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Hilfe in Corona-Zeiten:Problematischer Weg zur Arbeit

Die Möglichkeit zum Home-Office gibt es in den Schönbrunner Werkstätten nicht, für den Weg dorthin fühlt sich niemand zuständig.

(Foto: Toni Heigl)

Im Franziskuswerk leben Menschen mit Behinderung seit Beginn der Pandemie isoliert. Um zu den Schönbrunner Werkstätten zu kommen, müssen sie jedoch den ÖPNV nutzen. Das birgt das Risiko einer Ansteckung mit Corona. Eltern wehren sich verzweifelt gegen diese Praxis.

Von Jacqueline Lang, Röhrmoos

Unter der Woche fährt Anna Bern täglich von ihrer Wohngruppe in die Schönbrunner Werkstatt für behinderte Menschen, in der sie arbeitet. Um von A nach B zu gelangen muss sie eine Station mit der S-Bahn fahren, an der S-Bahnhaltestelle Röhrmoos wird sie dann gemeinsam mit anderen externen Bewohnern mit einem Kleinbus eingesammelt und in die Werkstatt gefahren. Dort und in ihrer Wohngruppe wird Bern streng isoliert; sie lebt und arbeitet seit Beginn der Pandemie in einer fest eingeteilten Gruppe. Auf Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen wird streng geachtet. Doch in der S-Bahn und im Kleinbus trifft Bern jeden Tag auf fremde Menschen, die Ansteckungsgefahr steigt durch die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) um ein Vielfaches. Davon sind zumindest Berns Eltern Dagmar und Dieter (alle Namen von der Redaktion geändert) überzeugt. Sie machen sich deshalb Sorgen um ihre Tochter und überlegen gar, ihre Tochter in Zukunft morgens selbst zur Werkstatt zu fahren und abends dort abzuholen - obwohl das bedeuten würde, dass sie dann täglich insgesamt mehr als 100 Kilometer zurücklegen müssten.

Lange Zeit hat Dieter Bern die Situation als gegeben hingenommen. Seiner Tochter schien es gut zu gehen, regelmäßig wurde sie getestet und bislang waren alle Testergebnisse negativ. Doch dann erfuhr er vergangene Woche eher "durch Zufall" von dem Coronaausbruch in vier Schönbrunner Wohngruppen. "Daraufhin sind wir aktiv geworden", sagt Bern am Telefon. Er habe den Kontakt zur Wohngruppenleiterin gesucht und auch zum Dachauer Gesundheitsamt. In beiden Fällen sah man sich offenbar für das Problem nicht zuständig. Besonders die Reaktion der Mitarbeiterin des Gesundheitsamts habe ihn schockiert, sagt Bern. Er habe gefragt, ob es denn überhaupt rechtens sei, behinderte Menschen in der aktuellen Situation mit dem ÖPNV fahren zu lassen. Daraufhin sei die flapsige Antwort gewesen: "Warum denn nicht?" Ernst genommen mit den Sorgen um seine Tochter, die das Downsyndrom hat und schnell ängstlich wird, fühlt Bern sich deshalb von den Verantwortlichen nicht.

Die Möglichkeit, ins Home-Office zu wechseln, gibt es nicht

Die Möglichkeit, ins Home-Office zu wechseln, gibt es für Anna Bern nicht. Gerade sei sie damit beschäftigt, Schokolade zu verpacken, erzählt Dieter Bern. Die Aufgaben würden regelmäßig wechseln und natürlich müssten Anna und die anderen Werkstättenmitarbeiter bei ihrer Arbeit beaufsichtigt werden, die Wohngruppenleiter könnten diese Aufgabe nicht leisten. Die einzige Möglichkeit, die Bern deshalb sieht, ist ein eigener Fahrdienst für jede Wohngruppe.

