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Traditionelle Wirtshäuser:Fixpunkt seit Jahrhunderten

Das Wirtshaus am Erdweg ist seit dem Mittelalter eine Anlaufstelle für Reisende und die örtliche Bevölkerung. Es hat viele Kriege überdauert und Adlige, Söldner oder Flüchtlinge beherbergt. Auch die jüngere Geschichte der Tafernwirtschaft ist bewegt.

Von Benjamin Emonts, Erdweg

Man kann teilweise nur erahnen, wie es im Spätmittelalter im Wirtshaus am Erdweg zugegangen ist. Der Heimatforscher und Historiker Wilhelm Liebhart geht jedenfalls davon aus, dass die Ankommenden meist einen beschwerlichen Weg hinter sich hatten. Die mittelalterliche Handelsstraße zwischen Augsburg und München war bei schlechter Witterung schlammig und schwer befahrbar, die Pferde und Ochsen wurden rasch müde. Die Tafernwirtschaft hatte daher Stallungen, in denen die Lasttiere rasten oder gar ausgetauscht werden konnten. Die reisenden Handelsleute, Studenten, Söldner und Adligen übernachteten und stärkten sich in der Wirtschaft. Sie tranken Wein, Bier, Met oder Branntwein. Auf den Tellern landete wohl auch Ochsenfleisch. Denn unweit von Erdweg verlief einst ein sogenannter Oxenweg, auf dem von Ungarn aus Tausende Grauochsen nach Altbayern getrieben wurden.

Heute, mehr als 500 Jahre später, lässt man die Fantasie gerne schweifen in jene geheimnisvolle Zeit. Man sieht die geschafften Menschen, wie sie ihre Pferde absatteln oder wie sie ihre Zeche mit Münzen aus kleinen Ledersäckchen bezahlen. Inzwischen kommen die Menschen mit dem Fahrrad oder Auto ins frisch sanierte Wirtshaus am Erdweg, sie bestellen Gerichte aus einer glänzenden Speisekarte, die sie später mit einer Plastikkarte bezahlen. Die große Historie des Wirtshauses aber sollten die Gäste von Wirtin Gabriele Reyer auch heute noch spüren. Denn das war eines der großen Anliegen, als das Gebäude vor wenigen Jahren für einen Millionenbetrag saniert wurde: Die Besucher sollen ahnen, wie es früher hier ausgesehen hat.

Das Wirtshaus am Erdweg wurde 1468 erstmals urkundlich erwähnt

Das Wirtshaus am Erdweg wurde 1468 erstmals urkundlich erwähnt, als Tafernwirt wird ein Rudel (Rudolf) und seine Hausfrau Katharina genannt. Heute zählt das Wirtshaus zu den ältesten und bedeutsamsten weltlichen Baudenkmälern im Landkreis Dachau. Römer hatten die Straße, die an dem Wirtshaus vorbeiführte, einst für militärische Zwecke erbaut, doch blieb sie bis ins Mittelalter eine bedeutende Handelsstraße und Lebensader für die Menschen. Schon früh soll es hier eine Herberge und Verpflegungsstation gegeben haben. Hunderte Jahre war das Wirtshaus eine sogenannte Ehaftstaferne oder Hofmarkstaferne, wie es sie viele entlang der Handelsstraßen gab. Als Ehaften wurden ab dem Spätmittelalter konzessionspflichtige Betriebe wie etwa Tavernen, Mühlen oder Schmieden bezeichnet. Ihr Eigentümer war der jeweilige Hofmarksherr, der sie gegen Bezahlung verlieh. Das Einrichten einer solchen Taverne gehörte zu seinen Privilegien. Konkurrenz durfte er untersagen, seine Untertanen waren gezwungen, die Taverne für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten zu nutzen. So entstand auch in Erdweg ein lokales Monopol. Die Pächter lieferten dem Schlossherren in der Nachbarortschaft Eisenhofen Brot, Bier und Wein. Im Gegenzug erhielten sie Brennholz, Kies und Bauholz zum Erhalt der Brücke über die Glonn. Bis ins 18. Jahrhundert waren der Unterhalt der Glonnbrücke und der Einzug des Brückenzolls wichtige Aufgaben der Erdweger Wirte. Das Bewirtungsmonopol machte die Pächter meist zu wohlhabenden Menschen.

Petersberg

Nach der Einkehr im historischen Wirtshaus am Erdweg bietet sich ein Abstecher auf den Petersberg an, auf dem erhaben die mehr als 900 Jahre alte romanische Basilika St. Peter und Paul thront. Zu Fuß ist der spirituelle Ort in zehn Gehminuten von Erdweg aus zu erreichen. Die kurze Wanderung lohnt sich. Vorbei an einem Skulpturenweg geht es durch einen märchenhaften Wald hinauf zu dem Gotteshaus, einem Kleinod und kulturgeschichtlichen Denkmal, das lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Die Basilika wurde Anfang des 12. Jahrhunderts von Benediktinermönchen erbaut. Sie ist einer der ältesten Sakralbauten Altbayerns und eine der wenigen Kirchen, die in ihrer romanischen Architektur nahezu unverfälscht erhalten sind. Es ist ein Ort zum Innehalten, ausgewogene Maßverhältnisse, klare Proportionen und Wandmalereien verleihen dem Gotteshaus seine besondere Schönheit und Würde. Wer danach nicht genug hat, der kann vom Petersberg aus weiter bis zum Kloster in Altomünster spazieren, auf einem meditativen Wanderweg. Er führt über neun Kilometer vorbei an 14 Stationen mit Kunstwerken, Hinweistafeln und Sinnsprüchen. In Altomünster angekommen, sollte man unbedingt das Bier der örtlichen Brauereien Maierbräu und Kapplerbräu kosten. Zurück geht es dann mit der S-Bahn, die von Erdweg und Altomünster mit Halt in Dachau bis nach München fährt. Benjamin emonts

