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Erinnerung an einen Widerstandskämpfer:"Vorbild für die Jugend"

Josef Pröll, 2019

Der Filmemacher Josef Pröll ist seit vielen Jahren in der Lagergemeinschaft Dachau engagiert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Charlotte Knobloch ehrt den Filmemacher Josef Pröll bei der Verleihung des Willi-Ohlendorf-Preises

Der Film "Die Stille schreit" hat ihm Nerven, Gesundheit und viel Lebenszeit gekostet - jetzt nach mehr als vier Jahren Arbeit ist Josef Pröll, Jahrgang 1953, erst einmal platt, aber auch glücklich. Sein Dokumentarfilm über das Schicksal einer jüdischen Familie in Augsburg während des Nationalsozialismus läuft landauf und landab in Kinos, auf Festivals und in vielen Einrichtungen - und soll wohl auch noch nach Dachau kommen. Nun hat die Bobinger SPD im Landkreis Augsburg Josef Pröll mit dem Willi-Ohlendorf-Preis ausgezeichnet.

Der Namensgeber war ein Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und wurde zu sechs Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt. Danach verschleppten ihn die Nazis über das Konzentrationslager Dachau in ein Außenlager des KZ Buchenwald, wo er am 26. November 1944 erkrankt und völlig erschöpft gestorben ist. Willi Ohlendorf wurde 42 Jahre alt. Josef Pröll erzählt die Geschichte der Unternehmerfamilie Friedmann in Augsburg: Ihnen wurde alles genommen, Immobilien und Firmen zwangsverkauft. Einen Tag vor ihrer Deportation nahmen sich die Großeltern Friedmann in Augsburg das Leben. Die Großeltern Oberdorfer wurden in Auschwitz ermordet. Die Enkelin Miriam Friedmann, deren Eltern die Flucht in die USA gelungen war, arbeitete intensiv bei den Dreharbeiten mit. Nach 21 Jahren kamen Elisabeth und Fritz Friedmann nach Deutschland zurück und lebten bis 2008 in Friedberg bei Augsburg.

Der akribisch recherchierte Dokumentarfilm zeigt, wie deutsche Juden ausgegrenzt, verfolgt, ausgeraubt und schließlich ermordet wurden. Nicht nur die Gestapo, auch die Behörden wie die Finanzämter waren an dem Verbrechen beteiligt. Viele Bürger haben von der "Arisierung" jüdischen Besitztums profitiert und sich persönlich bereichert. Bis heute breitet die Gesellschaft, auch in Augsburg, eine Decke des Schweigens darüber. Prölls Film erzählt in einer bewegenden Bildersprache auch vom Leugnen und Verdrängen der historischen Schuld der Deutschen.

Die Auszeichnung hat ihn, wie Pröll der SZ Dachau sagt, riesig gefreut. Vor allem auch die Laudatio, die Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, auf ihn hielt. Sie bezeichnete Josef Pröll als "Vorbild für die Jugend" und dankte ihm, dass er sich ganz dem Kampf gegen das Vergessen verschrieben habe. In der evangelischen Kirche in Bobingen sagte Charlotte Knobloch: Josef Pröll halte mit seinem Film die Erinnerung an diese Familiengeschichte wach, auch an andere Opfer der Schoah in Augsburg und Umgebung. Charlotte Knobloch erinnerte an die Familiengeschichte Prölls, dessen Großvater durch Zwangsarbeit im Konzentrationslager Dachau getötet worden ist. Auch sein Vater und andere Familienmitglieder, die im Widerstand kämpften, wurden in Konzentrationslager verschleppt, seine Mutter als Mädchen von der Gestapo verfolgt und verhaftet. Der Filmemacher ist seit vielen Jahren in der Erinnerungsarbeit in Dachau engagiert und Mitglied im Präsidium der Lagergemeinschaft Dachau. Charlotte Knobloch warnte eindringlich vor der aktuellen demokratiefeindlichen Entwicklung im heutigen Deutschland. Sie kritisierte, dass Judenfeindlichkeit und "nationalistisches Gedankengut" heute wieder hoffähig seien. Gerade deshalb ist es wichtig, an den Mut von Menschen zu erinnern, die sich aus Überzeugung den Nationalsozialisten entgegengestellt haben.

Josef Pröll erklärte in seiner Dankesrede seine Beweggründe. Er wolle deutlich machen, dass die Demokratie in Deutschland aus Unheil und unmenschlicher Geschichte entstanden sei. Unter anderem kritisierte er die Gleichgültigkeit in Bevölkerung und Politik: So habe er einen lauten Aufschrei in Deutschland vermisst, nachdem ein AfD-Politiker die NS-Zeit mit einem "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte verglichen habe. Der Filmemacher appellierte: "Wir müssen aufstehen und handeln, und zwar jetzt!"

© SZ vom 20.02.2020 / hz
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