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Erinnerungsarbeit:Liebe und große Tragik in schwieriger Zeit

Zeitzeugengespräch

Etti Zilber erzählt von unermesslichem Leid, von Grausamkeit, aber auch von Lichtblicken, einem kurzen Aufblitzen von Menschlichkeit.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Etti Zilbers Mutter überlebte den Holocaust nur knapp. Ihre Geschichte soll sich nicht wiederholen, mahnt die Tochter

Sechs Millionen. Mehr als die Einwohnerzahlen von Berlin und München zusammen. Mehr als die Bevölkerungszahlen von 117 Ländern. Sechs Millionen, so viele jüdische Opfer forderte der nationalsozialistische Völkermord. Alle mit einem eigenen Namen, einer eigenen Geschichte. "Das ist eine Zahl, die für viele schwer vorstellbar ist", sagt Etti Zilber, deren Mutter den Holocaust überlebte, aber einen großen Teil ihrer Familie verloren hat. Nun sitzt Zilber im Auditorium der Bavarian International School (BIS) in Haimhausen und erzählt die Geschichte jener Frau, die ihre Mutter war. Es ist eine Geschichte über Liebe, große Tragik und den unbedingten Willen zu leben.

Es ist Juni 1941. Zlata Santocki Sidrer ist gerade 16 Jahre alt, als die Nazis in ihre Heimatstadt, das litauische Kaunas, einfallen. Gemeinsam mit ihrer Familie und vielen anderen wird Sidrer in das berüchtigte "VII. Fort" gebracht, das am nördlichen Stadtrand von Kaunas liegt. Männer und Frauen werden getrennt. Jeden Tag hören die Frauen, wie Männer erschossen werden, schon bald verwandeln sich die grünen Hügel rings um das Fort in Massengräber. Nach einigen Wochen schließlich werden die Frauen und Kinder wieder nach Hause geschickt, darunter auch Zlata Sidrer. Wie durch ein Wunder überlebt auch Sidrers Großvater, er hat in einer Gestapoküche Arbeit gefunden. Im August 1941 pferchen die Nazis Sidrer und ihre Angehörigen zusammen mit 30 000 anderen Juden in ein Ghetto am Stadtrand ein. Überall ist Chaos, Menschen schreien, suchen ihre Familien. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, Seuchen und Krankheiten grassieren.

Auf die Leinwand im Auditorium der BIS werden jetzt Fotos projiziert. Heimlich und unter Lebensgefahr von einem mutigen Gefangenen aufgenommen, zeigen sie das harte Leben innerhalb des Ghettos, zeigen einen toten Familienvater, der gehängt wurde, weil er Lebensmittel für seine Familie gestohlen hatte. Die Zuhörer in Haimhausen sind ganz still, als Etti Zilber fortfährt mit ihren Erzählungen. Sie erzählt von einem Tag im Jahr 1943, an dem sich alle Bewohner des Ghettos auf dem Appellplatz versammeln müssen und in zwei Gruppen aufgeteilt werden. Linke Seite, rechte Seite. Wer nach links kommt, wird erschossen, 9 000 Menschen sterben an diesem Tag, darunter auch eine Tante Sidrers.

Im März 1944, den Nazis schwant, dass sie den Krieg nicht gewinnen werden, kommen sie mit Lastwagen ins Lager, transportieren Kinder, Alte und Kranke in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ab - und töten sie. Als die Eltern bemerken, dass ihre Kinder fehlen, hallen Schreie durch das Ghetto. Bei allem Leid, aller Grausamkeit, gibt es immer wieder Lichtblicke, ein kurzes Aufblitzen von Menschlichkeit. Im Ghetto lernt Zlata Sidrer einen Mann, Etti Zilbers späteren Vater, kennen. Die beiden heiraten inmitten allen Elends im Ghetto. "Wenn wir schon sterben, dann wenigstens mit ein bisschen Glück", soll Sidrer ihrer Tochter später erzählt haben.

Die Sowjets stehen da bereits kurz vor den Toren Kaunas. Die Nachricht über den baldigen Einmarsch der Alliierten spricht sich auch im Lager herum. Jeder versucht, zu überleben, versteckt sich. Die Deutschen stecken das Lager in Brand, viele sterben, doch Sidrers Mann gelingt die Flucht. Wer das Feuer überlebt, wird von den Nazis evakuiert.

Die Frauen, darunter auch Sidrer, kommen in das Konzentrationslager Stutthof, 27 Kilometer östlich von Danzig. Die Männer kommen ins KZ nach Dachau. Von Stutthof aus müssen Sidrer und Tausende andere im August 1944 einen Todesmarsch Richtung Norden antreten. Krankheiten greifen um sich, es ist ein Marsch, den viele nicht überleben. Etti Zilber wird ebendiese Strecke später nachlaufen, sie sucht die Orte auf, wo ihre Mutter schlief: Kirchen, Scheunen, auch ein Gefängnis.

Plötzlich, an einem Morgen des 10. März 1945, sind die Nazis weg, geflohen vor den Alliierten. Aber Zlata Sidrer kann sich erst nicht freuen, sie ist zwar befreit, aber halb tot. Als es ihr schließlich besser geht, ist ihr erster Gedanke: "Was ist mit meiner Familie?" In Europa herrscht Chaos. Wie verschollene Familienangehörige finden, in einer Zeit fernab von Smartphones und Facebook? Sidrer hat Glück, sie findet erst ihren Großvater, dann andere Familienangehörige und schließlich auch ihren Mann. Später dann, die Familie findet mit zarten Schritten ins Leben zurück, bringt Zlata Sidrer ihre erste Tochter auf die Welt. Ihr Name: Etti Zilber.

Ebendiese steht jetzt an diesem Abend auf der Bühne der Bavarian International School und sagt: "Die Geschichte meiner Mutter, sie ist auch meine Geschichte." Seit sie geboren wurde, habe Zilber gewusst, dass sie anders sei. Die Autorin hat die Geschichte ihrer Mutter in einem Buch zusammengefasst. Sie hält Vorträge, an Schulen rund um den Globus. "Die Welt darf nicht vergessen, was geschehen ist", sagt Zilber. Und weiter: "Denn Antisemitismus und Rassismus kommen zurück, in Amerika, aber auch in Deutschland".

Etti Zilbers Mutter wurde 90 Jahre alt, sie starb vor vier Jahren. Nicht mit ihr gestorben sind jedoch die Erinnerungen an ihre Geschichte und die Mahnung, dass sich niemals wiederholen darf, was geschehen ist. Und das ist auch Etti Zilbers Verdienst.

© SZ vom 19.11.2019

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