Europa und die Jugend "Man hat gespürt, was Europa wirklich ausmacht"

Lernen kann man immer was, aber dass die Europäische Union viele Vorteile bringt, wussten Tizian Foidl umd Lukas Stolze davor auch schon.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Für ein Drittel der jungen Deutschen ist die EU keine Herzensangelegenheit. An den Schulen im Landkreis Dachau wird versucht, den Schülern die Bedeutung der Union nahe zu bringen.

Von Julia Putzger und Maximilian Kiessl

Europa ist vieles: ein Kontinent, ein politisches oder Wirtschaftssystem, eine kulturelle Wertegemeinschaft, ein Zukunftsprojekt oder eben nur ein notwendiges Konstrukt. Für die aktuelle Studie "Generation What?" wurden in 35 europäischen Ländern mehr als 900 000 junge Leute zwischen 18 und 34 Jahren befragt. Das Ergebnis für Deutschland liegt nun vor: Mehr als 33 Prozent fühlen sich Europa kaum verbunden, eher ihrer Stadt oder Region zugehörig, für sie ist die Europäische Union lediglich ein "notwendiges Konstrukt". Gibt es also die viel beschworene europabegeisterte Jugend etwa gar nicht? Ganz so düster ist es nicht: Denn die Mehrheit der jungen Deutschen ist weltoffen, lehnt nationalistische Tendenzen ab und sieht Zuwanderung als Bereicherung an. In den weiterführenden Schulen im Landkreis Dachau leiten Lehrkräfte und Schulleiter schon länger engagierte Projekte, mit denen sie der Jugend Europa nahe bringen - das zeigt auch eine nicht umfassende Spurensuche zum heutigen bundesweiten EU-Projekttag an Schulen.

ITG

Am Ignaz-Taschner-Gymnasium (ITG) in Dachau gibt es neben Vorträgen und Workshops zum Thema Europa, die an diesem Schultag für die zehnte Jahrgangsstufe stattfinden, auch ein langfristiges Projekt: Das ITG möchte eine Botschafterschule für das Europäische Parlament werden. Mehr als 50 Schulen in Deutschland haben schon dieses Zertifikat, drei davon in Bayern, im Landkreis Dachau jedoch noch keine. Im Bewerbungsprozess sind 25 "Juniorenbotschafter" engagiert. Sie kümmern sich um einen Infopoint im ersten Stockwerk, an dem die Schüler sich beispielsweise über den bisherigen Verlauf des Brexit informieren können. Sie verfassen schulinterne Newsletter und organisieren Veranstaltungen.

Vertreter des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses waren dieses Jahr bereits zu Gast, auch der ehemalige Europaparlamentsabgeordnete Bernd Posselt (CSU) besuchte dieser Tage das ITG. Er sei gerne an Schulen, erklärt er, weil es wichtig sei, dass die jungen Menschen sich für die EU engagieren. Er selbst habe bereits mit 16 Jahren, im Jahr 1972, begonnen, sich für die europäische Idee einzusetzen. Grund für sein Engagement sind die Erfahrungen, die seine Eltern im Krieg machten: "Darum haben sie uns Kindern den Auftrag gegeben, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht mehr passiert." Am ITG hält er ein Plädoyer für die europäische Friedensidee, denn "Demokratie, Frieden und europäische Einigkeit sind nicht selbstverständlich". Die demokratischen Parteien und das Parlament müssten gegen den Rechtsruck gestärkt werden, Europa dürfe nicht von Rechts- und Linksextremen zersplittert werden.

In der Diskussion dürfen die Schüler der neunten Klassen ihre Fragen rund um die EU loswerden. Dabei wurden Themen, welche die Zukunft betreffen, behandelt: eine europäische Armee, der Brexit oder der mögliche Austritt des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán und seiner Partei Fidesz aus der Europäischen Volkspartei (EVP), der auch CDU und CSU angehören. Die Jugendlichen sind nicht nur interessiert, zumindest ein Teil weiß über das aktuelle Geschehen in der EU genau Bescheid. Falls das ITG den Status der Botschafterschule erlangt, dann wird es Teil eines europaweiten Netzwerks, dessen Ziel es ist, das Bewusstsein der Schüler für Europa zu stärken und die Bedeutung der EU für Europa zu vermitteln. Dann nehmen die Schüler auch am Euroscola-Projekt des europäischen Parlaments teil.

