Süddeutsche Zeitung

 Flüchtlingspolitik:Großer Kraftakt

Die Integration junger Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt kommt voran. Fast hundert haben derzeit im Landkreis einen Ausbildungsplatz. Die Industrie- und Handelskammer berät Unternehmen auch zu Förderungen

Von Jana Rick, Dachau

45 junge Flüchtlinge sind derzeit im Landkreis Dachau im Handwerk in Ausbildung, dazu kommen 52 Azubis in der Industrie und im Handel. Die Berufsschule in Dachau leitet elf Berufsintegrationsklassen, in denen junge Flüchtlinge auf eine Ausbildung vorbereitet werden. Das Jobcenter Dachau zählte im Oktober dieses Jahres insgesamt 130 vermittelte Arbeits- und Ausbildungsplätze an Geflüchtete. "Eine sehr gute Zahl", findet Peter Schadl, Geschäftsführer des Jobcenters Dachau. Einstellungen gebe es hauptsächlich in den Berufsfeldern Logistik, Lager und Handwerk, aber auch Informatiker und Chemielaboranten würden manchmal vermittelt werden. Die Zahlen zeigen, dass die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu gelingen scheint.

"Es gelingt uns sehr gut, die Geflüchteten zu integrieren. Unsere Strategie klappt", sagt Schadl. Er hofft, dass dieser Trend weitergeht. Im Jobcenter werden nur Arbeitsplätze an anerkannte Flüchtlinge vermittelt, das heißt, sie haben eine Aufenthaltserlaubnis und dürfen grundsätzlich ohne Einschränkungen eine betriebliche Berufsausbildung aufnehmen. Schwieriger wird es bei geflüchteten Menschen, die in Deutschland "geduldet" werden, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die aber nicht abgeschoben werden können. Sie brauchen eine Arbeitserlaubnis der Ausländerbehörde. Seit August 2016 ermöglicht ihnen die "3 plus 2-Regelung" und die damit verbundene Einzelfallprüfung, ihre Ausbildung abzuschließen und anschließend noch zwei weitere Jahre im Betrieb zu arbeiten. Im April dieses Jahres gab es in Ampermoching den Fall eines jungen Nigerianers, der während seiner Ausbildung zum Bäckermeister abgeschoben wurde. Der Fall ist selten, und doch schreckt er viele Unternehmen ab, Flüchtlinge in Ausbildung zu nehmen. Zu hoch ist die Unsicherheit und die Angst vor der Bürokratie. Betriebe, die dennoch überlegen, einen Flüchtling auszubilden, werden dazu aufgefordert, sich vorher eingehend über die Bleibeperspektive des Asylsuchenden zu informieren. Vor allem sollten die Betriebe jedoch eines: "Sich helfen lassen", so appelliert Peter Fink, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Dachau. Er sieht die Integration als eine sehr große "Kraftanstrengung", die kein Betrieb alleine stemmen könne. Die Sprache sei nur eine von vielen Hürden, die eine Ausbildung eines Geflüchteten mit sich bringe. Die Auszubildenden müssten sich auch in der deutschen Arbeitskultur zurechtfinden. Unterstützung für die Betriebe gebe es mittlerweile reichlich, so Fink.

Zum Beispiel vom Integrationsteam der IHK, das im Juli 2016 gegründet wurde. Hansjörg Brunhuber ist zuständiger Integrationsberater für alle Betriebe im Landkreis Dachau. Er berät sie zu allen praktischen, rechtlichen und interkulturellen Fragen, aber auch zu Fördermöglichkeiten der Azubis. Der Integrationsberater beschreibt seine Aufgaben als "Begleitung durch den Dschungel der Bürokratie". Da die meisten Auszubildenden, mit denen er zu tun habe, noch im laufenden Verfahren seien, gehört zu seiner Arbeit auch, alle beteiligten Seiten zu motivieren. Fälle wie die des jungen Nigerianers würden leider auch zu seinem Beruf gehören. Sein großer Wunsch ist eine Lösung, die solchen Betroffenen dennoch die Möglichkeit gibt, die Ausbildung abzuschließen. "Ich kenne so viele Flüchtlinge, die beruflich und sozial engagiert sind und wegen ihrer Herkunft dennoch abgeschoben werden", sagt Brunhuber. Er spricht von der häufig kritisierten Einteilung in "sichere" und "unsichere" Herkunftsländer, die darüber entscheiden, ob ein Flüchtling in Deutschland bleiben darf oder nicht.

Mit Konsequenzen dieser Art hat auch der Dachauer Kreishandwerksmeister Ulrich Dachs zu tun. Für ihn sind nicht nur aufgrund der Abschiebungen die Zahlen der Auszubildenden im Handwerk "eine Momentaufnahme". Der Durchschnitt der abgebrochenen Ausbildungen bei Flüchtlingen liege bei 60 bis 65 Prozent, erklärt er. Eine zu hohe Zahl, die laut Dachs an den hohen Anforderungen der Ausbildung liegt. Denn auch wenn die Lernbereitschaft oft da sei, um alle Prüfungen auf Deutsch absolvieren zu können, sei das für viele Flüchtlinge eine extrem große Herausforderung. "Es ist ein stückweit Idealismus", sagt der Handwerksmeister aus Erfahrung. "Erwachsene Menschen zu formen ist schwierig, da dürfen wir uns nicht blenden lassen." Dennoch ermuntert er sie zu einer Ausbildung, weil es überall an Nachwuchs mangelt.

Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt kommt also voran, Unterstützung gibt es von vielen Seiten. Und doch bleiben einige Probleme ungelöst. Dazu gehört auch der fehlende Wohnraum für Auszubildende, die aus unsicheren Ländern kommen. "Es gilt, das Netzwerk zu pflegen", sagt Brunhuber. Weitere Hilfe zur Eingliederung in die Gesellschaft bietet auch der vom Landratsamt geplante Integrations- und Asylbeirat. Das Gremium soll sich aus Fachleuten, Politikern und Migrantenvertretern zusammensetzen. In einer der ersten Sitzungen im Januar soll der Kreistag über die Bildung des Beirats abstimmen. Die ersten Sitzungen sind für das Frühjahr 2018 geplant.

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Quelle:
SZ vom 19.12.2017
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