bedeckt München

Franziskanerinnen:"Du bist gewollt, Du bist erwünscht"

Generaloberin Benigna Schwester M. Sirl und ihr Orden der Franziskanerinnen erheben den Anspruch der Barmherzigkeit zum politischen Programm.

Interview von Wolfgang Eitler

Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs in Schönbrunn, mitten im Landkreis Dachau. Nach mehr als 150 Jahren hat der Orden der Franziskanerinnen seinen gesamten Besitz an die Viktoria-von Butler-Stiftung übergeben. Sie trägt den Namen der Gründerin der Ordensgemeinschaft und des dortigen ehemaligen Heims für Menschen in Not. Daraus ist eine der großen Einrichtungen für geistig behinderte Menschen geworden. Diese Aufgabe hat der Orden zum 1. Januar 2016 an die Stiftung übergeben, um sein Vermächtnis zu sichern. Aber wie geht es mit der Gemeinschaft und mit dem Kloster weiter? Welche Ziele verfolgen die Franziskanerinnen künftig? Bereits bei der Vorstellung der neuen Stiftung Ende vergangenen Jahres skizzierte Generaloberin Schwester Benigna Maria Sirl neue Ideen, wie den Aufbau einer Art geistlichen Zentrums. Die Franziskanerinnen geben zwar das operative Geschäft endgültig aus der Hand. Aber sie beanspruchen weiterhin die geistige Führung. Das Schlüsselwort der Generaloberin dazu lautet: Barmherzigkeit.

SZ: Generaloberin Schwester Benigna Maria Sirl, die Botschaften von Papst Franziskus müssten Ihnen doch aus dem Herzen sprechen?

Schwester Benigna Sirl: Ja, da haben Sie Recht. Seine Person, seine Offenheit, seine Herzlichkeit sind mitreißend. Und er ist auch sehr klar in seinen Aussagen.

Welche Aussage gefällt Ihnen am besten?

Ich habe da eher ein Bild vor Augen aus dem Fernsehen. Er umarmt einen sabbernden spastischen Buben. Er hat ihn nah an sich gedrückt. Der Papst ist ganz nah bei den Menschen.

Diese Geste ist auch ein Sinnbild für die Arbeit der Franziskanerinnen von Schönbrunn seit mehr als 150 Jahren.

Genau. Der Name ist Programm. Franziskus wird Bruder der Armen genannt. Und auch Papst Franziskus wird so genannt. Seine Haltung entspricht auch unserer Spiritualität, sich für Menschen einzusetzen, die keine Stimme haben, die keine Lobby haben. Er holt die Menschen vom Rand in die Mitte. Papst Franziskus tritt für soziale Gerechtigkeit, für Klimaschutz und die Erhaltung der Umwelt ein.

Aber wie halten Sie den Widerspruch zur Realität aus? Den eigenen Wünschen und Hoffnungen stehen die täglichen Nachrichten über Elend, Krieg und Armut gegenüber.

Ich denke, dieser Gegensatz betrifft uns alle. Und für mich stellt er eines der größten Spannungsfelder dar. Es entsteht aus dem Glauben heraus, wie Gott ist - und wie wir Menschen sind. Deswegen hat Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen, weil er sagt, dass das Wesen Gottes die Barmherzigkeit ist.

Schönbrunn ist ein Ort für Behinderte. Er soll auch einer werden, der Hilfe für Menschen in Not organisiert.

(Foto: Toni Heigl)

Was ist Barmherzigkeit?

Barmherzigkeit ist für mich und meine Schwestern die wahre Kraft, die den Menschen vor dem moralisch Bösen bewahren kann. Für mich stellt Barmherzigkeit die goldene Regel meines Lebens dar. Ich zitiere aus der Bibel: Was Du willst, das man Dir tut, das tue auch den anderen. Das heißt, Barmherzigkeit ist eine Kraft, die jeder Mensch in sich trägt und die er nur entwickeln muss.

Gehen wir doch gleich in die Gegenwart des Ordens, der vor einer großen Umwandlung steht. Er hat sein gesamtes Vermögen am Ort Schönbrunn einer Stiftung übertragen und setzt sich neue Aufgaben. Insbesondere streben Sie und Ihre Mitschwestern ein geistliches Zentrum an. Was verstehen Sie darunter?

Zunächst verstehen wir unser Kloster jetzt schon als geistliches Zentrum. Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, und wir leben in diesem Sinne zusammen. Wir glauben, dass Gott mitten unter uns ist. Diese Überzeugung leben wir, und sie feiern wir. Wir möchten diese franziskanische Spiritualität mit Menschen teilen.

