Engagement Niemals alleine

Die Karlsfelderin Birgit Schober hat in ihrem Leben einige Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Doch wo andere daran zerbrochen wären, entwickelte sie eine Vision: Tanzen gegen Drogen und Gewalt als Inspiration für Kinder und Jugendliche

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Am Anfang war es nur eine vage Idee. Ein Wunsch mal etwas Gutes zu tun, so wie ihn viele Menschen haben. Doch bei Birgit Schober ist daraus eine Lebensaufgabe geworden. Ihr Beruf ist inzwischen zur Nebensache geworden. Bis vor vier Jahren leitete sie noch eine Tanzschule, jetzt hat sie einen Bürojob, der ihr viel Zeit lässt für "Dance against". Im Dezember 2011 hat die Karlsfelderin den Verein gegründet, um sich an Schulen für ein drogen- und gewaltfreies Leben engagieren zu können. Tanzen war schon immer ihr Leben, deshalb kam sie auf die Idee, etwas von dem Glück, das sie dabei empfindet, abzugeben und für einen guten Zweck zu tanzen. Sie will damit etwas bewegen. X Fortbildungen hat Schober inzwischen besucht. Ihre ganze Energie, unendlich viel Zeit, ihr Können und auch ihr Geld hat sie in diese Vision investiert. Eines Tages, so hofft die 52-Jährige, wird "Dance against" bundesweit Kindern und Jugendlichen helfen, "nein" zu Drogen und zu Gewalt zu sagen. Aus eigener Überzeugung. So weit ihr Wunsch.

Aber wie soll das funktionieren? Vorträge und mahnende Worte, abschreckende Bilder und erhobene Zeigefinger gibt es ja genug. Genutzt haben sie nicht immer. Warum noch "Dance against"? Und wieso glaubt Schober, mehr Erfolg zu haben als alle anderen? "Wir wollen die Kinder stark machen fürs Leben", erklärt die Karlsfelderin ihr Konzept. "Eine Art Charakterschule. Prävention mit negativen Darstellungen funktioniert nicht. Das sieht man an Zigarettenwerbung." Der Fokus ihres Konzepts soll auf positiven Erfahrungen liegen: Integration statt Ausgrenzung. Gemeinsam ist man stark, nicht nur als Gruppe, sondern auch jeder einzelne, davon ist Schober überzeugt. Und so soll die Präventionsarbeit von "Dance against" in jeder Schule mit einem großen Flashmob beginnen. Alle Schüler von der fünften bis zur zwölften Klasse sollen mitmachen - auch die Lehrer. "Das erzeugt eine unglaubliche Verbundenheit", weiß die Tanzlehrerin. Eine Verbundenheit, die manch einem fehlt.

Die Ursache von Gewaltausbrüchen sei oft Mobbing, erklärt sie. Das hätten die letzten schlimmen Gewalttaten gezeigt, wie etwa der Amoklauf im Olympia Einkaufszentrum (OEZ) in München. Für die Betroffenen ist die Ausgrenzung, die vielen Schikanen und seelischen Quälereien eine schreckliche Erfahrung, die mit Rachegelüsten einhergeht. Andere versuchen der Realität durch Drogen zu entkommen. Schober will dem entgegenwirken. "In jedem von uns steckt etwas Gutes", sagt sie. Das will sie wecken. Lange hat sich die Karlsfelderin mit Psychologie und Pädagogik befasst, Ideen gewälzt und diskutiert. Noch intensiver hat sie sich aber mit dem Amoklauf im OEZ beschäftigt. Denn sie selbst war mitten drin, als im Juli 2016 die Schüsse fielen.

"Prävention mit negativen Darstellungen funktioniert nicht. Das sieht manan Zigarettenwerbung", sagt Birgit Schober.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Schober hatte sich zusammen mit ein paar anderen in einem winzigen Schuhgeschäft unweit des Tatorts verschanzt, als die Polizei die Räume stürmte. Auf der Flucht nach draußen blickte sie plötzlich in den Lauf eines Maschinengewehrs. "Hände hoch! An die Wand!", brüllte jemand. Es war zum Glück nicht der Täter, sondern ein Polizist. Dennoch, die Karlsfelderin hatte panische Angst. Erst nach und nach bemerkte sie, dass sie in einer Blutlache stand. Irgendwie gelangte sie nach draußen auf den Parkplatz. Sie wollte zu ihrem Auto, wegfahren, doch der Amokläufer schoss vom Dach herunter auf alles, was sich bewegte. Doch Schober hatte Glück: Sie entkam unverletzt. Die Tat hinterließ aber ihre Spuren: "Ich konnte das Haus nicht mehr verlassen. Ich hatte Angst und Panik", erzählt sie. Erst eine Traumatherapie befreite die Tanzlehrerin von den Schrecken des 22. Juli. "Gewalt kann jeden aus dem Nichts treffen", weiß sie jetzt.

