Eine unglaubliche Geschichte Dem Vergessen entrissen

Hans Köchl als Soldat im Ersten Weltkrieg.

(Foto: privat)

Hans Köchl, Ortsdiener von Prittlbach, stand den Priestern im KZ bei und riskierte sein Leben

Von Thomas Radlmaier, Dachau/Hebertshausen

Das Jahr ist noch jung, als eines nachts die Leichen im Konzentrationslager Dachau einzeln verbrennen. Normalerweise äschern die Nazis im Krematorium mehrere verstorbene Häftlinge gleichzeitig ein. Doch in dieser Nacht, es muss im März 1943 gewesen sein, fallen die Flammen über einen Menschenleib nach dem anderen her. Es ist eine gefährliche Geheimaktion. Der inhaftierte Priester Richard Schneider hat seine "Verbindung mit dem Capo des Krematoriums" genutzt, wie er viele Jahre später sagen wird. Schneider will die Toten retten. Wegen seiner Beziehung zum Kapo bekommt er deren Asche und verpackt sie in Kisten. Auf der "Plantage", wo ihn die Nazis zur Arbeit zwingen, übergibt er die Überreste dem Boten, der die Kisten aus dem Lager schmuggelt und in die Kirche St. Jakob bringt. Der Bote der KZ-Priester, das ist Hans Köchl.

Man weiß heute wenig über Hans Köchl aus Prittlbach bei Hebertshausen. Er starb am 14. April 1972 starb. Laut neuesten Recherchen hat er in der Nazizeit auf der Plantage gearbeitet, welche die SS um ihren Führer Heinrich Himmler beschönigend "Kräutergarten" nannte. KZ-Häftlinge mussten unter schwersten Bedingungen Gewürze und Heilkräuter anpflanzen. Als "Ortsdiener" von Prittlbach konnte sich Hans Köchl dagegen relativ frei bewegen. Er soll unter Lebensgefahr inhaftierten Pfarrern geholfen haben, die auf dem Gelände östlich des Konzentrationslagers unmenschliche Zwangsarbeit leisten mussten. Unter anderem soll er Briefe, Päckchen und Lebensmittel für die Häftlinge geschmuggelt haben. Das legen Berichte seines Adoptivsohnes Norbert Hechtl, aber insbesondere des Pfarrers Richard Schneider nahe.

Eines der Gewächshäuser auf dem "Kräutergarten" der SS beim Konzentrationslager Dachau. Auf der "Plantage" wurden besonders von 1939 bis 1941 viele Häftlinge zu Tode gequält, darunter viele Juden und Priester.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die beiden Hobby-Historiker Angelika Eisenmann und Thomas Schlichenmayer sind durch Zufall im Rahmen einer historischen Ausstellung auf Hans Köchls Geschichte gestoßen. Daraufhin haben sie recherchiert und dabei auch Norbert Hechtl interviewt. Die wichtigsten Erkenntnisse haben sie auf einem dreiseitigen Schreiben zusammengetragen. Dieses haben sie zusammen mit einem Antrag an die Gemeinde Hebertshausen geschickt. "Wir sind der Meinung, dass die Taten des Hans Köchl nicht vergessen werden dürfen und beantragen, ihm durch die Gemeinde eine angemessene Würdigung zukommen zu lassen", heißt es in dem Antrag an Bürgermeister Richard Reischl. Eisenmann und Schlichenmayer denken an die Benennung einer Straße, eines Platzes oder einer Gemeindeeinrichtung, "vorzugsweise in Prittlbach" nach Hans Köchl. Laut Schlichenmayer, der auch an der Geschichtswerkstatt aktiv ist, hat Reischl bereits signalisiert, für das Vorhaben offen zu sein.

Wie Eisenmann und Schlichenmayer berichten, kommt Köchl am 19. November 1891 in Welshofen auf die Welt. Er kämpft im Ersten Weltkrieg und wird verletzt. Ein Scharfschütze zertrümmert ihm die Hüfte. Köchl arbeitet anschließend als Nachtwächter in der damaligen Pulver- und Munitionsfabrik, die sich auf dem Gelände des späteren Konzentrationslager befindet. Seine Aufgabe besteht darin, den Zaun um das Areal abzugehen. So erzählt es später sein Sohn Norbert Hechtl den Historikern. Als "Reichsführer SS" Heinrich Himmler, der auch diplomierter Landwirt ist, im Jahr 1939 die "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" gründet, soll Köchl im Werk in Dachau arbeiten. "Er wurde als Ortsdiener von Prittlbach zur Arbeit verpflichtet", schreiben Schlichenmayer und Eisenmann. Was genau Köchl auf der Plantage tun muss, bleibt auch heute noch unklar. Er habe wohl als Heizer gearbeitet, sagt Schlichenmayer der SZ. Schließlich habe es auf der "Plantage" zwei große Koksöfen gegeben, welche die Gewächshäuser beheizten. "Mehr wissen wir auch nicht."

Der verstorbene Pfarrer Richard Schneider, der auf der "Plantage" schuften musste, erinnert sich Ende der Sechziger Jahre im Nachrichtenblatt der Gemeinschaft ehemaliger KZ-Priester an Köchl: Dieser habe sein "herzliches Erbarmen" gezeigt und sei bereit gewesen, zu helfen, "wo und wie es nur ging". Köchl sei für die Priester der "heimliche Bote zum Pfarramt St. Jakob" gewesen. "Er informierte Stadtpfarrer Pfanzelt über unsere Lage, warnte, wenn im Lager Untersuchungsaktionen auf dem Pfarrerblock drohten." Köchl habe ihn auch bei einer "besonders gefährlichen Aktion" unterstützt. Er habe die Asche mehrere Personen aus dem Lager nach St. Jakob geschmuggelt. "Gerade hier zeigte Hans Köchl seine Zuverlässigkeit uns KZ-Priestern gegenüber, wie seine Bereitschaft sein Leben einzusetzen in Sachen der Kirche und ihrer Diener." Hätte die SS etwas davon gemerkt, hätte ihm selbst das KZ gedroht, "wenn nicht gar der Tod am Galgen". Laut Hechtl hat Köchl nicht einmal seiner Frau Maria von dem Unterfangen erzählt, weil sie ihn aus Angst um sein Leben sonst daran gehindert hätte.

Hechtl hat den Historikern erzählt, dass nach dem Krieg immer wieder französische Priester, die das KZ überlebten, nach Prittlbach kamen, um Köchl aus Dankbarkeit zu besuchen. Auf deren Initiative scheint es wohl auch zurückzugehen, dass Köchl am 23. November 1967 zum Ritter des Silvesterordens geschlagen wird, ein Orden, den der Papst verleiht. In der "Münchner Katholischen Kirchenzeitung" ist im März 1968 ein Bild von Köchls Auszeichnung zu sehen. "Seine Taten sind fast vergessen", schreiben Schlichenmayer und Eisenmann. "Es ist an der Zeit, diesem mutigen, selbstlosen und hilfsbereiten Menschenfreund eine entsprechende Würdigung durch die Gemeinde zukommen zu lassen."