Europawahl Landkreis Dachau "Ich will nicht, dass die Verrückten an die Macht kommen"

Die Wahlbeteiligung lag im Landkreis Dachau bei 65,2 Prozent.

(Foto: Toni Heigl)

Die Wahlbeteiligung lag im Landkreis deutlich über dem Bayern-Schnitt. Was hat die Menschen motiviert? Eindrücke vom Wahlabend.

Von V. Großmann, H. Zeller, A. Blatz und T. Radlmaier, Dachau

Als Walter Wellmann, 59, um kurz vor 18 Uhr das Wahllokal im Landratsamt verlässt, hat er Tränen in den Augen. Der Rumäne, der aus der Region Siebenbürgen stammt, hat gerade seine Stimme abgegeben. Dafür, dass Europa auch in Zukunft bestehen bleibt, wie er sagt. Heute sei es noch wichtiger als vor fünf Jahren gewesen, sich an der Wahl zu beteiligen. Dass ihm dieser Moment nun so nahe geht, liegt daran, dass er und seine Frau die Zeiten erlebt haben, in denen Europa alles andere als ein geeinter Kontinent war. Als Siebenbürger seien sie in Rumänien eine Minderheit gewesen, sagt Emma Wellmann. "Wir mussten das schlucken, was man uns vorgesetzt hat."

Heute sei es wichtig, "dass es uns gut geht und Frieden herrscht", sagt ihr Mann, fast versagt ihm die Stimme. Daran habe die EU einen großen Anteil. Dann nimmt ihn seine Frau in den Arm.

Sehr große Wahlbeteiligung bei der Europawahl im Landkreis Dachau

Von einer "Schicksalswahl" war vorher die Rede. Im Landkreis Dachau haben die Menschen dieser Europawahl mehr Gewicht zugemessen als in den Jahren davor. Dass mehr Menschen als 2014 ihre Stimme abgeben, zeigt sich in der Stadt schon tagsüber. Im Wahllokal im Ludwig-Thoma-Haus herrscht durchgängig reger Betrieb. "Es ist gut besucht, deutlich mehr als beim letzten Mal. Man merkt, dass es den Leuten wichtig ist", sagt Wahlhelferin Tanja Jørgensen-Leuthner. Neben ihr sitzt Ernst-Ulrich Wittmann, ebenfalls Wahlhelfer. Es ist 14.30 Uhr, die Wahllokale haben noch dreieinhalb Stunden geöffnet. Wittmann schätzt, dass die Wahlbeteiligung jetzt die 50-Prozent-Marke geknackt hat. Etwa ein Drittel der Wahlberechtigten hätten per Brief abgestimmt, sagt er.

Um 17.30 Uhr waren 68 Prozent der Wähler da, und es kommen immer noch welche. Auch im Wahllokal 1 im Pfarrheim St. Jakob sind gegen halb sechs am Abend vier von fünf Kabinen belegt. Vor dem Rathaus finden sich die Amtsleiter der Stadtverwaltung und andere städtische Mitarbeiter ein, sie müssen die Stimmen der Briefwähler auszählen, deren Zahl stetig zunimmt, wie sie sagen. Belustigt beobachten die Verwaltungsmitarbeiter wie nun, kurz vor sechs, noch einige Briefwähler kommen und ihre Stimmzettel in den Briefkasten am Rathaus einwerfen.

"Ich bin der Meinung, dass so Parteien wie die FPÖ in Österreich keine Macht bekommen sollten"

Christian Kromer hat sich dafür entschieden, den Wahlzettel im Wahllokal auszufüllen. Er habe die CSU gewählt, sagt er, als er draußen vor dem Landratsamt steht. Diese Wahl sei wichtiger denn je gewesen. "Die Weltlage hat sich verändert. Ich will nicht, dass die Verrückten an die Macht kommen." Ein Erstwähler sagt, ihm sei ein sicheres und gemeinschaftliches Europa wichtig. Und dass rechtspopulistische Parteien zurückgedrängt werden: "Ich bin der Meinung, dass so Parteien wie die FPÖ in Österreich keine Macht bekommen sollten", erklärt der 19-Jährige, der seine Stimme den Grünen gegeben hat.