Warum und vor allem: mit wem?

Ein zentrales Kennzeichen unserer Zeit ist die Gottferne und Gottfremdheit - und auch die Tendenz, sich nicht an eine institutionelle Kirche zu binden. Gleichzeitig sind die Suche nach Spiritualität, die Suche nach Angenommensein, die Suche nach Gerechtigkeit, die Suche nach einer geistlichen Heimat ebenfalls ein Merkmal unserer Zeit. Menschen suchen nach einem Sinn, der über das Innerweltliche hinaus geht.

Aber diese Merkmale sind Kennzeichen der Kirche als solche.

Wir sind Kirche im Kleinen. Wir sind nicht die besseren Menschen, wir sind bereit, anderen Menschen ein Stück unseres Wegs anzubieten.

Was wollen Sie anbieten?

Schon jetzt können Menschen an unseren Gebetszeiten teilnehmen. Wir sind offen für Gespräche. Wer einige Tage der Ruhe und Stille verbringen kann, ist bei uns willkommen. Wir wollen auch Angebote entwickeln, um den Glauben zu vertiefen.

Wenn jemand eine Auszeit braucht, kann er zu Ihnen ins Kloster kommen, egal ob er nun katholisch, evangelisch oder Atheist ist?

Das wollen wir generell anbieten. Dazu wird gerade unsere Homepage neu gestaltet. Aber mir ist ganz wichtig zu betonen, dass wir in den Pfarrverband Röhrmoos-Hebertshausen eingebunden sind und vor allem für die Menschen der Region da sein wollen.

Die Franziskanerinnen übergeben ihr Werk der Viktoria-von-Butler-Stiftung. Sie soll den Begriff der Hilfe nicht mehr nur allein auf geistig behinderte Menschen beschränken.

Kloster Schönbrunn

Generaloberin Benigna Schwester M. Sirl führt den Orden der Franziskanerinnen in Schönbrunn in die Zukunft.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Unser Gründungsauftrag ist weit gefasst. Wir sollen und wollen Menschen mit Unterstützungsbedarf helfen und sie begleiten. Über die Stiftung hoffen wir, dass unsere geistige Haltung erhalten und tradiert wird. Es stimmt, dass die Stiftung den Auftrag hat, den Begriff der Hilfe weit zu fassen. Sie soll offen sein für neue Herausforderungen.

Deshalb haben Sie dem Landkreis ein Grundstück für Flüchtlinge angeboten? Planen Sie auch selbst Wohnungen für Flüchtlinge?

Wenn in Schönbrunn Wohnungen für Flüchtlinge entstehen, dann ist die Viktoria-von-Butler-Stiftung dafür zuständig. Grundsätzlich ist es ein Werk der Barmherzigkeit, Flüchtlinge aufzunehmen. Diese Aufgabe resultiert aus der Botschaft Jesu. Wir Franziskanerinnen haben uns darauf verständigt, Fremden, gleich welcher Kultur und Religion, Sicherheit und Schutz nach unseren Möglichkeiten zu gewähren. Wir wollen ihnen auch ihre Würde geben, indem wir sagen: Du bist gewollt, Du bist erwünscht, Du bekommst den nötigen Platz.

Und deswegen gewähren Sie auch Kirchenasyl?

Deswegen gewähren wir seit einigen Jahren auch Kirchenasyl in Abstimmung mit der Katholischen Kirche. Es handelt sich um Härtefälle, es sollen damit Menschen die Chance bekommen, dass ihre Situation nochmals geprüft wird.

Wie viele Flüchtlinge befinden sich im Kirchenasyl?

Durchschnittlich hatten wir in den vergangenen Jahren vier. Zurzeit sind es zwei. Wir haben vier Plätze. Bisher gewährten wir insgesamt elf Menschen Kirchenasyl.

Mit welchem Erfolg?

In allen Fällen ist ein neues Asylverfahren eröffnet worden. Es waren schon tragische Schicksale darunter. Es ist nicht damit getan, Schutz zu gewähren. Diese Menschen brauchen soziale und menschliche Begleitung. Denn sie fallen oft in ein Tief. Sie sind eingesperrt, auch wenn bei uns das weitläufige Dorf Schönbrunn den geschützten Raum darstellt. Aber da merkt man, was für ein hohes Gut Freiheit ist. Da sind unsere Schwestern stark gefordert.