Schüler sollen sehen, was Missachtung und Ausgrenzung auslösen können

Diese Erfahrung hat sie noch zielstrebiger gemacht. Schon während der Tat hatte Schober sich geschworen: "Ich war nicht umsonst dabei." Seither setzt sie allen Ehrgeiz daran, "Dance against" voranzubringen. 2010, als sie mit dem Projekt begann, waren Gewalt und Drogen noch kein Thema für die zierliche, gepflegte Frau. "Ein Glas Sekt und ich bin volltrunken", lacht Schober. Nicht einmal geraucht habe sie. Die Idee kam eigentlich vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK). An das hatte sich die Tanzlehrerin gewendet. Die Lebensretter brauchten damals Geld für einen Bereitschaftswagen in Karlsfeld und Schober wollte mit Tanzstunden an Schulen dafür Spenden sammeln. Doch der Vorstand winkte ab: "Die Eltern spenden nur, wenn es ihre Kinder betrifft. Drogen und Gewalt ist meist ein Problem an der Schule." Der Tanzlehrerin gefiel die Idee. Sie fragte sich nur: "Wie soll das gehen?"

Der Geschäftsführer von "Keine Macht den Drogen", Florian Beckenbauer, zeigte ihr einen Flashmob von der norwegischen Band Madcon, den diese beim Eurovision Songcontest 2010 während des Songs "Glow" gemacht hatte. Ein gigantischer Erfolg. Das begeisterte auch Schober. Auf der Dachauer Informations- und Verkaufsausstellung (Diva) wagte sie das Experiment: Als die Halle voller Gäste war, animierte sie die Leute, gegen Drogen und Gewalt zu tanzen. Als Moderatorin des Programms war es leicht für sie, fünf Minuten lang ein paar einfache Moves zu zeigen. Sie war selbst überrascht, wie freudig die Leute mitmachten. Selbst die Senioren reckten ihre Arme hoch. Dann streckte sie beide Daumen hoch und brüllte: "Let's dance!" Alle bewegten sich zur Musik. "Das war der Wahnsinn. Der Saal hat gekocht."

Doch die Schulen öffneten nicht sofort ihre Türen für diese Art der Präventionsarbeit. Die Direktoren zeigten sich zwar aufgeschlossen, verwiesen aber darauf, dass nur Vereine Zutritt erhalten, keine kommerziellen Tanzschulen. Schober fand sieben engagierte Mitstreiter und gründete mit ihnen "Dance against". Doch man war sich einig: Tanzen allein reicht nicht, um Jugendliche von Drogen und Gewalt fernzuhalten. Ein Konzept musste her. Anstöße gab vor allem die Sozialpädagogin Annette Schauer. Jetzt nach jahrelanger Arbeit ist es gereift. Mehr als 40 000 Euro hat das Projekt laut Schober bereits verschlungen. Eine stolze Summe. Seminare, Fortbildungen, ein Film und mehr als 20 Aktionen gegen Drogen und Gewalt haben ihren Preis. Nun fehlt das Geld, um das Erarbeitete zügig umzusetzen. "Wir brauchen Spender und Sponsoren." Mindestens 20 000 Euro wären nötig, sagt Schober. Also keine Kleinigkeit.

Zusammen mit Prince Damien brachte Schober 300 Jugendliche in Markt Indersdorf ins Tanzfieber

(Foto: privat)

Doch was hat der Verein mit dem Geld vor? Zwölf kleine Filme will "Dance against" drehen - am liebsten mit Schauspielern. Denn nach dem gemeinsamen Start des Präventionsprogramms mit einem großen Flashmob, an dem alle teilnehmen und ein Zeichen für ein drogen- und gewaltfreies Leben setzen, sollen die Schüler nicht allein gelassen werden. Sie sollen weiterhin jeden Monat mit Hilfe eines Films inspiriert werden, wie sie ihr Leben positiv gestalten können. So sollen sie auf diese Weise sehen, was zum Beispiel Missachtung und Ausgrenzung anrichten können und was im Gegensatz dazu Bestätigung auslöst. Thematisiert werden soll auch das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, erklärt Schober. Sie will die Schüler so zur Selbstreflexion anregen. Nach dem Konzept von "Dance against" sollen auch Lehrer entsprechend dieser Philosophie online geschult werden. Für Schüler will der Verein ein Online-Portal einrichten, den so genannten Future-Club. Außerdem stellt sich Schober zur Stärkung der Gemeinschaft Klassenausflüge vor. Denn das Sich-nicht-alleine-Fühlen und Gruppenzugehörigkeit sind zentrale Bestandteile der Präventionsarbeit.

