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Europawahl im Landkreis Dachau:Erziehung zu Weltbürgern

Die Bavarian International School in Haimhausen unterrichtet Schülerinnen und Schüler aus 52 Nationen. Sie bereichert nicht nur die Gemeinde, sie ist der Ort im Landkreis, an dem der Geist europäischer Identität am intensivsten erfahrbar ist

Nirgendwo sonst im Landkreis Dachau lässt sich der Geist europäischer Identität so intensiv erfahren wie an diesem Ort: an der Bavarian International School (BIS) in Haimhausen. Der zweite Campus der Schule liegt an der Leopoldstraße in München. Aus 52 Nationen kommen die insgesamt 1200 Schülerinnen und Schüler; die 210 Mitarbeiter, darunter 170 Lehrerinnen und Lehrer, stammen aus 27 Ländern. "Wir sind das Sinnbild schlechthin für Internationalisierung und bunte Vielfalt", sagt Marko Mädge, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit an der BIS. Wer also wissen will, wie das Zusammenleben in Europa funktionieren könnte, - das Thema steht mit der Europawahl an diesem Wochenende wieder im Fokus der Öffentlichkeit - der muss nach Haimhausen schauen.

Gemeinschaft ist möglich - unter der Voraussetzung gegenseitigen Respekts und Toleranz gegenüber dem anderen. Das, könnte man sagen, ist das oberste Erziehungsziel, das in jedem Unterrichtsfach mit verfolgt wird. Schulleiterin Chrissie Sorenson bringt es auf den Punkt: "Es gibt im Englischen ein Sprichwort, was man nicht versteht, hasst man." Verständnis, betont sie, müsse nicht Einverständnis bedeuten. Aber die Kinder lernen von der ersten bis zur zwölften Klasse jeden Tag, mit Menschen aus anderen Kulturen umzugehen. Das hat auch eine gesellschaftspolitische Wirkung auf das spätere Leben der Kinder. Sie entwickelten, sagt Sorenson, ein Verständnis für unterschiedliche Denkweisen. "Wenn man so aufwächst, geht man anders in die Welt." Probleme aufgrund der verschiedenen Kulturen hat die Schulleiterin noch nicht erlebt. Ängste vor und Vorurteile gegenüber Fremden können sich in dieser Atmosphäre nicht entwickeln. Das schützt: "Politiker wie Trump manipulieren solche Ängste", meint Sorenson.

Klar gebe es mal Reibereien zwischen den Schülern, aber nur normale, dem Alter geschuldete. Doch sind keine Fälle von Mobbing an der Schule aufgetreten - Chrissie Sorenson ist darauf besonders stolz. Angesichts des deutschen Schulalltags, in dem etwa "Jude" wieder als Schimpfwort fällt, ist der Stolz der Schulleiterin verständlich. Natürlich braucht es für eine solche Erziehung zum kritischen Denken engagierte und aufgeschlossene Pädagogen - und ebensolche Eltern.

In der Turnhalle der Bavarian International School in Haimhausen hängen die Fahnen der Länder, aus denen die Schüler stammen.

(Foto: Toni Heigl)

"Diese Mentalität kann auch Europa ausmachen", meint Sorenson, "zusammen ist man stärker als alleine". Nicht nur Europa. Die Anlage in dem weitläufigen Park mit mehreren Schulgebäuden, gruppiert um das Haimhausener Schloss aus dem 15. Jahrhundert, kann auch als globales Dorf gelten. Schüler aus Deutschland, den USA, Großbritannien, Spanien, Indien und Japan - das sind die Top 6 Nationalitäten - werden auf dem Campus in Haimhausen unterrichtet. Auch die Biografie der Schulleiterin steht für Internationalität. Aufgewachsen ist sie in Kalifornien, mit einer deutschen Mutter und einem kanadischen Vater, nun wohnt sie in München und spricht auch fließend Deutsch.