Zur Person

Das Kloster der Franziskanerinnen in Schönbrunn ist ein ehemaliges barockes Schloss. Aber Generaloberin Schwester M. Sirl empfängt nicht in einem der repräsentativen Säle, sondern bittet im Büro an einem schmalen Tisch zum Gespräch. Damit signalisiert sie mit Bedacht, dass sie nicht zu hierarchischen Ritualen neigt. Dabei leitet sie seit 1990 mit einer Unterbrechung von sechs Jahren den Orden der Franziskanerinnen. Sie gehört ihm seit 1970 an. Generaloberin Sirl ist von Beruf Heilerziehungspflegerin und hat ein Managementstudium für Sozialpädagogik absolviert. Die Fähigkeit zum Führen braucht sie gerade jetzt dringend. Denn der Orden der Franziskanerinnen hat sich auch wegen Nachwuchssorgen dazu entschlossen, das gesamte Vermögen einer Stiftung zu übertragen. Sie ist nach Gräfin Viktoria von Butler aus Haimhausen benannt, der Gründerin der Ordensgemeinschaft in Schönbrunn vor 160 Jahren. Dazu zählt die gemeinnützige Franziskuswerk GmbH, der zurzeit größte Arbeitgeber im Landkreis Dachau mit 1600 Angestellten. Der Orden konzentriert sich künftig auf die Leitung des Aufsichtsrats der Stiftung, dem die Generaloberin vorsitzt.we

Wie geht es Ihnen mit den Übergriffen von Flüchtlingen beispielsweise an Silvester in Köln?

Das sind schlimme Ereignisse, die uns vor Augen führen, was alles passieren kann, wenn Menschenmassen kommen. Wir sind alle - ob Polizei, Politik oder Kirche - darauf nicht vorbereitet. Die Frage ist: Wie gelingt es, Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht zu stellen? Dagegen würde ich mich wehren. Aber ich finde, wer bei uns ist, muss sich an unsere Regeln des Zusammenlebens halten, und er muss auch die Konsequenzen seines Tuns tragen.

Reicht Barmherzigkeit wirklich als Motiv und Antrieb aus, um solche Probleme zu lösen? Wer mitleidet, kann doch nichts verändern?

Barmherzigkeit gibt dem zwischenmenschlichen Handeln Würde. Mitleiden kann blockieren, aber Mitleiden braucht es auch manchmal. Es ist wichtig, einen anderen Menschen in seinem Leid zu begleiten. Ich kann mit einem anderen Menschen mitleiden und trotzdem sagen: So geht es nicht. Ich wäre hilflos, wenn ich im Mitleiden zerfließe. Aber Mitleiden ist eine starke Zuwendung für Menschen in Not und in großer Traurigkeit.

Bei Ihrer Arbeit ist wahrscheinlich das Mitgefühl das Entscheidende?

Mitgefühl heißt, ich habe Empathie, ich kann mich in einen anderen Menschen hineinfühlen. Ich denke nicht nur an mich, ich bin achtsam, respektvoll. Ich kann nicht die ganze Welt retten. Ich muss mich aber immer auf den konkreten Menschen und die konkrete Situation einlassen. Ich kann nur da, wo ich bin, helfen. Ich kann nichts pauschalisieren.

Politisch gesehen, werden in Deutschland zur Zeit zwei gegensätzliche Konzepte debattiert. Das der nationalstaatlichen Abschottung und das einer Zivilgesellschaft. Würden Sie sagen, dass die Hilfe des Ordens für Flüchtlinge aus der Barmherzigkeit heraus ein Beitrag zu einem offenen zivilgesellschaftlichen Engagement ist?

Ja. Ich glaube, dass mit der aktuellen Flüchtlingskrise eine Zeitenwende angesagt ist. Wir haben es mit einer globalen Wanderbewegung zu tun. Erst wenn wir diese Entwicklung akzeptieren, werden wir fähig zu handeln. Ich denke, es wird ungemütlicher werden in Deutschland, es wird nicht mehr so werden wie vorher. Der Umgang mit fremden Kulturen wird nicht nur bereichern, sondern auch schmerzen. Es werden schmerzhafte Prozesse auf uns zukommen, und es wird Konflikte geben. Unser Engagement als Franziskanerinnen erwächst aus der Überzeugung, dass nur mit respektvoller Begegnung und gegenseitiger Achtung und Unterstützung - dazu gehört auch das Achten von verbindlichen Regeln auf beiden Seiten - die Zukunft gestaltet werden kann. Ich wiederhole mein Grundsatz, meine goldene Regel: Behandle andere Menschen so, wie Du von ihnen behandelt werden willst.

© SZ vom 16.01.2016
Zur SZ-Startseite