Süddeutsche Zeitung

Elektromobilität:"Es dauert und ist zäh"

Andreas Froschmayer aus Karlsfeld berät die Bundesregierung beim Klimaschutz. Er ist zuversichtlich, dass sich der Umweltbonus für Elektroautos als eine erste Initialzündung erweist

Interview von Gregor Schiegl

Der Dachauer Landrat hat eins, auch der Oberbürgermeister hat eins, und einige Gemeinden haben sie auch schon in ihrem Fuhrpark: Elektroautos. Auf den Straßen im Landkreis sieht man sie bisher allerdings nur selten. Das will die Bundesregierung mit einem "Umweltbonus" ändern, deutschlandweit. Seit Samstag können Autokäufer einen staatlichen Zuschuss beantragen; für reine E-Autos gibt es eine Kaufprämie von 4000 Euro, Hybridfahrzeuge werden mit 3000 Euro bezuschusst. Der Logistik-Experte Andreas Froschmayer aus Karlsfeld gehört zu einem Thinktank, der die Bundesregierung bei Klimaschutzmaßnahmen im Verkehrssektor berät. Er begrüßt die Autoprämie als wichtige Maßnahme zur Förderung der E-Mobilität, sieht aber auch die Kommunen in der Pflicht, eine gute Infrastruktur für E-Autos zu schaffen.

Herr Froschmayer, wie viel von dem, was sich Ihre Arbeitsgruppe ausdenkt, kommt tatsächlich in der großen Politik an?

In der Forschung kann man natürlich sehr kreativ sein und sehr viel wollen. In der Realität geht es auch um die Frage, was die Bürger wollen und was man sich leisten kann. Als wir angefangen haben mit dem Projekt "Renewbility", gab es unterschiedliche Antriebsformen, die man untersucht hat. In den jüngsten Jahren hat man gesehen, dass E-Mobilität wahrscheinlich die Zukunft sein wird, weil andere Antriebsformen entweder noch zu unausgereift sind oder zu gefährlich. Da der Straßenverkehr in Deutschland etwa 23 Prozent der CO₂-Emissionen ausmacht, kann E-Mobilität einen wichtigen Beitrag zum Erreichen unserer Klimaschutzziele leisten.

Vorausgesetzt man tankt nicht den Strom vom Kohlekraftwerk.

Die entscheidende Frage ist in der Tat, wie der Strom produziert wird und wie er transportiert werden kann. Die Energiewende hilft, die E-Mobilität präsenter zu machen und in der Gesellschaft zu verankern und zu reflektieren, woher unser Strom kommt. Das E-Auto ergibt ja nur einen Sinn, wenn ich den Strom auch aus nachhaltigen Energiequellen beziehe.

Wissen Sie, wie viele Elektro-Autos es im Landkreis mittlerweile gibt?

Das kann ich nur schätzen. Ich würde sagen vielleicht so an die 300, mehr nicht. Das ist noch ausbaufähig.

Wird die Kaufprämie der Bundesregierung dabei wirklich helfen? Nach Angaben des ADAC bleibt ein Großteil der aktuellen E-Modelle selbst mit der höchsten Prämie von 4000 Euro bei den Kosten pro Kilometer immer noch teurer als ein konventionelles Auto.

Diese Zahlen kenne ich, und es stimmt: Über den gesamten Lebenszyklus eines Autos vom Kauf bis zum Betrieb und dem Recycling ist das E-Auto noch etwas teurer. Aber die Prämie ist ein wichtiger Schritt, um die Differenz für den einzelnen Bürger zu verringern. Im Moment ist der relativ niedrige Benzin- und Dieselpreis noch ein Hemmschuh beim Umsteigen. Aber ich bin sicher, wenn der Spritpreis wieder anzieht, erleben wir eine Kaufwelle.

Wem würden Sie empfehlen, die Kaufprämie zu nutzen und ein Elektroauto anzuschaffen?

Wer Kurzstrecken fährt, die Lademöglichkeiten hat und ein bisschen Idealismus mitbringt, sollte jetzt kaufen. Es gibt schon Modelle, die den gängigen Ansprüchen genügen, wenn man nicht ständig lange Distanzen zurücklegen muss. Zur Not kann man sich über Carsharing auch mal ein anderes Auto mieten, man muss halt etwas flexibel sein. Zu lange warten sollte man nicht: Die Prämie, insgesamt 1,2 Milliarden Euro, wird ja nur einmal aufgelegt, danach ist sie weg. Was man noch erwähnen sollte: Käufer von E-Autos sind für zehn Jahre von der Kfz-Steuer befreit.