Im Dachauer Landratsamt versteht man die Sorgen und Ängste der Angehörigen, könne "jedoch keine zufriedenstellende Antwort liefern". Es gebe, so heißt es dort auf Nachfrage, keine gesetzliche Vorschrift, Personen aufgrund ihrer Behinderung in der Pandemie "einzusperren". Wenn eine Person in einer Wohngruppe lebe und üblicherweise alleine mit dem ÖPNV zur Arbeit fahre, dürfe sie das demnach auch weiterhin. "Uns liegen auch keine Informationen vor, wie viele Ärzte, Pflegekräfte und sonstige Beschäftigte von stationären Einrichtungen oder ambulanten Diensten täglich den ÖPNV benutzen. Hier kann kein individueller Fahrdienst für jede/jeden Einzelnen eingerichtet werden", so ein Sprecher des Landratsamts. Beim Arbeitsweg handele es sich zudem um "eine private Angelegenheit", für die weder der Arbeitgeber, noch das Gesundheitsamt zuständig seien. "Wenn sich die Angehörigen so sorgen, dass sich die Person auf dem Weg zur Arbeit im Franziskuswerk bei der ÖPNV-Nutzung ansteckt, müssen sie den Fahrdienst eigenständig organisieren."

Matthias Haack, Pressesprecher des Franziskuswerks, argumentiert ähnlich: Die Nutzung des ÖPNV bleibe jedem selbst überlassen. Deshalb sei es auch schwer, eine Kostenübernahme für Fahrdienste zu erwirken. Als zunächst nur einige Beschäftigte in die Werkstätten zurückgekehrt seien, habe man solche Fahrdienste zwar seitens der Verwaltung angeboten,aber nun, da alle wieder an den Arbeitsplatz zurückgekehrt seien, fehlten dazu schlicht die Kapazitäten. In Einzelfällen könnten Angehörige aber nach wie vor einen Antrag auf Kostenerstattung von Fahrdiensten stellen, wenn es dafür eine Notwendigkeit gibt. Doch Haack macht auch klar: "Angst alleine ist kein Grund."

Gleichwohl sagt auch Haack, dass er die Entscheidung, die Werkstätten wieder zu öffnen bei gleichzeitiger Weisung, möglichst im Home-Office zu arbeiten, nicht nachvollziehbar und ja, "überraschend" findet. Sich gegen die Öffnung zu stellen und die Werkstätten in Schönbrunn geschlossen zu halten, sei allerdings keine Option, weil es etwa einen Anspruch auf Beschäftigung und gesellschaftliche Teilhabe gebe.

Die Gesetze sind "alle ein bisschen Wischiwaschi"

Für die Grauzone, die die Fahrt zwischen den beiden Einrichtungen offenbar darstellt, fühlt sich also niemand so richtig zuständig. Sollte dem weiter so sein, zieht Dieter Bern ernsthaft in Erwägung, seine Tochter aus der Wohngruppe herauszunehmen und selbst jeden Tag in die Werkstatt zu fahren. Weil die Berns nicht im Landkreis Dachau wohnen, wären das pro einfache Strecke rund 30 Kilometer und das insgesamt vier Mal am Tag.

Am Freitag, wenn Anna nur bis 12 Uhr arbeiten muss, würde es sich dann wahrscheinlich nicht einmal lohnen, zwischenzeitlich wieder nach Hause zu fahren. Ein Café in dem man die Wartezeit überbrücken könnte, hat derzeit aber auch nicht offen. Zudem führt der Weg durch ein Waldstück, gerade jetzt im Winter könne die Fahrt bei Glatteis durchaus gefährlich werden, fürchtet Bern. Und verliert seine Tochter das Anrecht auf den Platz in der Wohngruppe, wenn sie über einen längeren Zeitraum nicht dort wohnt? Für Dieter Bern ist die Situation "nervenaufreibend". Von der Politik fühlt er sich "nicht ernstgenommen", die Gesetze seien "alle ein bisschen Wischiwaschi".

Ihm gehe es, das betont Dieter Bern, am Telefon immer wieder nicht darum, den Verantwortlichen der Wohngruppe oder dem Franziskuswerk einen Vorwurf zu machen. Er hat grundsätzlich das Gefühl, dass seine Tochter dort sicher ist und man sich gut um sie kümmert. Er fürchtet aber, man könnte Anna in einer internen Wohngruppe unterbringen wollen, um das Problem so aus der Welt zu schaffen. "Aber das wollen wir nicht", sagt Bern. Auch deshalb will er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Seine Tochter fühle sich in ihrer Gruppe sehr wohl, für sie wäre ein Wechsel ein "gravierender Einschnitt". Stattdessen hofft er, dass die Verantwortlichen das Problem auch als solches begreifen und grundsätzlich etwas ändern. Denn für Bern geht es schon lange nicht mehr nur um Anna, sondern um "eine Politik, die an der Realität vorbeigeht".

© SZ vom 25.01.2021
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