Erinnerungskultur:Über Geschichten stolpern

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Rundgang Stolpersteine

Die Schülerinnen Charlotte Hofner (links) und Annika Nitsche (rechts) säubern sorgfältig den Stolperstein, der an Samuel Gilde gedenkt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das dritte Jahr in Folge werden die Gedenktafeln in Dachau poliert und die Geschichten der Opfer erzählt

Von Felix von den Hoff, Dachau

Einer der Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig seit 2005 in Dachau verlegt hat, erinnert an Samuel Gilde. Die kleine Gedenktafel aus Messing ist vor der St.-Peter-Straße 2 in Augustenfeld in den Boden eingelassen - seinem letzten selbst gewähltem Wohnort. Der 1874 in Litauen geborene Arzt kam dort im November 1938 im Haus des jüdischen Schriftstellers Hermann Gottschalk unter, welches in der NS-Zeit "arisiert" wurde und auch heute noch dort steht. Wegen des Berufsverbotes der Nationalsozialisten gegen jüdische Ärzte hatte Gilde in den Wochen zuvor seine Praxis in München aufgeben müssen. Gerade erst in seinem neuen Zuhause angekommen, floh er bereits am 10. November desselben Jahres nach der sogenannten Pogromnacht aus Dachau, wurde jedoch bereits am 12. November verhaftet und ins KZ Dachau gebracht. Nach seiner Entlassung im Dezember versuchte er vergeblich, in die USA auszuwandern. Mit 68 Jahren wurde er 1942 zunächst zur Zwangsarbeit in Flachsröste Lohof verpflichtet und kurz darauf ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er am 30. Juni 1944 im Alter von 70 Jahren ermordet wurde.

Es ist nur eine der Geschichten, die Brigitte Fiedler, Gästeführerin der Stadt Dachau, am Dienstag Vormittag bei einem Stadtrundgang entlang der Stolpersteinen erzählt. An diesem Tag, 83 Jahre nachdem jüdische Bürgerinnen und Bürger die Stadt noch vor Sonnenaufgang verlassen mussten, gehe es um Erinnerung, stellt sie gleich zu Beginn fest. Die könne zwar in vielen Teilen schmerzhaft werden, es sei aber wichtig, "Erinnerung zu pflegen". Um dies auch wortwörtlich zu tun, begleitet sie eine Gruppe von Schülern des Ignaz-Taschner-Gymnasiums, die die Stolpersteine reinigen und polieren. Erstmals hatte diese Aktion vor drei Jahren auf Initiative des Arbeitskreises Stolpersteine stattgefunden, dem das Dachauer Forum und die Evangelische Versöhnungskirche angehören.

Seit 1992 verlegt Demnig die kleinen Messingtafeln, um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Den getöteten Juden, politisch oder religiös Verfolgten, Sinti und Roma, Homosexuellen und Euthanasie-Opfern gibt er so ihren in der Zeit des Nationalsozialismus oft zu Nummern degradierten Namen zurück - und damit die Erinnerung an sie und ihre Geschichten. Denn "ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagte Demnig einmal. Die 750 00 Stolpersteine, die er mittlerweile in Deutschland verlegt hat, gelten inzwischen als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Insgesamt 15 davon liegen in Dachau und erinnern an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die um die Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 vertrieben und im Holocaust ermordet wurden. 2005 verlegte Demnig in Dachau die ersten Gedenksteine für verfolgte Juden, bevor 2014 und 2017 weitere Gedenksteine für politisch Verfolgte, Homosexuelle und Euthanasie-Opfer hinzukamen.

Zum Ende des diesjährigen Spaziergangs erzählt Brigitte Fiedler die Geschichte von Alwine Dölfel, die am 19. Juni 1931 in Dachau geboren wurde. Nach einer Impfung erkrankte das Mädchen mit vier Jahren schwer und konnte plötzlich nicht mehr laufen, sitzen und sprechen. Die behandelnden Ärzte im Kinderhaus der psychiatrischen Anstalt Eglfing-Haar stellten jedoch nur Defizite in der Entwicklung fest und bezeichneten das Kind als "blöd". Als sie im Dezember 1938 aus der Klinik entlassen wurde, sah sich ihre Familie bald von der Pflege des behinderten Mädchens überfordert und entschloss sich, sie in die Pflegeanstalt Schönbrunn zu bringen. Dort besuchten die Eltern und ihre zwei jüngeren Geschwister sie jeden Sonntag. Im Juni 1944 gehörte Alwine zu den 47 Kindern, die, um Platz für eine anderweitige Nutzung der Anstalt zu schaffen, erneut in die Heilanstalt Eglfing-Haar verlegt wurden. Vom Stationsarzt als "hochgradig pflegebedürftiges idiotisches Kind" beschrieben, wurde ihr eine Überdosis des Medikaments Luminal verabreicht. Als Opfer der Kinder-Euthanasie wurde sie im Alter von 13 Jahren am 1. Oktober 1944 in der "Kinderfachabteilung" der Heilanstalt Eglfing-Haar ermordet. Im Mai 2017 verlegte Gunter Demnig einen Stolperstein vor ihrem Elternhaus in der Augustenfelder Straße.

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