Zeitweise gehörten zu dem Wirtshaus auch große Ländereien. Als 1520 der bayerische Jurist und Politiker Leonhard von Eck, seinerzeit einer der größten Grundherren Bayerns, in den Besitz der Hofmark kam, übertrug er weite Felder und Wiesen auf die Taverne, die so zu einem großen Hofgut wurde. Das Wirtshaus am Erdweg überdauerte so den Dreißigjährigen Krieg, die Spanischen Erbfolgekriege und beide Weltkriege. Schweden, Franzosen, Engländer, Holländer und später Amerikaner zogen hier über die Lande.

Doch auch die jüngere Geschichte des Wirtshauses ist bewegt. Während der Weltkriege blieb es ein wichtiger Anlaufpunkt für die Menschen. In Erinnerung geblieben sind die Eheleute Rosina und Josef Luegmair, die das Wirtshaus seit 1920 gepachtet hatten und als leidenschaftliche Wirtsleute und Bauern galten. Nach Kriegsende brachten sie im Obergeschoss mehrere Flüchtlingsfamilien unter. Als der sportbegeisterte Sohn übernahm, wurde das Wirtshaus in den Fünfzigern zum ersten Vereinslokal und zeitweise zum Umkleide- und Waschraum der neu gegründeten Spielvereinigung Erdweg.

Trotz der Bedeutung des Hauses konnte sich der Erdweger Gemeinderat in den Neunzigern lange nicht dazu durchringen, das Gebäude zu kaufen. In dem Gremium war eine heiße Debatte entbrannt. Die Sanierungskosten von zwei bis drei Millionen D-Mark waren dem Bürgermeister und der Mehrheit der Räte zu hoch. Erst als das denkmalgeschützte Haus im Jahr 2000 erneut angeboten wurde, schlug die Kommune zu. Man zahlte rund 300 000 Euro. Im Jahr 2006 verlor das stark sanierungsbedürftige Gebäude jedoch seine Gaststättenkonzession und stand mehrere Jahre leer. Die Gemeinde schmiedete zwar lose Sanierungspläne, doch vorwärts ging nichts. Inmitten von Erdweg konnte man das Wirtshaussterben live beobachten.

Bürger entschließen sich zur Rettung des Wirtshauses

Umso schöner ist das vorläufige Happy End. In einer bierseligen Runde hatten sich Bürger dazu entschlossen, das Projekt in die Hand zu nehmen. An jenem Abend, von dem im Dorf noch oft erzählt wird, gründeten sie die Interessengemeinschaft Wirtshaus am Erdweg. Eine breite Mehrheit der Dorfbewohner unterstützte die Initiative. Von Oktober 2011 bis 2015 wurde das Wirtshaus für 3,4 Millionen Euro aufwendig restauriert und barrierefrei umgebaut. Maßgeblich beteiligt waren neben Kirchenmalern, Handwerkern und Archäologen rund 50 Bürger aus der Gemeinde. Sie leisteten 2700 ehrenamtliche Arbeitsstunden.

Das Projekt war so spektakulär, dass die Gemeinde und die IG im Jahr 2016 die Denkmalschutzmedaille des Freistaates Bayern verliehen bekamen. Bei der Sanierung wurden die Räume, soweit es ging, in ihrem historischen Zustand belassen. Ein alter Ziegelboden wurde nachgebaut, Tonnengewölbe freigelegt und Fassadenmalereien wie jene der Madonna von Taxa retuschiert. Besonders beeindruckend ist der Tafernsaal unter dem freigelegten Dachstuhl, der einst ein großer Kornspeicher war. Er ist die Herzkammer des neu erweckten Lebens in der Ortschaft.

Neben der IG Wirtshaus hatte sich in Erdweg auch ein Kulturverein gegründet, um dem Ort neues Leben einzuhauchen. Gemeinsam mit der IG erhielt der Verein im Juli 2016 für sein Engagement den Tassilo-Hauptpreis der Süddeutschen Zeitung. Die Kabarettistin und damalige Laudatorin Monika Gruber wurde bei der Preisverleihung gefragt, ob sie nicht mal in dem Wirtshaus auftreten wolle, worauf sie nur antwortete: "Freilich kimm i." Im November 2017 stand sie dann im Tafernsaal auf der Bühne. Ein grandioser Abend vor 300 Zuschauern. Und es war erst der Anfang. Vor der Corona-Krise organisierte der Kulturverein serienmäßig Konzerte, Kabarett und Ausstellungen. Wie einst im Mittelalter ist das Wirtshaus wieder eine wichtige Anlaufstelle für die Menschen.

© SZ vom 28.08.2020

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