Seit Jahren plant der Stromnetzbetreiber Tennet den Ersatzneubau einer gut 50 Kilometer langen Höchstspannungsleitung im Norden und Osten von München. Ein Raumordnungsverfahren ist bereits abgeschlossen, die nötigen Grundstücke sind weitgehend gesichert, der Boden ist untersucht. Anfang Januar hat die Regierung von Oberbayern das Planfeststellungsverfahren gestartet. Jetzt aber gibt es Probleme mit dem Naturschutz.
Die 380-Kilovolt-Leitung beginnt am Umspannwerk Oberbachern im Landkreis Dachau und endet im Umspannwerk Ottenhofen im Landkreis Erding, dazwischen kreuzt sie die Landkreise München und Freising.

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Im Erdinger Land kämpfte jahrelang die Bürgerinitiative „Starkstromleitung ja, aber mit Abstand zu Ottenhofen und Neuching/Lausbach“ gegen die von Tennet favorisierte Trasse, weil diese sehr nah an Wohnbebauung und Betrieben vorbeilaufe, wie Anwohner betonten. Im Petitionsausschuss im Landtag fand die BI-Trasse mehrheitlich Unterstützung. Die Regierung von Oberbayern hatte für beide Varianten bereits grünes Licht gegeben.
Dann die Wende: Im Mai 2025 verkündete Netzbetreiber Tennet, mit der von der BI geforderten Alternativstrecke „Finsinger Holz“ ins Genehmigungsverfahren zu gehen. Für das Verfahren habe Tennet „wichtige Optimierungen entlang der gesamten Trasse“ in die Planungen eingearbeitet, hieß es. Zudem sei die von der BI vorgelegte Alternativroute „Finsinger Holz“ „tiefergehend geprüft“ worden.
750 Menschen haben für eine Alternativroute unterschrieben
Die Alternativstrecke rief nun Finsing auf den Plan. Marcus Kleiner wohnt seit 35 Jahren in Finsing und bangt um den geschützten Bannwald, „den einzigen Wald, den wir in Finsing haben“. Noch im Sommer sammelte er 750 Unterschriften gegen die Route „Finsinger Holz“. Niemand in Finsing hätte gedacht, dass Tennet von seiner ursprünglichen Route abweichen und mit der Alternativtrasse der BI ins Rennen gehen würde, so Kleiner.
Kleiner fürchtet zudem, dass nicht nur der Wald Schaden durch die Trasse nimmt, sondern auch die Tierwelt. Schließlich lebe in dem Gebiet die geschützte Gelbbauchunke, eine streng geschützte, vom Aussterben bedrohte Spezies, um die sich der Verein „Arbeitskreis Natur und Umwelt“ aus dem benachbarten Neuching kümmert.
Vor wenigen Tagen traf sich eine Delegation von Tennet mit Marcus Kleiner und drei weiteren Finsingern. Catherin Krukenmeyer, Referentin für Bürgerbeteiligung bei Tennet, war mit einem Umwelt- und einem technischen Planer nach Finsing gekommen. „Es war ein konstruktives Gespräch“, sagt Marco Kleiner auf Nachfrage der SZ. Das bestätigt auch Catherin Krukenmeyer am Telefon. Sie sagt, dass im Bereich des Bannwalds zwei Masten geplant sind – allerdings nicht im Wald, sondern außerhalb. Beeinträchtigungen durch den Mastenbau am Waldrand werde es aber schon geben, so Marcus Kleiner.
Für die Leitungen selbst brauche man nicht in den Wald einzugreifen, erklärt Krukenmeyer. Diese könnten zum Beispiel mithilfe von Drohnen gespannt werden. Die Leitungen seien zudem so hoch, dass Bäume darunter hoch heranwachsen können. Bis auf 35 Meter sei möglich, sagt Marcus Kleiner. Eventuell müssten einzelne Bäume, die höher wachsen, entnommen werden, so Krukenmeyer. Aufforstungen werde es geben, mit den entsprechenden Grundstücksbesitzern sei Tennet in Kontakt.
Bleibt noch die Gelbbauchunke, deren Existenz auf dem Gebiet Tennet bisher nicht bekannt war. Das Thema sieht Krukenmeyer „unproblematisch“. Sollten im Zuge der Bauarbeiten die Tiere auftauchen, dann werden als Gegenmaßnahmen Amphibienzäune aufgestellt. Kleiner bleibt hier skeptisch. Aus Finsing werden sicher Einwendungen kommen, ist er überzeugt.
Im Dachauer Land ist der Kiebitz bedroht
Bevor die Stromtrasse den Landkreis Dachau verlässt und in den Münchner kommt, quert sie ein ökologisch wertvolles Gebiet, das Inhauser Moos. Auf knapp 50 Hektar haben sich dort trotz früherer Trockenlegung Reste eiszeitlicher Birkenwälder erhalten. Hier leben Ringelnattern und Blindschleichen, sogar seltene Orchideen wachsen vereinzelt. Schon beim Bau der Stromtrasse in den 1970er-Jahren hat man darauf wenig Rücksicht genommen, und auch die anstehenden Bauarbeiten werden großen Schaden anrichten.

Deshalb war anfangs auch eine Nordtrasse an der Hügelkante im Gespräch. Doch weil diese in Sichtweite des Hauptortes Haimhausen liegt, forderten eine Bürgerinitiative und die Gemeinde erfolgreich, unten im Moos zu bleiben.
Nicht akzeptieren will aber vor allem der Landesbund für Vogelschutz (LBV), dass südlich des Haimhausener Ortsteils Ottershausen das Kern-Brutgebiet der letzten Kiebitze im Inhauser Moos zerstört wird. Dort verläuft die Stromleitung derzeit am Ortsrand, künftig soll sie 500 Meter weiter nach Süden rücken. Mitten in das Brut-Kerngebiet des Kiebitzes, kritisiert der Dachauer LBV-Kreisvorsitzende Cyrus Mahmoudi seit Jahren.
Immer wieder hat der LBV gefordert, die Trasse noch einige hundert Meter weiter zu verschieben und das Gebiet zu überspannen, statt mitten hinein zwei Masten zu setzen. Schon im Raumordnungsverfahren, betont Mahmoudi. Dort aber sei der Konflikt in die Planfeststellung verschoben worden. „Auf einen Lösungsansatz seitens des Vorhabenträgers warten wir bis heute“, so Mahmoudi.
Laut Vogelschutzbund droht ein Verlust von Brutflächen
Außerdem ist der Verlust von insgesamt 60 Hektar Brutflächen laut LBV nicht ganz kompensiert. „Nach aktuellem Stand fehlen etwa zehn Hektar geeignete Flächen für Feldvögel wie die Feldlerche und Ersatzlebensräume für rund fünf Kiebitz-Brutpaare“, führt der Kreisvorsitzende aus. Stattdessen würden Grundeigentümer aufgefordert, gegen Entgelt Nistkästen oder Fledermauskästen zu installieren. „Für die überwiegend betroffenen Feldvögel kein fachlich sinnvoller Ausgleich“, so sein Urteil. Sein Eindruck sei, so Mahmoudi, dass Tennet kein ernsthaftes Interesse an einer naturverträglichen Planung habe, „stattdessen soll das Verfahren unter Berufung auf das ‚übergeordnete öffentliche Interesse‘ durchgesetzt werden“.
Die Planunterlagen sind seit auf der Internetseite der Regierung von Oberbayern unter https://s.bayern.de/planfestverf-enwg einsehbar. Betroffene können bis einschließlich Montag, 23. Februar, in schriftlicher Form Einwendungen gegen das Vorhaben in ihren Heimatgemeinden oder direkt bei der Regierung von Oberbayern erheben.