GMI

Am Gymnasium Markt Indersdorf (GMI) kennt man das Euroscola-Projekt bereits. Anfang dieses Jahres durfte eine elfte Klasse die Reise nach Straßburg ins Europäische Parlament antreten, nachdem sie in einem Wettbewerb erfolgreich war - mit einem Videoclip zum Thema "Euer Szenario für Europa: Wie sieht die EU aus, in der ihr leben möchtet?" "Wir haben einen Kuchen gebacken, bei dem jede der Zutaten ein Symbol war", erinnert sich Carmen Volkert, Leiterin der Fachschaft Sozialkunde. "Salz stand zum Beispiel für Nationalismus, davon kam nur eine Brise in den Kuchen", erklärt sie. Der Aufenthalt in Straßburg war für die Schüler ein "wirklich tolles Erlebnis". "Man hat gespürt, was Europa wirklich ausmacht", sagt ein Schüler. Gemeinsam mit Schülern anderer EU-Länder arbeiteten die Elftklässler des GMI Beschlüsse aus. Anschließend wurde im Plenarsaal des Parlaments darüber diskutiert und abgestimmt. Delegationen aus 26 verschiedenen Nationen aus ganz Europa seien dort gewesen. Diese Vielfältigkeit, sagt einer, habe zu einem Austausch über die Ländergrenzen hinaus geführt, alle seien begeistert gewesen.

Für den Europatag der Schulen hat das GMI Maria Noichl (SPD), Abgeordnete des Europäischen Parlaments, eingeladen. Sie kommt allerdings nicht direkt am Europatag, sondern am Freitag dieser Woche an die Schule. Noichl wird über ihren Alltag als Politikerin und über Europa sprechen. Kurz vor der Europawahl am 26. Mai sollen außerdem Stellwände in der Aula postiert werden, die zum Thema Europa von Schülern mitgestaltet werden. Dabei sollen vor allem die positiven Aspekte Europas betont werden, damit nicht immer nur die Probleme im Vordergrund stehen.

FOS Karlsfeld

Auch in der Fachoberschule Karlsfeld ist man im Hinblick auf die anstehenden Europawahlen aktiv. Am Mittwoch, 27. März, findet in der Turnhalle eine Podiumsdiskussion mit Katharina Schulze (Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag), Florian Herrmann (CSU), Leiter der Staatskanzlei und Europaminister, sowie der Landtagsabgeordneten Eva Gottstein (Freie Wähler) statt. Die Veranstaltung soll vor allem die Schüler als potenzielle Erstwähler für Europa und die Wahlen ansprechen.

Mittelschule Bergkirchen

Europa bewegt aber nicht nur Gymnasiasten und Fachoberschüler. Die Schüler der Grund- und Mittelschule Bergkirchen bekommen ebenfalls die Möglichkeit, mit einem Politiker in Kontakt zu treten. Am Europatag der Schulen ist der Landtagsabgeordnete und CSU-Kreischef Bernhard Seidenath zu Gast. Die Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufen werden mit Seidenath diskutieren. "Es geht um politische Bewusstseinsbildung", sagt Schulleiter Roland Grüttner. Die Schüler sollten merken, dass Politiker auch nur Menschen seien und ihren örtlichen Abgeordneten kennenlernen. Er habe bereits in der Vergangenheit ähnliche Aktionen geplant, und das sei immer gewinnbringend für die Schüler gewesen, die sähen, ob ihre Probleme ernst genommen und verstanden würden. Grüttner bleibt allerdings realistisch: "Sich zum Ziel zu setzen, Begeisterung für EU und Politik zu wecken, ist etwas hochgegriffen." Es gehe eher darum, den Bezug zur Politik überhaupt herzustellen und die Kinder spüren zu lassen, wie der Alltag eines Politikers aussieht.

Der Europa-Kandidat und CSU-Politiker Bernd Posselt erzählt am Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau, warum die EU so wichtig ist.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Es ist nicht so einfach mit der Begeisterung für die EU. Das zeigte sich auch in einer Studie der TUI-Stiftung im Jahr 2017: Drei von vier jungen Europäern zwischen 16 und 26 Jahren sahen nicht gemeinsame Werte, sondern die wirtschaftliche Zusammenarbeit als Kern der Europäischen Union an. In der Diskussion mit Bernd Posselt am ITG fragten einige Schüler, ob die EU nicht möglicherweise eine Neuorientierung brauche. Trotzdem zeigen sich die Deutschen der Studie zufolge mehrheitlich als europafreundlich: Nur zwölf Prozent würden einen EU-Austritt Deutschlands befürworten. Aber auch zwölf Prozent sind für einen Europäer wie Bernd Posselt ein Warnsignal.

JEG

Das Josef-Effner-Gymnasium in Dachau wird am Europatag keinen Politiker einladen. "Ein einzelner groß angelegter Tag sticht zwar hervor, wir finden eine feste Verankerung der Themen in den Unterricht allerdings besser und nachhaltiger", erklärt Schulleiter Peter Mareis. Er finde es sinnvoller, Themen aufzugreifen wenn sie auch im Unterricht gerade relevant sind, damit der direkte Bezug für die Schüler hergestellt ist. "Wir haben viele andere Termine und Aktionen, die den Europagedanken hochhalten", betont Mareis. Dazu gehörten etwa Schüleraustausche mit Frankreich und den Niederlanden oder Vorträge durch externe Referenten. Vor kurzem kam eine Journalistin an die Schule, die zuvor bei "Seawatch", einer Aktion zur zivilen Seenotrettung im Mittelmeer, tätig war. Vor ihrem Kommen wurde eben jene Initiative im Geografieunterricht thematisiert.