Deutschland wollte Leitmarkt für E-Mobilität werden. Das hat bisher ja nicht so richtig geklappt. Woran liegt es?

Natürlich sind die Hersteller nicht ganz unschuldig, sie haben nur langsam angefangen. Es gibt aber immer mehr und bessere E-Modelle, die auch vom Design interessant sind und nicht nur umgerüstete alte Autos sind. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass sich da einiges bewegen wird. Aber wir dürfen auch keine Illusionen haben und glauben, dass hier demnächst alle Elektroautos fahren.

Ist es tatsächlich ein Ansporn für Bürger, wenn sich Gemeinde und Landratsamt ein, zwei kleine Elektroautos kaufen?

Bei Elektromobilität geht es auch viel um Aufmerksamkeit. Ich denke, dass diese Signale bei einer Kaufentscheidung helfen. Zumindest rufen sie ins Bewusstsein, dass das Elektroauto eine Option sein kann. Es gibt ja auch viele Unternehmen, die sich eine E-Tankstelle hinstellen, viele lokale Banken machen das auch.

Wie gut oder schlecht ist das Netz von E-Tankstellen bei uns in der Region?

Die Stadt München hat in diesem Bereich schon viel getan, in Dachau haben wir auch schon einiges, in Karlsfeld ist es noch nicht so viel. Das wird die nächste politische Aufgabe in den großen Städten und Gemeinden sein: die Infrastruktur so weit zu verbessern, dass das Netz von Tankstellen und E-Betankung von Komfort und Dichte annähernd gleichwertig wird.

Spielt E-Mobilität in Ihrem beruflichen Kerngebiet, der Logistik, auch eine Rolle?

Im Güterverkehr ist Elektromobilität schon stark in Städten verbreitet. Wir testen selbst permanent in München in der City. Man wird den Nahverkehr zunehmend mit Elektro- oder Hybridfahrzeugen bedienen, während die großen Fernstrecken weiter mit Diesel zurückgelegt werden oder mit anderen Antriebsformen, die erst noch entwickelt werden. Es gibt schon die ersten kompletten Elektro-Lkws mit großen Tonnagen, aber die sind noch längst nicht wirtschaftlich.

Zur Person

Der Diplomkaufmann Andreas Froschmayer arbeitet bei einem weltweit tätigen Logistikunternehmen; dort ist er zuständig für die Unternehmensstrategie. Seit 2006 ist der Karlsfelder auch am Forschungsprojekt "Renewbility" beteiligt. Im Zusammenspiel mit Fachleuten und verschiedenen Instituten wie dem Öko-Institut werden dort für die Bundesregierung Szenarien zur Entwicklung des Verkehrssektors bis zur Mitte des Jahrhunderts entwickelt. Erforscht wird dabei auch, wie nachhaltige Energien in der Logistik, im Güter- und Personenverkehr eingesetzt werden können, um die Klimaschutzziele in Deutschland zu erreichen. Andreas Froschmayer ist selbst politisch engagiert: Seit 2008 sitzt er für die CSU im Gemeinderat Karlsfeld und ist als Anwohner der vierspurigen Münchner Straße auch persönlich stark von Verkehrsbelastung betroffen. gSL

Warum sind eigentlich im ÖPNV immer noch Dieselbusse unterwegs?

Auch das ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Wie viele Akkus muss ich verbauen, um eine bestimmte Masse zu ziehen? Das rechnet sich noch nicht.

Wenn im Jahr 2030 sechs Millionen E-Autos unterwegs wären, was würde das für Karlsfeld ändern - und konkret für Sie als Anwohner der Münchner Straße?

Die Emissionsproblem ist dramatisch, gerade an der Münchner Straße mit 40 000 Fahrzeugen. Dort wird sich graduell eine Verbesserung ergeben. Das liegt nicht nur an der Einführung von Elektrofahrzeugen, auch die herkömmliche Technologie für Diesel und Benzin verbessert sich permanent. Im Lkw-Bereich gibt es zum Teil bis zu 90 Prozent Emissionsverminderung beim Feinstaub, 60 Prozent Verminderung der Emissionen bei CO₂. Meine Hoffnung war immer, dass die Menschheit klug genug ist, das Problem in den Griff zu bekommen. Im Jahr 2030 wird das Thema Emission nicht mehr so gravierend sein, da bin ich sehr optimistisch.

Sind Sie zufrieden damit, wie die Regierung Ihre Ideen umsetzt?

Es dauert und ist zäh, es geht nur Schritt für Schritt. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich glaube, das ist psychologische und gesellschaftliche Trägheit, die uns behindert - die man aber akzeptieren muss. Die Technologie wäre ja da.

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Quelle:
SZ vom 08.07.2016
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