein können.

Fée van Cronenburg ist sich sicher: "Das ist so wichtig für junge Menschen, denn unser Leben ist viel mehr auf soziale Kontakte ausgelegt als das der meisten Erwachsenen. Wir stecken doch mitten in der Entwicklung."

© SZ vom 02.01.2021
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