Die evangelische Landeskirche will ihre Gedenkstättenarbeit in Bayern in den kommenden Jahren neu aufstellen. Geplant ist, die Arbeit von Kirchenangestellten an den KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg sowie an den Erinnerungsorten Hesselberg, Herzogsägmühle, Rummelsberg und Neuendettelsau zu bündeln und über eine neue Stelle ab 2030 zu koordinieren.
Hintergrund für diesen Schritt sind nach Angaben der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) veränderte Rahmenbedingungen. „Die finanziellen und personellen Ressourcen werden deutlich geringer“, so eine Pressesprecherin. Die ELKB und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) befänden sich in einem Prozess, der „grundlegende Veränderungen“ erfordere und mit den Voraussetzungen, unter denen die Gedenkarbeit in den 1960er-Jahren entstand, nur noch schwer vereinbar sei. Die ELKB halte an der Aufgabe der Gedenkstättenarbeit fest, denke diese aber in Zukunft bayernweit verstärkt zusammen und wolle so auch neue Zielgruppen in den Blick nehmen. „Uns ist dabei bewusst, dass es sich bei den Gedenkstätten in Bayern um sensible Orte handelt, die mit den Überlebenden, ihren Angehörigen und ihrem Erinnern untrennbar verbunden und für uns als Gesellschaft unverzichtbar sind.“ Ein Wegfall oder Abbau von Stellen sei nicht geplant, so die Sprecherin.
Gesucht wird eine „konfliktfähige und belastbare Persönlichkeit“
Die Neuausrichtung der evangelischen Erinnerungsarbeit hat mit einem Personalwechsel in Dachau zu tun: Björn Mensing, Pfarrer an der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, geht im Juli auf eigenen Wunsch in vorzeitigen Ruhestand. Der Theologe, der auch Historiker und seit 2005 an der Versöhnungskirche tätig ist, hat die evangelische Erinnerungsarbeit in Dachau geprägt. Er organisierte zahlreiche Gedenkgottesdienste, Zeitzeugengespräche oder Ausstellungen. Auch erforschte er die Verstrickung der evangelischen Kirche mit dem NS-Regime und meldete sich immer wieder bei Angriffen auf die Erinnerungskultur öffentlich zu Wort; etwa sprach er auf mehreren Demonstrationen gegen AfD-Veranstaltungen in Dachau oder kritisierte die AfD-Vorsitzende Alice Weidel scharf, nachdem diese behauptet hatte, NS-Diktator Adolf Hitler sei eigentlich ein Kommunist gewesen.

Jetzt sucht die ELKB nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin für Mensing und hat die auf drei Jahre befristete Leitungsstelle, die bislang von der EKD getragen wurde, mit Arbeitsbeginn am 1. Januar 2027 im kirchlichen Amtsblatt ausgeschrieben. Darin heißt es, eine Schwerpunktaufgabe werde die „Einleitung eines Transformationsprozesses“ der Gedenkstättenarbeit in Bayern sein. Es solle ein Konzept entwickelt werden, das die Rolle der Erinnerungsarbeit für Kirche und Gesellschaft kläre und wirksam werden lasse. Das Profil erfordere „eine integrative, kooperative, konfliktfähige und belastbare Persönlichkeit mit strategischer Kompetenz und Weitsicht“. Bis zum 21. April können sich Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakone und Diakoninnen sowie Religionspädagogen und Religionspädagoginnen bewerben.
Die ELKB-Sprecherin sagt: „Die Person auf dieser Stelle wird den Auftrag haben, die Gedenkstättenarbeit unter den sich verändernden Bedingungen zukunftsfähig aufzustellen.“ Die Stelle ist auf drei Jahre befristet. Ab 2030 solle dann die Koordinierungsstelle eingerichtet werden, welche die gesamte evangelische Gedenkstättenarbeit in Bayern umfasse. Für die Finanzierung der Stelle habe man bereits Drittmittelgeber in den Blick genommen.
Versöhnungskirchenpfarrer Björn Mensing wird am 12. Juli um 15 Uhr bei einem Gottesdienst in der Dachauer Friedenskirche verabschiedet. Die Shoah-Überlebende Charlotte Knobloch, Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow und Regionalbischof Thomas Prieto Peral haben ihr Kommen angekündigt.

