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Folge der Corona-Krise:Die Vereinskassen leeren sich

TSV Eintracht

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr müssen Vereine wie der TSV Eintracht Karlsfeld den Betrieb vorübergehend einstellen. Das hat auch Auswirkungen auf die Finanzlage.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Den Sportvereinen im Landkreis Dachau machen unzählige Austritte und fehlende Zuschüsse zu schaffen. Die Vorstände blicken deshalb mit Sorge auf das kommende Jahr und appellieren an die Solidarität ihrer Mitglieder

Von Christiane Bracht, Dachau

Der Frust bei Sportlern und Vereinsvorständen ist groß. Wieder ist Stillstand. Keiner weiß, wann das nächste Training beginnen kann. "Man fühlt sich hingehalten, ja am langen Arm verhungern lassen", klagt der Präsident des TSV Eintracht Karlsfeld Rüdiger Meyer. Doch was noch schlimmer ist, er und viele seiner Kollegen im Landkreis Dachau machen sich zunehmend Sorgen um die finanzielle Situation ihrer Vereine. Die Corona-Krise hat nicht nur ein Loch in die Haushalte der Kommunen gerissen, auch die Sportvereine spüren die Auswirkungen von Lockdown und schwindender Finanzkraft. "2021 wird ein schwieriges Jahr", prophezeit die stellvertretende Vorsitzende des ASV Dachau, Ingrid Sedlbauer. Finanziell gesehen werde es "eng". Meyer spricht sogar von einer "Katastrophe", sollten die Zuschüsse von der Gemeinde Karlsfeld nicht kommen. "Dann ist das das Aus", sagt er.

Eines der größten Probleme der Vereine ist der Mitgliederschwund, denn damit gehen Beiträge verloren, die die Vereine fest eingeplant haben. Nicht alle spüren ihn gleich stark. Während Bernhard Kohl, Erster Vorstand des SV Haimhausen, sicher ist, es seien nicht "wahnsinnig viele" ausgetreten - einige seien sogar noch dazugekommen, weil man bis vor kurzem noch Tennis spielen konnte -, sieht Meyer mit großer Sorge dem 30. November entgegen. Bis dahin können die Mitglieder des TSV Eintracht Karlsfeld noch kündigen. Doch schon jetzt hat der Verein 400 Mitglieder weniger als noch vor einem Jahr. Im Frühjahr hätten viele noch Verständnis gehabt, doch jetzt mit dem zweiten Lockdown schwinde dieses, sagt der Vereinspräsident. Immer mehr kämen zu dem Schluss: "Wir können keinen Sport machen, warum sollen wir Beiträge zahlen? Keine Leistung, kein Geld." Und so hätten im Herbst mehrere den TSV verlassen. Anders als sonst ist auch niemand eingetreten. Für den Verein hat das herbe Konsequenzen: "Wir rechnen mit etwa 35 000 Euro weniger", sagt Meyer. "Geld, das uns fehlen wird." Die Beiträge seien nicht für empfangene Leistungen, sondern für den Erhalt des Vereins, erklärt der Präsident und appelliert an die Mitglieder, "Solidarität mit ihrem Verein zu zeigen. Das ist überlebenswichtig."

Auch beim ASV Dachau ist die Mitgliederzahl zum ersten Mal seit Jahren gesunken. "Stand jetzt sind es etwa 150 bis 200 weniger", sagt der Vorsitzende Andreas Wilhelm. Das bedeute ein Minus von etwa 30 000 Euro. "Wir versuchen, die Leute abzuholen, wo es geht": Online-Trainings, Preisrätsel mit Gewinnen in der Adventszeit, Briefe an die Mitglieder, mit der Bitte, tolerant zu sein. Auch der TSV Dachau 1865 hat nach einer Schätzung des Vorsitzenden, Wolfgang Moll, knapp 150 Mitglieder verloren. "Das ist sehr schade. Manchmal trifft es tolle Talente, wenn die Familie auf jeden Euro schauen muss und sich für die Kündigung entscheidet", sagt er. Natürlich trifft es auch den Verein, derzeit mit etwa 3000 Euro. Deshalb "kämpfen wir um jedes Mitglied, nicht nur die Leistungssportler und die Jungen, sondern auch um die Senioren". Bei jeder Kündigung werde nachgefragt, sagt Moll. "In vielen Fällen ist es uns gelungen, Lösungen herbeizuführen, insbesondere wenn die Gründe finanzieller Natur waren."