Kann das gelingen? Ist es der große Wurf in der Präventionsarbeit, von dem Schober so schwärmt, oder ist auch dieses Konzept graue Theorie? Vieles klingt plausibel, dennoch kann man Zweifel haben. Nicht alle sind mit dieser Art der Pädagogik vertraut, aber einen Versuch ist es Wert. Die Schulleiterin der Adolf-Kolping-Berufsschule in München scheint jedenfalls überzeugt von "Dance against". Sie hat Schober die Tür geöffnet, damit sie mit ihren Schülern einen Flashmob einstudiert und den ersten Film dreht. Es ist eine Lehrerpräsentation für das Projekt.

Auch in Markt Indersdorf hatte die Karlsfelderin bereits Erfolg. Eines Tages rief eine 14-jährige Schülerin an und bat sie zu kommen. In ihrer Schule gäbe es akute Drogenprobleme, sagte die Jugendliche besorgt. Eine Art Hilfeschrei. Kurz zuvor war das junge Mädchen auf "Dance against" aufmerksam geworden, als der Verein anlässlich des Weltantidrogentags 2014 zusammen mit Prince Damien am Karlsfelder See ein Zeichen setzte. Hunderte waren auf die Wiese gekommen, um gemeinsam gegen Drogen und Gewalt aufzustehen. Der Fernsehstar von Deutschland sucht den Superstar war damals noch völlig unbekannt. Aber ihm gelang es im Nu, die Leute mit seinen Songs in Stimmung zu bringen. Schober zeigte eine kleine Choreografie, und bald streckte die Menge die Fäuste empor und wogte sanft zu "Easy breezy", dem Song von Prince. "Es hat mich stolz und glücklich gemacht", schwärmt die Tanzlehrerin noch heute. "Danach war ich drei Tage high." Und als die 14-Jährige anrief, war sie sogar noch glücklicher. Denn die Aktion in Karlsfeld hatte Früchte getragen. Zusammen mit Prince Damien brachte Schober die 300 Jugendlichen in Markt Indersdorf ins Tanzfieber. Schnell verbreitete sich ein enges Zusammengehörigkeitsgefühl. Immer wieder machten die Schüler zu "Easy breezy" eine Welle. Die Jugendlichen waren wie elektrisiert und "Dance against" das erste Mal am Zielort angekommen: einer Schule.

Schobers Verein setzt auf positive Erfahrungen,etwa durch das gemeinsame Tanzen.

(Foto: Birgit Schober/privat)

Prince Damien wurde "Botschafter für ein Leben frei von Gewalt und Drogen". 14 Mal trat er mit Schober gemeinsam auf, um ein Zeichen zu setzen. Darunter einige Male auf dem Streetlife-Festival in München. "Das war jedes Mal irre", schwärmt die Initiatorin. "Wir haben einen Flashmobmarathon gemacht: Fünf in zwei Tagen." Sie ist noch immer schwer beeindruckt, dass Tausende auf ihre Choreografie getanzt haben. Schober erzählt die Geschichte sehr gern.

Auch der Staat ist bereits auf sie aufmerksam geworden: Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler hat "Dance against" und seine Flashmobs bereits 2014 als "Projekt des Monats Dezember" ausgezeichnet. Auch das Bayerische Kultusministerium habe signalisiert, dass der Verein an den Schulen erwünscht ist, sobald alles ausgearbeitet ist, sagt Schober. Für die Karlsfelderin ist das eine "großartige Bestätigung" und Ansporn weiterzumachen. "Ich hätte nie gedacht, dass alles so eine Dimension annimmt", sagt sie staunend. Manchmal habe sie schon ans Aufhören gedacht, gibt sie zu. Vor vier Jahren etwa, als sie ihre Dachauer Tanzschule schließen musste, weil der Vermieter lieber ein Boxstudio in den Räumen eröffnen wollte. Oder als sie bei einem Wohnungsbrand alles verlor. Die Herzkrankheit ihrer Tochter brachte sie ebenfalls an den Rand ihrer Kräfte. Doch dann habe sie an die vielen persönlichen Schicksale gedacht, die viele Menschen ihr erzählt hatten, etwa von der schweren Alkoholabhängigkeit der Mutter, der Drogensucht des Bruders oder wie sie selbst im Strudel ihrer Krankheit langsam verschwanden. Ausschlaggebend war aber vor allem ihre eigene Gewalterfahrung im OEZ. "Es war ein Albtraum, als das Maschinengewehr auf mich gerichtet war", sagt sie noch einmal.