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Auftritt bei Demo:"Verharmlosung der NS-Herrschaft"

Freiheitsversammlung

Bei der "Freiheitsversammlung" am vergangenen Samstag hatte auch eine Referentin der KZ-Gedenkstätte gesprochen - das sorgte intern für viel Kritik.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Gegner der Corona-Maßnahmen gerieren sich schon länger als Widerstandskämpfer, auch bei der Demo in Dachau. Dass dort nun auch eine ihrer Referentinnen ganz offiziell ans Mikro tritt, löst an der KZ-Gedenkstätte Entsetzen aus

Von Julia Putzger, Dachau

Wenn die Tore aufgrund der Coronapandemie nicht geschlossen bleiben müssen, besuchen jährlich etwa 900 000 Menschen die KZ-Gedenkstätte. In Dachau, so würde man meinen, sind die Menschen sensibilisiert, hier werden die Gräueltaten der Nazis nicht verharmlost. Doch die sogenannte Freiheitsversammlung am vergangenen Samstag auf der Thoma-Wiese, die sich zwar offiziell von jeglichen rechten Bewegungen zu distanzieren versucht, beweist, dass auch in Dachau alles möglich ist. Nicht einmal eine Referentin der Gedenkstätte schreckte vor dem Auftritt vor einem Publikum zurück, das bekanntermaßen in Teilen bis nach politisch ganz rechts außen vernetzt ist.

Zwar lief die Versammlung friedlich und ohne Zwischenfälle ab. Doch nicht nur Masken mit der Aufschrift "Diktatur" oder ein Plakat mit einem Zitat der NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl ließen in Sachen Verharmlosung der NS-Vergangenheit tief blicken. Auch die Partei "Die Basis", deren Gründer Verschwörungsmythen verbreiten und der Querdenkerbewegung angehören oder angehörten, hatte einen Infostand aufgebaut und verteilte Aufkleber zum vermeintlichen Impfzwang. Vor dieser Szenerie griff eine Referentin der KZ-Gedenkstätte in Dachau zum Mikrofon und stellte sich auch als eben solche vor. In ihrer Rede, die immer wieder kurz von Jubelrufen und zustimmendem Beifall unterbrochen wurde, sprach sie über die Lage der Kinder und Jugendlichen in der Pandemie und forderte die sofortige Öffnung der Schulen.

Ihr Arbeitgeber, die KZ-Gedenkstätte, ist von diesem Verhalten der Referentin nicht nur enttäuscht, sondern zeigt sich vollkommen verständnislos: "Die KZ-Gedenkstätte Dachau missbilligt die Teilnahme einer ihrer Angestellten an einer Versammlung, auf der ein solch verharmlosender, verfälschender und unsensibler Umgang mit Geschichte gepflegt wird, auf das Allerschärfste", schreibt Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann in ihrem Statement an die SZ Dachau. Vor allem, weil die Frau ihre Verbindung zur Gedenkstätte offenlegte, sei der Eindruck entstanden, dass sie als deren Repräsentantin agiere, ärgert sich Hammermann. Vor dem Hintergrund mehrerer Strafanzeigen, die die Gedenkstätte in jüngster Zeit stellte, weil im Internet Fotos des Eingangstors der Dachauer Gedenkstätte etwa mit dem Slogan "Maske macht frei" überschrieben wurde, findet Hammermann: "Die Gedenkstätte läuft hier Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren, wenn sich gleichzeitig eine Angestellte öffentlich auf Veranstaltungen äußert, auf der genau dieser Geist der Verharmlosung der NS-Herrschaft zur Schau gestellt wird." Man nehme den Auftritt der Referentin bei der Freiheitsversammlung deshalb sehr ernst und distanziere sich "in aller Deutlichkeit" davon.

Die Referentin selbst gibt auf Nachfrage der SZ zwar zu, dass sie es bereue, sich so "exponiert" zu haben. Schon in der Vergangenheit habe sie auf anderen Freiheitsversammlungen gesprochen, ihre Tätigkeit für die Gedenkstätte aber bisher nie erwähnt. Sie hofft, dass ihre keine Konsequenzen drohen, denn "ich mache ganz tolle antifaschistische Arbeit". Sie sehe ihren Fehler ein und bezeichnet auch die Kritik an der Veranstaltung als berechtigt: "Der Auftritt der Basis hat mir nicht gepasst. Die hatten null Inhalte und haben die Veranstalter regelrecht übertölpelt, das war so nicht abgesprochen." Gleichwohl will sie die generelle Kritik an der Freiheitsversammlung so nicht stehen lassen: "Wir dürfen uns die berechtigte Kritik an der Verschärfung unserer Bürgerrechte nicht von den Rechten nehmen lassen." Man müsse sich aber in Zukunft wohl noch besser von diesem Milieu abgrenzen. "Aber es ist alles so undurchsichtig", so die Referentin.

Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann.

(Foto: Toni Heigl)

Das Problem der Netzwerke und deren Verstrickungen sieht auch Anderl Laubert: Der Dachauer forscht in seiner Freizeit seit mehreren Monaten zum Thema Verschwörungsmythen, besonders fokussiert hat er sich auf die Coronaleugner. Auf Facebook ist er Administrator der Gruppe "Aufklärung Dachau". "Die Gesellschaft gehört über dieses Riesengeflecht aufgeklärt", sagt er. Vor allem die Methode, das Wohl der Kinder vorzuhalten, um weitere Inhalte unauffällig zu vermitteln, hält er für eine üble Masche, die aus QAnon-Kreisen bekannt sei. Doch: "Gegen die Masse kommt man nicht an auf Facebook", gibt Laubert zu. Das musste auch schon Dachaus OB Florian Hartmann (SPD) feststellen. Er hält deshalb persönliches Feedback - sei es ein Anruf oder eine Mail - für einen wichtigeren Gradmesser, was die Stimmung in Dachau angeht: "Und da kann ich schon erkennen, dass viele sich aktuell eher härtere Maßnahmen wünschen." Trotzdem sei zu befürchten, dass es in Dachau künftig wieder ähnliche Demos geben werde.

© SZ vom 15.04.2021
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Freiheitsversammlung

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