Florian Marschall ist in diesem Jahr 50 geworden – der ideale Zeitpunkt für eine „Zwischenbilanz“. Unter diesem Titel zieht er in der Dachauer Volksbank von 18. September an eine Retrospektive seines künstlerischen Schaffens. Wie viel mit den Jahren unter dem Strich zusammengekommen ist, ist ihm selbst erst in der Vorbereitung der Ausstellung bewusst geworden. Das Wort „Stolz“ geht ihm nicht über die Lippen, „gefreut“ habe es ihn aber schon, erzählt er gut gelaunt am Telefon.
Bekannt ist Marschall dem breiten Dachauer Kunstpublikum vor allem durch seine eindrucksvollen Tusche-Porträts; Nick Cave oder Tom Waits hat er in seiner Ruhmeshalle persönlicher „Helden“ auf geradezu ikonische Weise verewigt. Etwas zu kurz kamen darin die Frauen, das ist dem Künstler in der Rückschau selber unangenehm aufgefallen. Und so legt er nun eine eigene „Heldinnen“-Serie nach. Ihre Zahl reicht mittlerweile bald an die 50 heran, und auch das ist nur ein Zwischenstand: „Die Serie ist noch nicht abgeschlossen.“
Die große Kunst des Miteinanders
Versammelt sind darin Persönlichkeiten wie die Schauspielerin Therese Giese, Kabarettistin Hazel Brugger oder Rapperin Nina Chuba, aber auch Angela Merkel. In der Flüchtlingskrise 2015 wollte die damals amtierende Kanzlerin die verzweifelten Menschen nicht abweisen, die vor der deutschen Grenze massenweise gestrandet waren. „Für mich ist das ihr größter Verdienst“, sagt Marschall. Man darf dies als wertegeleitete Solidaritätsadresse verstehen.
Schon seit Längerem verfolgt Marschall mit Sorge, wie aus dem gesellschaftlichen Miteinander immer mehr ein Gegeneinander wird. Als Vorstandsmitglied der Künstlervereinigung Dachau (KVD) initiierte er deshalb im vergangenen Jahr die Plakat-Aktion „Haltung zeigen“: Es war ein Statement gegen die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft. Wenn Marschall so etwas wie eine Agenda hat, dann die, Menschen zusammenzuführen. Er gehört zu Kreis Dachauer Künstler, die die schon seit mehr als 30 Jahren bestehende Freundschaft mit den Künstlerkollegen in Oświęcim weiter pflegen. Diese Verbindung trägt bis heute, daran konnten weder System- noch Regierungswechsel etwas ändern.


Immer wieder setzt sich Marschall kritisch mit seiner eigenen Heimatstadt Dachau auseinander, die er liebt, an der er aber auch bisweilen leidet. Eine Serie von Zeichnungen mit Heilkräutern und Gräsern zeigt oberflächlich betrachtet nur Szenen aus der Botanik: Teufelskralle, Brennnessel, Holunder und Johanniskraut. Doch die Wurzeln reichen tiefer, bis in Dachaus dunkelste Vergangenheit: Neben dem Konzentrationslager Dachau betrieb die SS eine riesige Plantage, in der die Häftlinge zu Tode geschunden wurden.
Das Areal wurde später teilweise überbaut, einen Gedenkort für den „Kräutergarten“, wie er immer noch verharmlosend genannt wird, gibt es bis heute nicht. Die Pflanzenbilder spiegeln den Umgang Dachaus mit seiner schwierigen Vergangenheit wider, zwischen Erinnern und dem sprichwörtlichen Gras-darüber-wachsen-Lassen. In Oświęcim wurden die Bilder früher schon einmal gezeigt, in Dachau sind sie zum ersten Mal in einer regulären Ausstellung zu sehen.
Das Weltgeschehen in einer Streichholzschachtel
Aktueller denn je erscheint die Serie „Weltenbrand“. Ausgangspunkt waren Streichholzschachteln unterschiedlicher Marken, darunter die bekannten „Welt-Hölzer“. Abgefackelt in der Schachtel erscheinen sie heute wie eine Chiffre für die mutwillige Zerstörung der internationalen Ordnung. Fragt man Marschall nach seiner eigenen Meinung zum aktuellen Geschehen, lässt er lieber Helge Schneider sprechen: „Die Welt ist krank, und der Arzt hat frei.“ Marschalls schärfste Waffe gegen die Unbill des Daseins war schon immer die Pointe.

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Das gilt auch für sein Privatleben, in dem in 50 Jahren auch nicht immer alles glattgelaufen ist, so wie vor wenigen Monaten die Sache mit dem E-Scooter. Zum ersten Mal in seinem Leben stieg der 50-Jährige in seinem Übermut auf das wackelige Gefährt. Wie lange das gut ging, verrät das Bild im Titel. „130 Meter“. Der Preis für dieses Bild entspricht exakt dem, was der Kurztrip den Künstler bislang gekostet hat. Wer es kauft, würde zumindest hier wieder für eine ausgeglichene Bilanz sorgen.
Florian Marschall: „Zwischenbilanz“ in der Reihe „Kunst und Bank“. Ausstellung vom 18. September bis 17. Oktober in der Volksbank Raiffeisenbank Dachau, Augsburger Straße 33-35. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

