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Fremdbestimmt und gestresst:"Wir brauchen keine Noten"

Grundschüler der 4. Klassen sind vor dem Übertritt einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. Der SPD-Bildungspolitiker Martin Güll will das ändern, aber in Bayern stoßen entsprechende Reformversuche auf starke Beharrungskräfte

Von Helmut Zeller

Dachau - Ein Bildungspolitiker in Bayern braucht schon eine ungewöhnlich große Ausdauer - auf jeden Fall dann, wenn er nicht der regierenden CSU angehört und gegen sie Reformen voranbringen möchte. So wie der Dachauer Landtagsabgeordnete und Bildungspolitiker Martin Güll (SPD), der sich einem drängenden Problem stellt: Schule macht krank. Nicht immer und nicht alle, aber besonders Grundschulkinder stehen in der vierten Klasse stark unter Druck, wie der Sprecher im Bildungsausschuss des Landtages vor etwa 50 Eltern, Psychologen und Lehrern auf einer Versammlung seiner Partei in Dachau erklärt. Das ist nicht neu. Seit Jahren schon warnen Psychologen, Kinderärzte und Lehrer vor den Folgen des enormen Leistungsdrucks, der Schüler, Lehrer und Eltern krank macht. Aber geschehen ist dagegen eben nicht gerade viel - das will der frühere Schulleiter Martin Güll ändern. Einfach wird das nicht, auch dann nicht, wenn die CSU bei den Landtagswahlen am 14. Oktober die absolute Mehrheit verfehlen würde.

Güll zitiert aus einer Studie der Krankenkasse DAK von 2014: Demnach leidet jeder dritte Schüler an Symptomen wie Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen oder Gereiztheit; 43 Prozent flüchten einmal im Monat in einen Alkoholrausch. Wie sieht es auf der Seite der Pädagogen aus? Der Indersdorfer Psychotherapeut Reinhard Hellmann sagt: "Die Erkrankungsquote liegt bei Lehrern über 35 Prozent. Die Zahl derjenigen, die aus Krankheitsgründen das Pensionsalter nicht erreichen, nimmt dramatisch zu, wie Güll ergänzt. Mehr als 35 Prozent der Patienten in den Kinderarztpraxen des Landkreises sind durch den Schuldruck geschädigt. Andere Untersuchungen erbrachten teilweise noch schlimmere Ergebnisse. Allen Studien ist eines gemeinsam: Viele Schüler sind betroffen, am meisten aber die der 4. Klassen Grundschule. Warum das so ist, erklärt Güll so: Weil sich in der 4. Klasse die Zukunft der Kinder entscheidet. Die Zeit des Übertritts in eine weiterführende Schule ist auch laut Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) mit einem Leistungsdruck verbunden, der die Kinder enormen psychischen Stress aussetzt. Da ist einmal die Erwartungshaltung der Eltern, die für ihr Kind das Beste wollen - in der Regel also Abitur und Studium. Und da ist ein Bewertungssystem der Kinder, das allen wissenschaftlichen Erkenntnissen Hohn spricht.

"Ich habe nichts gegen Noten", sagt Güll, "aber wir brauchen sie nicht." Noten orientieren sich an der Gruppe, zwingen das Kind, sich mit den anderen zu vergleichen und verhindern eine individuelle Förderung. Aber jeder junge Mensch habe verschiedene Entwicklungspotenzen und brauche Zeit. Ein Kind sei in sich selber unterschiedlich alt - das eine etwa ist in seinem Spracherwerb bereits auf einer reiferen Stufe, dagegen im mathematischen Denken auf einem tieferen Entwicklungsstand.

Gute Noten um jeden Preis?

Landtagsabgeordneter Martin Güll weiß aus seiner Erfahrung als Schulleiter, wo die Probleme liegen. Er plädiert für ein längeres gemeinsames Lernen der Kinder, deren Individualität man fördern müsse.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Man müsse, sagt Güll, den gesamten Menschen anschauen und eine schulische Umgebung schaffen, die dem einzelnen Kind adäquat ist. Dabei gehe es nicht um eine "Kuschelpädagogik". Er wolle auch nicht mit dem Finger auf die Eltern zeigen. Kinder wollten lernen und Leistung bringen, aber eben nicht, wie das bis heute der Fall sei, fremdbestimmt.

Die Lösung: Mit der Gemeinschaftsschule soll künftig ein Weg für mehr Chancengleichheit und weniger Druck auf Schüler- und Lehrerschaft bestehen, wenn sie nach dem Willen der SPD als Wahlmodell - neben dem bestehenden System - mit differenzierten Angeboten und längerer gemeinsamer Schulzeit angeboten werden kann. Leistung wird weiter gefordert, soll aber differenziert abgefragt werden. Die Kinder sollen länger miteinander lernen. "Das Übertrittsverfahren in Bayern ist falsch", sagt Güll.

