Gleichberechtigung:Mehr Macht für Frauen - und mehr Schutz

Gleichstellungsstelle

Susann Haak-Georgius von der Gleichstellungsstelle Stadt Dachau hofft, dass der Landkreis Dachau sich im kommenden Jahr oder spätestens 2023 der Europäischen Charta für die Gleichstellung anschließen wird.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Der Landkreis soll der Europäischen Charta für die Gleichstellung beitreten. Das fordert eine fraktionsübergreifende Allianz von Kreisrätinnen gemeinsam mit der Stabstellenleiterin für Gleichberechtigung, Susann Haak-Georgius. Landrat Stefan Löwl zeigt sich grundsätzlich offen

Von Jacqueline Lang, Dachau

Gleichstellung beginnt vor Ort. Dieses Credo vertritt der Europäische Rat der Gemeinden und Regionen Europas (CEMR) und hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, Kommunen und Regionen dabei zu unterstützen, "die Gleichstellung der Geschlechter in ihr Handeln zu integrieren und zu verwirklichen". Bereits 2006 hat der CEMR zu diesem Zweck eine "Europäische Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf kommunaler und regionaler Ebene" verabschiedet. Mittlerweile haben sich mehr als 1700 Kommunen in 35 Ländern mit ihrer Unterzeichnung den Zielen der Charta verpflichtet. Mit dem Landkreis Dachau könnte demnächst ein weiterer Gemeindeverband folgen - zumindest wenn es nach Kreisrätin Marese Hoffmann (Grüne) und Susann Haak-Georgius, Leiterin Stabstelle Familienberatung, Gleichstellung und Inklusion, geht.

Gemeinsam mit Marianne Klaffki (SPD), die wie Hoffmann eine der drei Stellvertreterinnen von Landrat Stefan Löwl (CSU) ist, und Stephanie Burgmaier (CSU) möchte Hoffmann möglichst zeitnah einen dementsprechenden Antrag im Kreistag stellen. Schon 2022 könnte sich dann auch der Landkreis ganz offiziell den Zielen der Charta verpflichten, die in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen feiert. Anlässlich dieses Jubiläums hatte kürzlich der CEMR zu einer Videokonferenz eingeladen, an der neben Hoffmann, Klaffki und Haak-Georgius auch Landrat Löwl teilnahm. Diese Veranstaltung war für Hoffmann die Initialzündung, die Mitgliedschaft des Landkreises voranzutreiben.

Schon vor einigen Jahren, erzählt Hoffmann am Telefon, habe sie auf einer anderen Konferenz der CEMR in Bilbao einen ähnlichen Gedanken gehabt, weil sie von den vielen anderen Kommunalpolitikerinnen, mit denen sie damals ins Gespräch kam, wahnsinnig inspiriert gewesen sei. Doch dann sei die Idee schnell wieder in Vergessenheit geraten. Hoffmann ist jedoch zuversichtlich, dass das nicht noch einmal passieren wird: Immerhin gebe es nun ein breites Bündnis von Rätinnen verschiedenster Fraktionen, die sich gemeinsam für das Thema Gleichberechtigung stark machen. Vieles, was sie in Aktionsplänen anderer Kommunen gelesen habe, werde außerdem im Landkreis Dachau ohnehin schon umgesetzt oder sei in Planung.

Es gebe zum Beispiel bereits in vielen Fraktionen Doppelspitzen, Befragungen in der Verwaltung zur Vereinbarung von Familie und Beruf, aber auch das Projekt "Luisa", das im Landkreis umgesetzt werden soll. Mit dem Codewort sollen sich Frauen, die sich bedroht fühlen, im öffentlichen Raum an geschultes Personal wenden können, das ihnen aus der Situation heraushilft. "Da läuft schon eine ganze Menge, man muss es nur zusammenbringen", so Hoffmann. Aber was verspricht sie sich konkret von der Mitgliedschaft? - Input, sagt Hoffmann. "Für uns Deutsche ist es sehr, sehr gut, über unseren deutschen Tellerrand zu schauen." Von den europäischen Nachbarn könne man noch vieles lernen, auch auf kommunaler Ebene.

