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Film über Georg Elser:Der vergessene Held

Copyright Lucky Bird Pictures, Bernd Schuller

"Der Mensch Elser hat mich stark berührt und lange in mir nachgewirkt", sagt Schauspieler Christian Friedel (Mitte).

(Foto: Bernd Schulle)

Schauspieler Christian Friedel präsentiert den Film über Georg Elser und stellt sich bei der Premiere den Fragen der Zuschauer. Und die wollen vor allem wissen, wie er sich auf diese fordernde Rolle vorbereitet hat

Von Florian Haamann, Dachau/Fürstenfeldbruck

Er sei selbst überrascht gewesen über diesen Mann, als er das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, erzählt Schauspieler Christian Friedel. Der Mann, von dem er spricht, ist Hitler-Attentäter Georg Elser. "Klar, ich hatte vom Attentat im Bürgerbräukeller gehört und auch schon mal den Namen", sagt Friedel, der sechs Jahre in München gelebt hat. "Aber ich war sofort fasziniert von der Geschichte und habe mich gefragt, warum man so wenig über ihn weiß." Abhilfe könnte der Film leisten, in dem Friedel die Hauptrolle spielt: "Elser - Er hätte die Welt verändert", der in den deutschen Kinos angelaufen und im Mai in Dachau zu sehen ist. Am Mittwochabend war Friedel im Brucker Scala zu Gast, um sich vor der Filmvorführung den Fragen des Publikums zu stellen.

All zu viele Besucher nutzten die Chance allerdings nicht, der Saal war nur etwa zur Hälfte gefüllt. Die Anwesenden jedoch nutzen die Chance, um von Christian Friedel mehr über den Film und Georg Elser zu erfahren. So wollte ein Besucher wissen, wie sich Friedel auf diese fordernde Rolle vorbereitet habe. "Als ich die Zusage bekommen habe, habe ich erst einmal im Internet die Protokolle gelesen und die wenigen Fotos, die es von Elser gibt, angeschaut. Die haben mir eine Menge über ihn erzählt." Ansonsten habe er vollstes Vertrauen in das Drehbuch gehabt, für das die Macher sechs Jahre recherchierten. Zuviel habe er jedoch nicht vorab gelesen. "Ich wollte einfach nicht schlauer sein als Elser selbst. Ich bin jemand, der die Charaktere vor allem emotional erfassen möchte."

Nach der Premiere, verrät Friedel, habe er das erste Mal bei einem seiner Filme Tränen in den Augen gehabt. "Der Mensch Elser hat mich stark berührt und lange in mir nachgewirkt. Mit seiner Toleranz und Mitmenschlichkeit hat er mich auch stark inspiriert. Und er hat mich gelehrt, dass wir nie wieder zulassen dürfen, dass ein solches Regime an die Macht kommt." Friedel lebt in Dresden, spielt dort am Theater. Er habe den Aufstieg von Pegida direkt miterlebt und auch die jüngsten Ereignisse in Tröglitz, wo eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Brand gesteckt wurde, hätten ihn schockiert. "Deswegen ist das Thema, das der Film behandelt so wichtig. Wir dürfen nie wieder wegeschauen", sagt Friedel und man spürt, wie ernst er all das, was er da sagt meint. Für die Szene, die Elser im Konzentrationslager Dachau zeigt, musste sich der Schauspieler die Haare abrasieren. "Ich habe dann eine ganze Zeit lang auf der Straße eine Mütze getragen, weil ich mich so nicht wohlgefühlt habe."

Neben diesem berührigen Einblicken in sein Innenleben, gewährte Friedel den Besuchern aber auch Einblicke in die Entstehung des Films. So sei die Szene im Bodensee für ihn und seine Schauspielkollegin eine echte Tortur gewesen. Sechs Stunden haben sie im kalten Wasser gedreht, in der Aufnahme, die es schließlich in den Film geschafft hat, haben die beiden so mit den Zähnen geklappert, dass im Studio nachvertont werden musste. Mit welchen Tricks im Film gearbeitet wird, erklärte Friedel anhand einer Szene im Bürgerbräukeller. Die wurde in einer Obsthalle in Südtirol gedreht. Aufgebaut war nur der halbe Keller. "Damit es aber so aussieht, als ob der ganze Raum aufgebaut ist, wurde ein Teil der Szene spiegelverkehrt gedreht. Meine Kleidung wurde umgenäht, meine Tolle auf die andere Seite gemacht und ich musste alle Handgriffe genau andersherum machen", erzählte Friedel.

Nach dem Gespräch durften die Besucher dann natürlich noch den Film sehen. Und Friedel hat nicht zu viel angekündigt. Der Film ist ein bedrückendes Dokument deutscher Geschichte, weit entfernt von jeglicher Effekthascherei und Künstlichkeit, wie etwa in "Der Untergang". Und er zeigt nicht nur auf brutale Weise, wie das Regime mit Elser umgeht. Es bereitet physische Schmerzen zu beobachten, wie der junge Mann gefoltert wird - ausgelöst dadurch, dass die Kamera immer ganz nah an seinem Gesicht ist, dass nichts ausgespart und in voller Länge gezeigt wird.

Genauso schockiert ist es aber zu sehen, wie leicht sich die Bürger von Köngisbronn, Elsers schwäbischer Heimat, von den braunen Schergen mitreißen lassen, ihrer stumpfen Ideologie folgen und Mitbürger, die eben noch Teil der Gemeinschaft waren, verstoßen und verhöhnen, nur weil sie anders sind. Gekrönt wird all das von der überragenden Schauspielerischen Leistung Christoph Friedels, die Elser für 120 Minuten wieder zum Leben erweckt.

© SZ vom 18.04.2015
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