Kultusminister Bernd Sibler (CSU) betont dagegen, dass die Schulwahl nicht endgültig über den weiteren Bildungsweg eines Kindes entscheide - folglich der Stress in der 4. Klasse Grundschule doch gar nicht so enorm sein dürfe. "Wir haben in den vergangenen Jahren massiv an der Durchlässigkeit des bayerischen Schulwesens gearbeitet und können zusagen: Jeder Abschluss bietet einen Anschluss", wie Sibler im April dem BLLV erklärte. Die SPD hält das für realitätsfern: "Die Schulpolitik der CSU ist seit Jahrzehnten von Mutlosigkeit und verkrusteten Strukturen geprägt, zum Leidwesen vieler Betroffener", erklärt Sören Schneider, SPD-Chef in Dachau.

Ob nur der Mut fehlt, oder doch eher Absicht dahinter steckt? Im Nachkriegsbayern trafen schulpolitische Reformversuche von Anfang an auf starke Beharrungskräfte. CSU-Mitbegründer und Kultusminister Alois Hundhammer (1946 bis 1950) etwa führte 1947 gar das körperliche Züchtigungsrecht der Lehrkräfte in den Schulen wieder ein. Hundhammer trickste sogar die Militärregierung aus, die nach ständigen Verzögerungen einer umfassenden Schulreform am 10. Januar 1947 in das Bildungswesen eingriff, um es nach amerikanischen Vorbild zu gestalten.

Gute Noten um jeden Preis?

Anke Drexler (li.), für 25 Jahre in der SPD geehrt, will eine Schule, die Eltern und Kindern noch Luft zum Atmen lasse.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das hätte die Preisgabe des gegliederten Schulwesens und die Einführung der Einheitsschule bedeutet. Von der von den Alliierten angestrebten demokratischen Umerziehung blieb jedoch nicht gerade viel übrig. 1948 gab man in Bayern auf Druck der Militärregierung zwar endlich die seminaristische Lehrerbildung auf, doch war noch ein weiter Weg zur Akademisierung der Lehrberufes zurückzulegen, bis 1972 das "Gesetz zur Eingliederung der Pädagogischen Hochschulen in die Landesuniversitäten" kam, und damit der fast 130 Jahre währende Kampf um die universitäre Lehrerbildung sein Ende fand.

Als die Dachauerin Christine Haschek, ehemalige AWO-Vorsitzende und Stadträtin, 1948 in die SPD eintrat, hatte das Land Bayern natürlich ganz andere Probleme im Schulwesen, als das heute der Fall ist. Das von den Nationalsozialisten hinterlassene Bildungswesen war geistig und moralisch diskreditiert. 1945/46 stand einer durch den Zustrom von Flüchtlingen um 35 Prozent gestiegenen Schülerzahl eine durch Krieg und Entnazifizierung um 70 Prozent dezimierte Lehrerschaft gegenüber. Aber Hundhammer und seine Partei sorgten doch rasch dafür, dass die Schulbildung auf ihnen angenehme Bahnen gelenkt wurde - zum Missfallen nicht nur von Christine Haschek, die zwar Ausdauer hat, aber doch bekümmert ist über den Abstieg der Sozialdemokratie im Landkreis.

Sie wird an diesem Abend für 60 Jahre Parteimitgliedschaft geehrt. Eigentlich, sagt sie, wären es 70 Jahre. Aber dazwischen war sie ausgetreten - wegen des ehemaligen Landtagsabgeordneten Hans Hartl, einer schillernden Figur, der als Baulöwe immer wieder Schlagzeilen machte und die Dachauer SPD gespaltet hat. Doch Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) macht sie wieder lächeln. Er stellt die Aufgaben der Stadt in der Schulpolitik vor. Viele Projekte sind bereits angestoßen worden, in die Schulstandorte Augustenfeld, Süd und Ost wird auf der Basis eines Schulentwicklungsplans umfangreich investiert. So wird die Pädagogik wieder zu einer Sache auch der Kommunen. "Wie werden wir in Zukunft Schulen organisieren, dass sie nicht mehr krank machen?" Dieser Frage müsse sich die Kommunalpolitik stellen, sagt Hartmann.

Aber Bayern. "Wir schaffen es nicht einmal, das Gymnasium auf die Beine zu stellen", sagt Martin Güll mit Blick auf die überhastete Einführung des G 8, dann wieder die Rückkehr zum G 9. "Ich glaube, wir können Schule besser", sagt Martin Güll - nur müsste der Wähler die SPD lassen. Umfragen zufolge rutschte die CSU zwar unter 50 Prozent, die SPD liegt bei 13 Prozent. Ein steiniger Weg - im Moment aber freut sich Martin Güll über die acht Neueintritte in seine Partei in Dachau.

© SZ vom 01.06.2018

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