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Feuerwehr Karlsfeld in Not:Zum Löschen mit Leihhose

Großbrand

Die Freiwillige Feuerwehr Karlsfeld nach dem Großbrand am Ludl-Anwesen an der Münchner Straße im April 2019.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Seit Jahren muss die Gemeinde Karlsfeld eisern sparen. Bei der Freiwilligen Feuerwehr hat das zu unhaltbaren Zuständen geführt: Die Einsatzgeräte sind uralt, nicht mal Schutzkleidung ist mehr ausreichend vorhanden

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Der Sparzwang der Gemeinde Karlsfeld geht an die Substanz der Freiwilligen Feuerwehr: Um 32 000 Euro ist der Etat für die freiwilligen Helfer nun geschrumpft. Kommandant Michael Peschke machte den Gemeinderäten in der jüngsten Hauptausschusssitzung klar, dass an der Feuerwehr sparen an der Sicherheit sparen heiße. "Wir haben alles schon auf das absolute Minimum zusammengestrichen", versicherte Peschke. Dennoch musste er Rede und Antwort stehen, die hohen Ausgaben von nunmehr gut 290 000 Euro verteidigen. Und so hörte man ihn immer wieder sagen: "Nein, das ist nicht der Ferrari unter den Angeboten. Es ist aber auch nicht der Trabi. Das Billigste geht kaputt. Darauf müssen wir schon achten."

Feuerwehrkommandant

„Wir haben alles schon auf das absolute Minimum zusammengestrichen“, versicherte Feuerwehrkommandant Michael Peschke.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Bild, das der Kommandant von der Karlsfelder Truppe zeichnete, offenbarte, dass schon früher massiv an der Ausrüstung gespart worden war. "Vergangenes Jahr hatten wir viele Brandeinsätze hintereinander. So viele, dass die Atemschutzträger schon keine Kleidung mehr hatten", berichtete Peschke. Adrian Heim (Bündnis) bestätigte dies. Sein Sohn, der auch zur Truppe gehört und wegen der Nähe zum Feuerwehrhaus fast bei jeder Alarmierung mitfährt, habe eines Tages gesagt: "Jetzt darf es nicht mehr brennen. Ich habe keine Kleidung mehr." Als er dann trotzdem wieder zum Einsatz musste, hätten sich die Aktiven die Hosen und Jacken aus den Spinden derjenigen holen müssen, die in Urlaub waren, um überhaupt losfahren zu können. "Das kann nicht sein", sagte Heim. Peschke sagte, er selbst habe seine Jacke einem Atemschutzträger geliehen, damit dieser ins brennende Gebäude gehen konnte. "Es gibt auch Feuerkrebs", erinnerte er die Gemeinderäte. So bezeichnet man das bis zu 30 Prozent erhöhte Krebsrisiko, das unter anderem durch Giftstoffe ausgelöst wird, wie sie beim Brand von Kunststoffverbindungen entstehen. Deshalb müssten Jacken, Hosen und auch Stiefel nach jedem Einsatz gereinigt werden. Das brauche Zeit, deshalb sei neue Ersatzkleidung nötig. Um genügend Garnituren anschaffen zu können, sind 42 200 Euro im Haushalt vorgesehen. Damit die freiwilligen Helfer wechseln könnten, müsse der eineinhalbfache Satz vorgehalten werden, so Peschke. Außerdem müssten die 20 Neuen, die die Feuerwehrler im vergangenen Jahr geworben hatten, eingekleidet werden. "Die Feuerwehrleute halten für uns den Kopf hin, da müssen sie vor Ort handlungsfähig sein", forderte Gemeinderätin Ursula Weber (CSU).

Auch mit dem Werkzeug steht es offenbar nicht zum Besten. "Schere und Spreizer fallen in fünf Jahren auseinander", wusste ihr Parteikollege Stefan Theil zu berichten, der auch zur freiwilligen Truppe gehört. Das Werkzeug sei zum Teil mehr als 40 Jahre alt, weil man es seinerzeit, als man ein neues Feuerwehrauto bekommen habe, einfach aus dem alten übernommen habe, um zu sparen. "Es ist ein Investitionsstau entstanden", sagte Theil. Deshalb komme es jetzt bei der Feuerwehr auf jeden Cent an. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) machte sofort klar: "Die Feuerwehr muss arbeiten können." Dies sei schließlich eine Pflichtaufgabe der Gemeinde.

Die Idee, dass man doch dieses Jahr an der Mitgliederwerbung sparen könne, wies Peschke entschieden zurück. Man habe zwar noch etwa 4000 Euro vom vergangenen Jahr übrig, doch das Geld sei bereits verplant für neue Plakate, Flyer und Aktionen. Die Mitgliederwerbung müsse unbedingt weitergehen. Einige Kameraden würden die Truppe bald verlassen, sei es aus Altersgründen oder weil sie aus Karlsfeld wegziehen. "240 Einsätze haben wir 2020 gefahren. Wir laufen auf die 300 pro Jahr hin", so Peschke. Man brauche mehr Leute. Auch um die Aktiven zu entlasten, die derzeit jede siebte Woche Bereitschaft haben.

"Wenn wir uns nicht um Nachwuchs kümmern, sind wir schnell auf dem Weg zur Berufsfeuerwehr", sagte Bürgermeister Kolbe. "Sechs bis zehn Hauptamtliche kosten dann etwa 800 000 Euro." 90 Aktive haben die Brandschützer derzeit. "Wir brauchen 120 bei der Einwohnerzahl", so Peschke. Obwohl sie heuer wegen des heruntergefahrenen öffentlichen Lebens keine Sicherheitswachen für das Siedlerfest oder andere Veranstaltungen abstellen mussten, sei die Mannschaft trotzdem gut ausgelastet gewesen.

Nach längerer Diskussion entschieden sich die Gemeinderäte, die Anschaffungder Brandmeldeanlage für das Gerätehaus noch einmal zu verschieben. "In der Garage stehen Millionenwerte", argumentierte Beate Full (SPD) dagegen. Adrian Heim erinnerte daran, dass noch dieses Jahr ein neues Feuerwehrfahrzeug für 500 000 Euro geliefert werde und am Ende des Jahres die neue Drehleiter für etwa 800 000 Euro. "20 000 Euro Planungskosten zu schieben, ist nicht akzeptabel."

Stefan Handl (CSU) hielt dem entgegen, dass er nur einen Fall kenne, indem das Feuerwehrhaus abgebrannt sei. Im übrigen sei man versichert und bekomme Leihfahrzeuge. "Wir müssen im schlimmsten Fall nicht mit dem Eimer zu Fuß gehen", so Handl. Ganz so ungefährlich sei die Sache nicht, erklärte Kommandant Peschke. Es gebe schon mehr Gerätehäuser, die Opfer von Flammen geworden seien. Und die Gefahr werde auch immer größer, denn man habe zwölf Ladegeräte, die angeschlossen seien und die einen Lithium-Ionen-Brand auslösen könnten.

Die Nässe im Gemäuer will man dagegen sofort bekämpfen. Regenwasser dringt durch den Sockel ins Feuerwehrhaus ein. Es kann nicht durch den Boden sickern, weil dieser stark verdichtet ist, deshalb sammelt es sich vor dem Gebäude und sucht sich langsam seinen Weg nach drinnen. Abdichtung und Drainage sind nötig. 30 000 Euro sollen dafür heuer bereit gestellt werden, sowie 40 000 Euro für die Dachreparatur über der Einsatzzentrale. Dort kommt ebenfalls Wasser durch.

© SZ vom 05.03.2021
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