Der TSV Indersdorf 1907 ist stolz auf seine vereinstreuen Mitglieder. "Es gibt viele Senioren, die selbst keinen Sport mehr machen können, aber dennoch im Verein bleiben", sagt der Vorstand, Bernhard Wetzstein. Dennoch hat sich die Zahl der Mitglieder reduziert. Bis zum Jahresende rechnet der Vorstand mit bis zu 110 Kündigungen. "Mehr als normal." Vor allem im Bereich Kinderturnen, in dem seit März nichts angeboten wird, hätten viele Familien nun die Konsequenz gezogen, sagt Wetzstein. Das reiße ein Loch von etwa 10 000 Euro in die Vereinskasse. "In den vergangenen Jahren haben wir eine Reserve geschaffen. Die rettet uns nun das Leben", sagt der Vorstand. "Ich hoffe, dass sich die Situation im Frühjahr ändert." Der Frust bei den Sportlern sei enorm hoch, denn der Verein habe keine eigene Halle. Die drei, die er normalerweise nutze, seien dem Schulsport vorbehalten. Die Folge: Bei den Lockerungen im Frühsommer durfte der Verein nicht hinein, erst viel später. "Die Schwimmer sind seit März auf dem Trockenen. Es ist schrecklich", sagt Wetzstein.

Wie wichtig eigene Räume sind, hat auch der ASV Dachau gemerkt. "Der Raumbedarf ist jetzt mehr da, denn je", sagt Ingrid Sedlbauer vom Fachbereich Freizeitsport und Kinder. Die Gruppen dürften nicht so groß sein. Es gibt bereits erste Überlegungen Theatersaal und Kegelbahn für Gruppen herzurichten. Doch über allem hängt das Spardiktat. "Wir müssen mit deutlich weniger Geld auskommen", sagt Sedlbauer. Einerseits weil Veranstaltungen nicht stattgefunden haben, die etwa 100 000 Euro in die Kasse gespült hätten, andererseits weil die Stadt Dachau selbst finanziell in Bedrängnis ist und derzeit streicht, was geht. Unter anderem ist der Neubau der maroden Scherer-Halle verschoben, sehr zum Verdruss des ASV.

Auch die Umsiedlungspläne des TSV Dachau liegen auf Eis. Doch Moll will sich nicht unterkriegen lassen. "Ich bin zuversichtlich, einen Weg zu finden, dies weiterverfolgen zu können", sagt er. Vielleicht müsse man einen Umweg gehen, aber man werde Gespräche führen mit den Hausbanken, dem Landkreis und der Stadt, um gemeinsam zum Ziel zu kommen. Auch hinsichtlich der Sanierung der über 50 Jahre alten Halle ist er optimistisch.

Sorgenvoll schaut indes der TSV Eintracht Karlsfeld in die Zukunft. Angesichts der Haushaltslage der Gemeinde befürchtet Meyer, dass er bis zu 30 000 Euro weniger Zuschüsse erhält. Gleichzeitig graut ihm vor der Betriebskostenabrechnung, die mit 80 000 Euro schon immer hoch war. Dieses Jahr wird sie wohl noch höher. Im Herbst musste die Heizung in der Halle laufen, weil es durch ständiges Lüften ansonsten zu kalt gewesen wäre, erklärt er. "Da sind die Rücklagen schnell aufgebraucht." Kommen noch dringende Reparaturen an der Halle dazu, könne der Verein auch ohne Misswirtschaft schnell in eine finanzielle Schieflage rutschen, denn es fehlen auch Einnahmen, weil die Tennishalle nicht vermietet werden konnte und viele Veranstaltungen ausgefallen sind. Eine Erhöhung der Mitgliederbeiträge wäre indes kontraproduktiv, so der Präsident.

"Vereine sind das soziale Leben, ihnen die Zuschüsse zu streichen, ist das allerletzte Mittel. Das wird keine Kommune machen", sagt Haimhausens Bürgermeister Peter Felbermeier. Seine Kollegen stimmen ihm zwar zu, doch Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe sagt auch: "Die Haushaltsberatungen der Gemeinde werden dramatisch. Wir werden auf alles schauen müssen."

© SZ vom 19.11.2020

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