Landrat Stefan Löwl steht einer Mitgliedschaft grundsätzlich offen gegenüber. Gleichwohl stellt er sich - wie auch schon in anderen Kontexten - die Frage, ob es wirklich "noch ein Zertifikat" brauche, das bescheinige, was ohnehin schon umgesetzt werde. Denn, davon ist er überzeugt: Der Landkreis Dachau kümmert sich schon seit Jahren um das Thema Gleichstellung, etwa in der Verwaltung. Zudem gibt er zu bedenken, dass "nicht alles überall hin übertragbar" sei. Man müsse sich im Klaren darüber sein, dass man nicht immer überall der Beste sein könne.

"Der Austausch ist aber sicherlich interessant", sagt Löwl, betont aber auch: "Das ist kein reines Frauenthema." Vielmehr sein Gleichstellung ein Thema, das alle angehe, "ganz egal, ob männlich, weiblich oder divers". Er würde sich, so Löwl, deshalb auch mehr Interesse für das Thema von anderen Kollegen wünschen. Susann Haak-Georgius, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, sagt, sie sei froh, einen so "jungen und dynamischen Chef" zu haben, der ihr bei ihrer Arbeit keine Steine in den Weg lege. Gleichwohl ist sie anders als Landrat Löwl davon überzeugt, dass ein Beitritt zur Charta wichtig sei, um ein Zeichen zu setzen: Es gehe für sie dabei vor allem um die "Wertschätzung des Gleichstellungsgedanken". Und anders als der Landrat findet sie, es gehe nach wie vor allem um die Gleichberechtigung der Frau. Schlicht deshalb, weil Frauen in vielen Bereichen immer noch stärker benachteiligt seien.

Der Gedanke, der Charta beizutreten, beschäftigt die Gleichstellungsbeauftragte schon eine ganze Weile: Schon 2016, als sie gerade neu im Amt war, habe sie sich gedacht, "das wäre vielleicht was für den Landkreis". Schnell habe sie jedoch einsehen müssen, dass es ohne Verbündete nicht funktionieren würde. Fünf Jahre später hat sie diese vor allem bei den Kreisrätinnen gefunden. Auch innerhalb des Landratsamts gibt es nun mehr Mitstreiterinnen: Viele "altbewährte Kollegen", wie Haak-Georgius es diplomatisch ausdrückt, sind in den Ruhestand gegangen und haben Platz gemacht für junge Frauen in Führungspositionen. "Die Zeit ist reif", da ist sich Haak-Georgius sicher.

Ähnlich wie Marese Hoffmann hofft sie, dass der Landkreis Dachau sich im kommenden Jahr oder spätestens 2023 der Europäischen Charta für die Gleichstellung anschließen wird. Bis dahin gilt es, den Aktionsplan zu erstellen. Für die Gleichstellungsbeauftragte steht vor allem das Thema Intervention im Fokus. Physische, psychische und auch digitale Gewalt gegen Frauen habe stark zugenommen, dagegen müsse man etwas tun. Haak-Georgius möchte dafür einen Arbeitskreis etablieren. Verstärkt soll an den Landkreisschulen Aufklärungs- und Präventionsarbeit geleistet werden. Die Zusammenarbeit, unter anderem mit der Polizei, funktioniere bereits gut. Zu anderen Themen will Haak-Georgius zudem die Wirtschaftsförderung und den Verein Behinderte und Freunde Stadt und Landkreis Dachau mit ins Boot holen.

Theoretisch kann nicht nur der Landkreis der Charta beitreten, auch einzelne Landkreiskommunen können mitmachen. Bislang sind unter den deutschen Mitgliedern mit Nürnberg und München allerdings nur zwei bayerische Städte vertreten. Haak-Georgius könnte sich allerdings gut vorstellen, dass sich auch hier noch einiges tun wird, zumindest auf Landkreisebene: Wenn der Kreis einmal beigetreten sei, werde sie versuchen, auch in den Gemeinden Kooperationspartner zu finden, um diese mehr miteinzubinden. Sie könnte sich, so Haak-Georgius, beispielsweise gut vorstellen, dass etwa Sabrina Spallek (Grüne), die nicht nur im Kreistag, sondern auch im Haimhauser Gemeinderat sitzt, eine solche Kooperationspartnerin sein könnte. Doch auch wenn die Zeichen auf Aufbruch stehen, hat die Gleichstellungsbeauftragte über die Jahre doch vor allem eines gelernt: "Gleichstellung braucht Zeit, Geduld, Ausdauer - und ja, auch ein bisschen Kampfgeist."

© SZ vom 25.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB