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Entscheidung gefallen:Der lange Weg zum Mobilfunkmast

Nach sechs Jahren prüfen, diskutieren, streiten und verwerfen, hat der Pfaffenhofener Gemeinderat jetzt einen Standort für einen 40 Meter hohen Turm beschlossen. Die Kommune verpachtet ein Grundstück

Sechs Jahre lang haben die Pfaffenhofener gestritten, jetzt ist der Mobilfunkmast der Telekom beschlossene Sache. Im Oberen Glonntal soll er errichtet werden, direkt neben der Kläranlage nicht weit von der Kreisstraße zur Furthmühle. Das hat der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen. Der Telekom-Tochter Deutsche Funkturm GmbH (DFMG) wird dazu ein Areal an der Kläranlage verpachtet, auf dem ein 40 Meter hoher Turm erbaut werden kann - voraussichtlich in Gittermastbauweise. Allerdings geht dies nicht von heute auf morgen. "Das dauert vermutlich zwei bis drei Jahre", prognostiziert Bürgermeister Helmut Zech (CSU) im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Erst müsse der Pachtvertrag ausgehandelt, dann Bodenproben genommen und analysiert werde. Im Anschluss gehe es in die Planungsphase, so Zech.

Mobilfunkfirmen brauchen langen Atem, wenn sie einen Mast aufstellen wollen. Das zeigt der Planungsprozess in Pfaffenhofen an der Glonn. Etwa neun Jahre wird es wohl dauern bis die gewünschte Sendeanlage endlich steht. Im Januar 2013 teilte die Telekom der Nachbarkommune Egenhofen mit, dass man einen 40-Meter-Mast in einem Wäldchen am Südufer der Glonn aufstellen wolle. Rund 600 Meter südwestlich vom jetzigen Standort. Aus Denkmal- und Naturschutzgründen konnte das Projekt so nicht realisiert werden. Zudem hatte sich damals schon erheblicher Widerstand unter den Bürgern in Egenhofen, aber auch in Pfaffenhofen formiert. In der Folge begannen langwierige Debatten. Zahlreiche Aufstellungsorte wurden in Erwägung gezogen, seit Herbst 2017 auch in Pfaffenhofen. Fast alle verwarf man wieder.

Nahe der Pfaffenhofener Kläranlage wird bald ein zweiter Turm gen Himmel ragen: der Mobilfunkmast der Telekom.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Als im vergangenen Spätsommer eine Einigung zwischen dem ehemaligen Staatskonzern und dem Rathaus in Reichweite schien, schlugen die unmittelbar betroffenen Anwohner in Pfaffenhofen und Wagenhofen Alarm. Zech leitete im Herbst ein informelles Bürgerbeteiligungsverfahren ein, bei dem seine Mitbürgerinnen und Mitbürger ihre Sorgen äußern und Alternativstandorte nennen konnten. Im Rathaus ging darauf eine Unterschriftenliste mit 187 Namen ein - rund 100 aus dem Pfaffenhofener Gemeindegebiet, der Rest aus der Region, unter anderem aus der Lechrain-Kommune Mering. Zech betonte in den vergangenen Monaten bei jeder Gelegenheit, dass er die Sorgen Ernst nehme, aber dass es auch Befürworter des Projekts gäbe - ein Riss, der auch im Gremium zu spüren war.

Alles schien auf einen großen Showdown zwischen Gegnern und Unterstützern hinauszulaufen. Der 4. April sollte der Tag der Entscheidung sein, doch dann wurde er noch einmal verschoben. Zech entschärfte die Situation schließlich durch eine Vorab-Diskussionsrunde: Neben Zech, seinem Stellvertreter Harald Mang (AWG) und dem Bauamtsleiter der Kommune, Ludwig Absenger, nahmen vier Repräsentanten der Funkturmgegner teil samt deren Fachbeistand, der Münchner Diplom-Ingenieur Hans Ulrich, der kürzlich in Hebertshausen ein Gutachten abgegeben hat, sowie sein Kollege Thomas Bauer von der DFMG - er hatte das Vorhaben im vergangenen Herbst im Gemeinderat vorgestellt. Laut Zech dauerte das Gespräch rund zwei Stunden, "in einer sehr offenen und konstruktiven Atmosphäre". Man einigte sich auf ein unerwartetes Ergebnis: Der bis dato diskutierte Standort am Kreisverkehr zwischen Wagenhofen und Pfaffenhofen wird fallen gelassen, dem alternativen Aufstellungsort an der benachbarten Kläranlage stimmen die Gegner hingegen zu. Wenn auch zähneknirschend, wie aus der Wortmeldung von Gemeinderat Michael Gutmann (CSU/parteifrei) herauszuhören war. Der nun gefundene Platz sei "das kleinere Übel", so Gutmann. Wohl auch, weil Zech immer wieder erklärt hatte, dass die Gemeinde nur dann Einfluss auf das Bauwerk habe, wenn es auf ihrem Grund errichtet wird. "Wenn ein Mobilfunkbetreiber einen Vertrag mit einem Hausbesitzer abschließt und auf dessen Dach einen Sender setzt, sind uns die Hände gebunden", warnte der Bürgermeister.

Grenzwerte

In einem Bericht der Bundesregierung zu gesundheitlichen Auswirkungen des Mobilfunks vom 30. November vergangenen Jahres heißt es (Drucksache 19/6270): "Auf der Basis der neueren Forschungsergebnisse kann festgestellt werden, dass durch die geltenden Grenzwerte (...) die Bevölkerung ausreichend vor gesundheitlichen Auswirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder geschützt ist." Der Haken dabei, das macht auch die Regierung klar, ist, dass die Digitalisierung rasant zunimmt. Immer neue Technologien kommen zum Einsatz, deswegen sei ständige Forschung und Überprüfung der Strahlenbelastung notwendig, damit nicht unversehends die Grenzen überschritten sind. kram

Ein weiterer Vorteil des Kompromissstandorts ist, dass von dort nicht nur Wagenhofen und Pfaffenhofen versorgt werden können, sondern auch der größte Ort der Gemeinde, Egenburg, sowie der Odelzhausener Ortsteil Dietenhausen und die Südflanke Egenhofens.

Zuvor hatte Thomas Bauer von der DFMG den Gutachter Ulrich zitiert: Laut dessen Analyse betrage die Strahlung in den nächst gelegenen Gebäuden Wagenhofens (rund 400 Meter entfernt) und Pfaffenhofens (rund 300 Meter entfernt) nur drei Prozent des gesetzlichen Grenzwerts von vierzig Voltmetern. Gutmann zweifelte indes die Verfahrensweise dieser Berechnungen prinzipiell an - ohne freilich eine Alternative zu nennen. Sein Ratskollege Klaus Reindl (AWG) hielt ihm entgegen, dass "es keinerlei wissenschaftliche Beweise" für die Schädlichkeit dieser geringen Strahlungsmengen gäbe (siehe Kasten).

Andreas Riedlberger (CSU/parteifrei) schlug vor, Vorher-Nachher-Messungen in der Umgebung der Kläranlage zu machen. Zech griff die Idee auf und regte an, das gesamte Gemeindegebiet durch einen unabhängigen Gutachter auf geeignete Mobilfunk-Standorte absuchen zu lassen - so wie es Ulrich in Hebertshausen gemacht hat.

Die Frage ist, was passiert, wenn bei einer Nachher-Messung deutlich höhere Strahlungswerte festgestellt werden als erwartet. "Ich schätze, dass dann die Leistung gedrosselt wird oder Hausbesitzer weitere Schutzmaßnahmen ergreifen werden", spekuliert Zech. Laut Gutmann hilft zum Beispiel der Anbau von Fichten. Der Bürgermeister wiederum verweist auf die vielen Strahlungsquellen, die in den Haushalten gang und gäbe sind: vom schnurlosen Festnetztelefon über Wlan, diversen Bluetooth-Verbindungen bis hin zur funkgesteuerten Alarmanlage oder zur Mikrowelle. "Wer sich Sorgen macht, kann zu Hause sehr viel tun, um sich gegen Strahlungen zu schützen", schloss Zech.

Der Gemeinderat segnete den Funkturmstandort mit einer Gegenstimme ab, zusammen mit den Vorher-Nachher-Messungen sowie einer Untersuchung des kompletten Gemeindegebiets.