Erinnerungspolitik Angriff auf das Andenken Max Mannheimers

Der Zeitzeuge Max Mannheimer, ein unermüdlicher Kämpfer für die Demokratie, ist mit 96 Jahren 2016 gestorben.

(Foto: Toni Heigl)

Nach einem Dokumentarfilm über den Holocaustüberlebenden werden dem verstorbenen Zeitzeugen falsche Aussagen unterstellt. Pfarrer Björn Mensing und Karmel-Schwester Elija Boßler treten dem entgegen und entlarven den geschichtsfälschenden Charakter der Attacke

Von Helmut Zeller, Dachau

Selbst Pessimisten hätten nicht geglaubt, dass es so schnell geht: Gerade mal zwei Jahre nach dem Tod Max Mannheimers wird ausgerechnet dem großen Zeitzeugen, der unermüdlich in Tausenden von Gesprächen die Jugend über die Naziverbrechen aufgeklärt hat, Geschichtsfälschung vorgeworfen. Der Anlass: die Aufführung des Dokumentarfilmes "Dachauer Dialoge" über den Auschwitzüberlebenden und ehemaligen Vizepräsidenten des Comité International de Dachau in einem Kino der Stadt. Unerwartet kommt das nicht: Die Anzeichen, dass sich mit dem Ableben der Holocaustüberlebenden die Schlussstrichmentalität wieder laut artikuliert, sind schon seit langem unübersehbar. Und sie geht einher mit einem zunehmend aggressiven Antisemitismus. Nicht nur auf ganz rechter oder linker Seite, in der Mitte der Gesellschaft erhebt der Antisemit seine Stimme - die etwa durch die rechtspopulistische AfD wieder salonfähig gemacht worden ist.

Deshalb appellieren Kirchenrat Björn Mensing, Pfarrer an der evangelischen Versöhnungskirche in Dachau, und Schwester Elija Boßler vom Kloster Karmel Heilig Blut, an die Menschen in Stadt und Landkreis Dachau: "Entlarven Sie die tatsächlichen Geschichtsfälschungen, die die NS-Verbrechen in Dachau und ganz Europa als 'Vogelschiss' in der deutschen Geschichte verharmlosen wollen, und wählen Sie bitte nicht die AfD, die NPD oder eine andere Partei, die mit Hetze gegen Minderheiten Politik macht." Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erklärt dazu: "Die AfD hat seit ihrer Gründung entscheidend dazu beigetragen, die gesellschaftliche Debatte in unserem Land zu vergiften und antisemitische Ressentiments wieder salonfähig zu machen."

Das bereitete Max Mannheimer große Sorge. Auch der Holocaustüberlebende Abba Naor, 90, der Mannheimer als Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees nachfolgte, sieht den Rechtsruck in Deutschland mit wachsender Sorge. Ihm erscheint es fast so, wie er sagt, als würde man nur auf den Tod der Zeitzeugen warten. "Am 23. September wurde im Cinema der Dokumentarfilm über Max Mannheimer aufgeführt; an dem Tag vor zwei Jahren war er mit 96 Jahren gestorben.

Im Nachklang wurde aus Karlsfeld eine Stimme laut, die Mannheimer der Geschichtsfälschung bezichtigte. Angeblich habe der Film beim unbedarften Zuschauer den Eindruck erweckt, in der Gaskammer im KZ Dachau seien Juden getötet worden. Boßler und Mensing, Landesbeauftragter für Gedenkstättenarbeit, weisen dies zurück. Gerade der Auschwitzüberlebende Max Mannheimer, der nicht nur seine Lebensgeschichte erzählte, sondern sie auch in ein profundes wissenschaftliches Wissen über die NS-Zeit einbettete, hat einen solchen historischen Unsinn nie verzapft - doch ihm muss dergleichen unterstellt werden, um am eigentlich intendierten Ziel anzukommen: Das KZ Dachau - und damit Dachau, worum es eigentlich geht - war irgendwie doch nicht so in die Judenvernichtung involviert, quasi aus der "Vogelschiss"-Perspektive.

Björn Mensing, promovierter Historiker, kann da keinen Ablass gewähren. "In der Tat hat die SS die Gaskammer in Dachau nicht für den Massenmord verwendet." Jedoch kann Dachau nicht so einfach aus dem singulären Verbrechen des Massenmords an den europäischen Juden herausgehen. "Mit mindestens 11 474 im KZ Dachau und dessen Außenlagern ermordeten jüdischen Häftlingen war Dachau auch ein Holocaust-Tatort", erklärt Mensing. Auch andere, Mannheimer untergeschobene Äußerungen sind in dem Film so gar nicht gefallen. "Seine Aussagen zur Zwangssterilisierung mit Röntgenapparaten beziehen sich eindeutig auf die NS-Verbrechen an sogenannten Erbkranken." Nicht, wie behauptet, auf die Judenverfolgung. In Dachau wird seit 2017 an die mit 13 Jahren ermordete Alwine Dölfel und an zwei weitere Nazi-"Euthanasie"-Opfer mit Stolpersteinen erinnert.

Schwester Elija Boßler, langjährige Vertraute Mannheimers, ist entsetzt, mit welchen Verdrehungen und Falschbehauptungen Max Mannheimer - nach seinem Tod - diskreditiert werden soll, ob das nun beabsichtigt geschieht oder in Kauf genommen wird, um die Dachauer NS-Geschichte ganz im AfD-Stil in der großen und langen Geschichte der Stadt als Künstlerkolonie aufgehen zu lassen. Die Stadt, auch kein Politiker, hat sich zu dem Anschlag auf den Dachauer Ehrenbürger, die Auszeichnung erhielt Mannheimer 2011, geäußert. Es geht um das Andenken eines Mannes, dessen meisten Familienmitglieder in Auschwitz-Birkenau vergast wurden, und der die Hand ausgestreckt hat - für Demokratie und Toleranz kämpfte und für Dachau im Ausland eingetreten ist. Hilflosigkeit oder Gleichgültigkeit ebnen dem Antisemitismus den Weg. Knobloch: Politik, Sicherheitsbehörden und Bildungseinrichtungen müssten den Kampf gegen Judenhass stärker in den Fokus nehmen.

Nach Mannheimers Tod prangten in der Stadt Plakate mit seinem Konterfei: "Deine Erinnerungen werden stets unsere Mahnung sein", stand darauf zu lesen. Ein Versprechen - ohne Verfallsdatum.