Am Samstagnachmittag hatten ungefähr 30 Anhänger der "Identitären Bewegung" in der Altstadt vor dem Rathaus einen genehmigten Infostand errichtet - unter dem Motto "Ein Konzept für Europa". Die Polizei beobachtete die Versammlung der zumeist aus München angereisten Mitglieder der als rechtsextrem eingestuften Gruppierung. Etwa zehn bis 15 Jugendliche der Antifa in Dachau protestierten gegen die Kundgebung. Der Polizei zufolge verlief die Veranstaltung ruhig und ohne Zwischenfälle.

Das Ergebnis der Europawahl im Landkreis Dachau flimmert um kurz vor 20 Uhr über die Leinwand

Der Wahlabend im Landratsamt, wo Politiker und Pressevertreter die Stimmauszählung verfolgen, läuft dagegen zunächst schleppend an. Der Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath, Vorsitzender der CSU im Landkreis, kommt kurz vor 18 Uhr in den fast leeren Sitzungssaal im Dachauer Landratsamt und hat einen blauen Schal mit dem Konterfei Manfred Webers, des Spitzenkandidaten der CDU/CSU, um den Hals geworfen. "Vielleicht hilft der Schal ja", ruft Seidenath. Aber es läuft am Sonntagabend gar nicht gut. Die ersten Hochrechnungen: Im bevölkerungsstärksten EU-Mitgliedsland Deutschland kommen CDU/CSU nur noch auf 27,9 Prozent, nach 35,3 Prozent vor fünf Jahren. Die SPD stürzt laut Prognosen von 27,3 auf 15,6 Prozent. Aber das und auch den Triumph der Grünen will der CSU-Chef jetzt gar nicht kommentieren, er äußert nur Mitleid mit der Sozialdemokratie.

Landrat Stefan Löwl (CSU) und der CSU-Kreisvorsitzende, Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath (rechts), können trotz eines leichten Stimmenrückgangs noch lachen.

(Foto: Toni Heigl)

Landrat Stefan Löwl (CSU) hofft, wie er sagt, dass die AfD kein zweistelliges Ergebnis einfährt, deutschlandweit und natürlich auch im Landkreis. Die rechtspopulistische AfD legt aber bundesweit von 7,1 auf etwa 10,5 Prozent zu. Seidenath sagt nur: "Da bin ich sehr froh." Denn um 16 Uhr seien den Rechtspopulisten gar 15 Prozent prognostiziert worden. Sie liegen in der ersten ausgezählten Gemeinde, Hilgertshausen-Tandern, unverändert gegenüber 2014 bei 9,3 Prozent der Stimmen. So wird es landkreisweit auch bleiben, die AfD hat in vielen Gemeinden geringe Stimmenverluste. Die Stimmung der Dachauer CSU indes kann an diesem Abend auch die Erklärung ihres Spitzenkandidaten Manfred Weber im Fernsehen - "die schönste Nachricht ist, dass die europäische Idee lebt" - nicht wirklich heben.

SPD-Kreisvorsitzender Hubert Böck schaut betrübt und nachdenklich auf die Wahlergebnisse seiner Partei, die im Landkreis auf verheerende 7,9 Prozent der Stimmen gekommen ist.

(Foto: Toni Heigl)

Nicht nur die SPD, auch die CSU ist auf einen historischen Tiefstand einer Europawahl abgestürzt. Die Europafahne hinter dem Fernsehgerät bleibt zunächst noch eingerollt. Die Grünen sind die einzigen, die an diesem Abend feiern - im Zieglerbräu in der Altstadt. Ungläubig schauen sie auf die ersten Hochrechnungen. Halb sieben beginnen sich die Dachauer Grünen leise zu freuen - und anders als im Landratsamt werden hier nun zwei Europafahnen entrollt und an der Wand aufgespannt.

Für die Sozialdemokraten ist das Wahlergebnis nur schwer zu ertragen. Hubert Böck, der SPD-Kreisvorsitzende, dreht sich irgendwann von den Bildschirmen im Landkreis weg, er könne nicht mehr hinsehen. Die AfD überholt die SPD im Landkreis Dachau, in Markt Indersdorf, Böcks Heimat, erreichen die Genossen nur 6,7 Prozent. "Das enttäuscht mich", sagt Böck. Hinsichtlich des Ergebnisses für den gesamten Landkreises ärgere es ihn, "dass wir weniger haben als bei der Landtagswahl." Böck glaubt, dass insbesondere das Klimathema für diese Wahl entscheidend gewesen sei. Die sozialen Themen hätten dagegen kaum eine Rolle gespielt.

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