"All diese Kinder wurden aus ihrer Kultur herausgepflückt und hier zusammengewürfelt" sagt Chrissie Sorenson. Das merkt man. Die Kinder auf den Gängen sprechen Englisch, unter den Mitarbeitern wird fröhlich zwischen Deutsch und Englisch hin- und hergesprungen. Am Sonntag findet das internationale Fest der Schule statt, jedes Kind präsentiert seine Nation. Die Schüler stellen ihre Länder vor, zeigen Flaggen und bieten typische kulinarische Spezialitäten an.

1990 wurde die Privatschule in Haimhausen mit damals gerade einmal sechs Schülern gegründet. Zum 30. Jubiläum im Jahr 2021 erwartet die Schulleitung ungefähr 1400 Schülerinnen und Schüler. Eltern, die oft nur einige Jahre in München bleiben und dann weiterziehen, schätzen die internationale Ausbildung. Die BIS ist nicht nur bilingual, sondern mehrsprachig: Zu den insgesamt sechs modernen Muttersprachen im Lehrplan (Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Chinesisch/Mandarin und Japanisch) werden 17 weitere optionale Sprachen angeboten. Drei Viertel aller Schüler haben eine andere Muttersprache als das Deutsche.

Schulleiterin Chrissie Sorenson und Marko Mädge, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Bavarian International School.

(Foto: Toni Heigl)

Auch für die politische Bildung der Schüler wird einiges getan. Auf einer schuleigenen Seite im Internet wird das tagespolitische Geschehen Kindern aller Altersstufen und Sprachen zugänglich gemacht. Durch die entwicklungsgerechte Sprache werden auch die Jüngeren an schwierige politische Themen herangeführt. Außerdem gibt es das "Creativity Action and Service"-Programm, bei dem die Schüler eine ehrenamtliche Tätigkeit ausüben. Die BIS nimmt auch an dem Modell United Nations teil, ein Projekt, bei dem an Schulen und Universitäten Konferenzen im Stil der UN nachgestellt werden. Im Unterricht werden die relevanten politischen Themen des Landes davor intensiv vorbereitet. Vergangenes Jahr waren die kleinen Delegierten dann in Den Haag, wo sie sich auf Konferenzen für ihre Anliegen einsetzten. Großen Anklang finden, wie Sorenson sagt, die "Think Tanks", in denen die Schüler gemeinsam Ideen erarbeiten, wie das Schulleben verbessert werden könnte. Finanziert wird die Schule über das Schulgeld der Eltern und über Förderungen der Regierung von Oberbayern, wobei die staatliche Förderung nur 11,5 Prozent vom Gesamtbudget ausmacht. Momentan sammelt die BIS Spenden für den Bau eines neuen "Creativity & Innovation"-Zentrums, ein Schulgebäude, in dem Forschung und Kreativität unter einem Dach Platz finden sollen.

Der Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU) hält die Schule für "eine gute Abrundung des schulischen Konzepts im Landkreis". Die Schule wirke vor allem auch über den Landkreis hinaus. Der Haimhausener Bürgermeister Peter Felbermeier (CSU) spricht von der großen Bedeutung der Schule für seine Gemeinde. Einerseits spiele die Schule für die Wirtschaft eine Rolle, besonders Kinder von Managern besuchten sie, um einen internationalen Standard zu halten. Felbermeier betont auch: Durch die verschiedenen Nationalitäten der Schüler bereichere die Schule das Leben in Haimhausen ungemein. Durch die BIS werde das Zusammenleben mit vielen verschiedenen Kulturen im Alltag umgesetzt, gerade jetzt, angesichts der EU-Wahl und der Gefährdung Europas durch Rechtspopulisten, sei das sehr wichtig.

Chrissie Sorenson erzählt von einem Bild, das sie neulich gesehen hat. Darauf waren zwei Eier abgebildet, eines braun, eines weiß. Daneben dann zwei Spiegeleier. Die Direktorin lacht. Letztendlich, meint sie, sind wir alle nur Menschen und Menschen möchten irgendwie dazugehören. "Das leben wir hier."