Die Schule hat aber auch konkrete Pläne für die anstehende Europawahl: Es wird eine sogenannte Juniorwahl organisiert. Diese funktioniert wie eine nachgestellte Europawahl. An einem festgelegten Wahltag können die Schüler der zehnten bis zwölften Jahrgänge auf originalen Wahlscheinen mit den echten Kandidaten ihre Kreuze setzen. Die Wahl ist freiwillig. Nach der Wahl im Mai sollen die Ergebnisse der Juniorwahl mit denen der echten verglichen und im Unterricht besprochen werden. Dieses Konzept wurde schon bei den Landtagswahlen 2018 angewandt, mit großem Erfolg - die Wahlbeteiligung lag bei knapp 80 Prozent.

U18-Wahlen

Neben den schulinternen Europawahlen gibt es bundesweit eine Wahl für alle Unter-18-Jährigen. Die sogenannte U 18-Wahl wird von Freiwilligen organisiert, jeder kann ein "Wahllokal" anmelden. Das können Spielplätze oder Sporthallen sein, Hauptsache es gibt Stimmzettel, eine Wahlurne und eine Art Wahlkabine. Im Landkreis ist bisher noch kein solches Wahllokal registriert - der Dachauer Jugendrat, der bei der Landtagswahl 2018 mitmachte, wird für die U 18-Europawahl kein Wahllokal einrichten. "Wir haben überlegt auch dieses Mal mitzumachen", sagt Jugendratssprecher Berkay Kengeroglu, "aber die Europawahl ist wesentlich komplizierter, das Thema ist weniger stark im Lehrplan verankert, und die Jugendlichen kennen sich nicht so gut aus". Dem widerspricht der bayerische Jugendring, der sich für die generelle Absenkung des Wahlalters auf 14 Jahre einsetzt. Es gebe in jeder Altersklasse Menschen, sich kaum für Politik interessierten, andererseits solche, die bestens informiert seien. Darum dürfe man keinem potenziell Engagierten das Wahlrecht nehmen - zumal die Bedürfnisse der Jugendlichen in der Politik weniger Beachtung fänden.

Das Projekt „Euroscola“

Euroscola ist ein 1990 vom Europäischen Parlament initiiertes EU-weites Projekt, an dem jede Schule aus einem der 28 Mitgliedsländer teilnehmen kann. Jedes Jahr findet ein nationaler Wettbewerb um die Teilnahme statt. Dabei wird jedes Mal ein bestimmtes Thema vorgegeben, das die Teilnehmer dann kreativ umsetzen, etwa in Form eines Theaterstücks, eines Kurzfilms, eines Gedichts oder Ähnlichem. Die Ergebnisse werden anschließend bewertet und 15 Gewinner aus pro Land bestimmt. Jede Siegerklasse darf im Verlauf des nächsten Schuljahres an einem der 15 Euroscola-Tage als Vertreter ihres Landes teilnehmen. Diese finden in Straßburg im Europäischen Parlament statt, wo die Schüler für einen Tag in die Rolle der Abgeordneten schlüpfen und sich mit Jugendlichen aus anderen Nationen austauschen können. maki

Dass der Wille zur politischen Mitbestimmung da ist, stellte auch der Jugendrat fest: Bei den U 18-Landtagswahlen wurden in Dachau 800 Stimmen abgegeben. Und auch bei den monatlichen sogenannten "PoliTischen", vom Jugendrat organisierte politische Stammtische, ist bisher stets etwas los. Man bemühe sich, sagt Berkay Kengeroglu, jedes Mal Politiker oder Referenten einzuladen, um dann verschiedene Sichtweisen zu diskutieren. Beim Stammtisch zur Fridays-for-Future-Bewegung war beispielsweise Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) dabei. Diese Demonstrationen sind für Kengeroglu das beste Beispiel, dass Politik bei den Jugendlichen eine immer größere Rolle spielt. "Ich glaube schon, dass auch die EU den Jugendlichen wichtig ist, etwa beim Reisen, da fühlt sich ein Urlaub im Ausland fast wie zuhause an."

Landkreis-Wettbewerb

Was Europa den Kindern und Jugendlichen wirklich bedeutet, will auch das Landratsamt herausfinden und hat darum einen Wettbewerb ausgerufen. Auf die Frage "Was bedeutet Europa für mich?" können Kinder von der fünften Klasse aufwärts bis zur Abschlussklasse beispielsweise mit kreativen Zeichnungen, Fotos oder Texten antworten. Die Arbeiten sollen aber jedenfalls einen Bezug auf das Leben vor Ort und in Europa haben. Die Idee für den Wettbewerb entstand gemeinsam mit dem polnischen Partnerlandkreis Oświęcim, in dem er zeitgleich stattfindet. Durch die Aktion sollen Jugendliche motiviert werden, sich mit dem Thema Europa auseinanderzusetzen und dabei erkennen, wie wichtig die EU ist.