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Flüchtlinge auf dem Fußballplatz:Bunt kickt gut

Gegen die durchorganisierte Mannschaft des ASV Dachau musste sich die "Baracken Elf" mit 9:1 klar geschlagen geben. Grund zum Jubel hatten die Kicker aus dem Asylbewerberlager dennoch.

Dachau - Den Daumen hochgereckt und mit einem breiten Grinsen im Gesicht läuft Mostafa Khosro zur zweiten Halbzeit auf den Platz: "Jetzt wird es bald fünf zu drei stehen, und am Ende sechs zu fünf für uns", ruft er dem Reporter lachend zu. Mit seinem ohnehin scherzhaft gemeinten Optimismus liegt er daneben: Aus dem Pausenstand von 5:0 für den ASV Dachau wird bis zum Schlusspfiff ein 9:1 gegen eine bunt zusammengewürfelte, multinationale Mannschaft aus der Dachauer Asylunterkunft. Doch wirklich traurig sind die Verlierer nicht, und auch die Sieger nehmen das Spiel als das was es tatsächlich gewesen ist: eine Riesengaudi. Aber eine, die wohl beiden Seiten etwas gebracht hat: Die Spieler des Dachauer Bezirksoberligisten haben einiges darüber mitbekommen, wie es den Flüchtlingen aus den Baracken an der Kufsteiner Straße geht. Die Asylsuchenden aus dem Iran, dem Irak, Afghanistan, dem Kongo, Somalia oder Tansania hatten für einige Stunden eine willkommene Abwechslung und konnten vielleicht auch den einen oder ander Kontakt knüpfen.

Der Integrationsreferent des Dachauer Stadtrats, Horst Ullmann (SPD), hatte die Idee zu dem Spiel, hatte er doch mitbekommen, dass viele der jungen Männer aus den Baracken gerne und oft kicken - auf dem Gelände der Unterkunft selbst oder einem nahe gelegenen Bolzplatz an der Theodor-Heuss-Straße. Sie haben eine Hobbymannschaft zusammengestellt, gecoacht von Unterkunftsleiter John Mitterbacher. Sogar einheitliche Trikots mit Nummern, gestiftet von einem Dachauer Druckereibetrieb, besitzt das Team um Spielführer Ali Radi Jaafar aus dem Irak. Nur Gegner haben bisher gefehlt.

Also nahm Ullmann Kontakt zu Herbert Reischl auf, den Technischen Leiter und nach eigener Auskunft "Mädchen für Alles" bei den ASV-Fußballern. Der war bereit, mit der ersten Herrenmannschaft gegen die Asylbewerber anzutreten. "Die wollten einen gescheiten Gegner, jetzt haben sie ihn", sagt er vor dem Match. Und ASV-Spieler Patrick Klinger erklärt: "Für uns ist das eine zusätzliche Trainingseinheit."

Dienstag, 19.30Uhr, teilt Ullmann der Presse als Anstoßzeitpunkt mit. Doch weil sowohl die Multi-Kulti-Truppe als auch das ASV-Team schon kurz nach 19Uhr auf dem Platz sind, pfeift Schiedsrichter Wilhelm Bockhorst einfach 25 Minuten früher an. Schnell ist klar, wie das Kräfteverhältnis auf dem Platz ist: Hier das eingespielte Team aus der Bezirksoberliga, dort die Bolzplatz-Truppe, die sich in wechselnder Besetzung samstags zum Kicken zusammenfindet, wie Spielführer Jaafar am Ende ein wenig resigniert erzählt. Angesichts der Vielfalt an Sprachen - von Farsi über Arabisch bis Französisch - verständigt man sich auf dem Platz auf Deutsch, was aber angesichts teilweise mangelhafter Sprachkenntnisse bisweilen nur rudimentär funktioniert. Ein gelungenes Zusammenspiel sieht anders aus.

So erstaunt es nicht, dass der ASV den Ball fast nur in der Hälfte des Gegners zirkulieren lässt. Mehrere Minuten dauert es, bis die Flüchtlingself erstmals über die Mittellinie kommt. Doch halten die Hobbykicker, bei denen einige technisch höchst versiert sind, dem Druck immerhin gut eine Viertelstunde stand, ehe Daniel Sklenarz den Torreigen für den ASV eröffnet, zu dem er bis zum Abpfiff drei weitere Treffer beisteuert. Knapp zehn Minuten später muss Torwart Sharify Farhad zum zweiten Mal hinter sich greifen. Später nimmt ihn Mitterbacher, der insgesamt gut 20 Spieler einsetzt, aus dem Kasten, setzt bis zum Ende sogar noch einen dritten Torhüter ein: "Wir müssen es aufteilen, sonst werden sie depressiv", meint er. Doch so schlimm ist es nicht, immerhin gelingt Spielführer Jaafar das Ehrentor zum 1:7, ehe Schiri Bockhorst angesichts des konditionellen Abbaus ein Einsehen hat und die zweite Halbzeit schon nach 35 Minuten beim Stand von 1:9 abpfeift.

Auf der Bank des ASV ist die schlechte Sportausrüstung der Gegner aufgefallen: fast alle traten in Turnschuhen an. Als nach dem Spiel die Teams und einige Zuschauer beisammensitzen, vom Integrationsreferenten Ullmann mit Grillwürsteln und Getränken versorgt, zaubert der Technische Leiter Reischl eine Überraschung herbei: Er schenkt den Asylbewerbern sechs Paar gebrauchte Fußballschuhe, was deren Stimmung deutlich hebt. Auch Kontakte werden geknüpft: Der 15-jährige Fabian Hasanaj etwa kündigt an, dass er unbedingt zur ASV-Jugend gehen will. Und Edwin Mabungo aus Tansania, der sich lange als Turm in der Abwehr erwiesen hat, tauscht mit den Offiziellen des ASV Telefonnummern aus. Der Ausgang der Transfergespräche ist offen.