Wenn der Kulturverein Erdweg eine Band zum Auftakt seiner Jubiläumssaison zum zehnjährigen Bestehen wieder ins Wirtshaus am Erdweg einlädt, um dort unter altem, verwinkeltem Gebälk ein Konzert zu geben, dann hat das Aussagekraft. War man im vergangenen Jahr dabei, als das Bluestrio „Muddy What?“ hier erstmals gastierte, weiß man, dass diese Entscheidung nahezu alternativlos ist: Man kann kaum genug von dieser Band bekommen, der Gewinnerin der German Blues Challenge 2021.
Auf den ersten Blick ist die Besetzung Standard: Sologitarre, Rhythmusgitarre, Schlagzeug, Gesang. Aber Moment, ist wirklich kein Bass dabei? Im Gitarrenständer lehnt eine ganze Instrumentensammlung. Aber nein, ein E-Bass findet sich nicht darunter. Das ist schon mal eins der besonderen Charakteristika: Fabian Spang ist nicht nur Bluessänger mit hervorragender stimmlicher Präsenz, er ist zugleich das instrumentale Kraftzentrum dieser Musik.
Kleine Verzierungsmuster, schwebende Harmonien
Was er auf der Gitarre spielt, ist so filigran, dass seine Begleitfiguren wie ein Kontrapunkt zur Sologitarre wirken. Nicht nur Akkorde, sondern Linien, die sich durchs Arrangement ziehen, kleine Verzierungsmuster, schwebende Harmonien. Zugleich sind seine Gitarren in den Verstärkereinstellungen mit so viel tiefen Frequenzen ausgestattet, dass sie dem Klang einen wohligen, massigen Körper verleihen – und somit eben auch den Basspart übernehmen.
Zwei der vielen Gitarren stechen dabei hervor: die elektrisch verstärkten Resonatorgitarren. Hängt sich Fabian Spang eine davon vor die Brust und steckt sich den Bottleneck über den Finger, tut sich plötzlich nicht nur eine Blueswelt auf, sondern tun sich derer gleich zwei auf. Um das zu verstehen, muss man den Blick aber erst mal vom mit weißem Hemd, schwarzer Weste und Hut gewandeten Fabian Spang nach links wenden, an Schlagzeuger Michi Lang noch vorbeigleiten lassen und auf Sologitarristin Ina Spang heften. Sie verkörpert in so ziemlich allen Belangen das Gegenteil. Wo er den klassischen Bluesbarden gibt, wirkt sie mit ihrer rosaroten, verzierungsbommel-behängten Stratocaster-Gitarre, ihrer Haarpracht, ihrer Kleidung, ihrer Spielhaltung, als wäre Jimi Hendrix zurückgekehrt.
Es ist zum Niederknien
Dieser Eindruck hat die genannten optischen Gründe, er hat aber vor allem musikalische Gründe, denn was Ina Spang auf der Gitarre vollführt, ist zum Niederknien. Darin steckt die ganze Virtuosität der E-Gitarrenkunst vom mächtigen Jaulen und Wetterleuchten bis hin zu feinstem Flageolett und lupenrein kontrolliertem Feedback. Das Tonspektrum könnte nicht größer sein. Und diese Vielfalt ordnet Ina Spang stets der Melodik unter, denn egal in welcher Intensitätsstufe sie agiert, was sie spielt, das singt.
So umgarnt, umschmeichelt und umkreist ihre Gitarre wie eine interstellare Besucherin das Mississippidelta, aus dem Fabian Spang mit seiner Resonatorgitarre die Kraft seines Blues schöpft. Dieser Kontrast fügt sich wunderbar zusammen. Umso effektvoller, wenn Muddy Blues den Kontrast dann in etlichen Songs auch auflösen, Ina Spang zur Mandoline greift und statt singender Soli pizzikatoartige Zupfelemente ins Arrangement einwebt.
Kurzgeschichten von Ina Spang als Basis
Dieses wirkungsvolle Konzept trägt das Trio durch seine Eigenkompositionen, die häufig auf Kurzgeschichten von Ina Spang beruhen (die nicht nur Musikerin, sondern auch Autorin und Buchillustratorin ist), es trägt ebenso durch die herrlich eigenwilligen Adaptionen bekannter Stücke (Bob Dylan, Rolling Stones). Jimi Hendrix’ „Purple Haze“ zum Beispiel erkennt man beinahe erst bei der Textzeile „Excuse me while I kiss the sky“. Großartig.
Spang und Spang sind also die prägenden Figuren. Deshalb ist es so schön, dass sie das Finale Dominik Back am Schlagzeug überlassen. Es ist nicht sein erstes Solo des Abends, doch meistens war es seine Aufgabe, Gitarrengöttin und Bluesgott mit soliden rhythmischen Banden zusammenzuhalten. Jetzt, alleine auf der Bühne, zeigt er sein ganzes Können, den Groove virtuos zu dehnen, zu stauchen und auch als rein rhythmisches Moment solistisch atmen zu lassen. Schlussakkord und mehrere Zugaben. Hoffentlich nicht zum letzten Mal an dieser Stelle.

