Eine Erfolgsgeschichte Der ideale Papa

Die heilpädagogische Tagesstätte des Kinderschutzes in Karlsfeld bietet benachteiligten Kindern einen Ort der Geborgenheit. Ein Team aus Sozialpädagogen und Therapeuten bereitet die Schützlinge auf das Leben vor - begonnen hat die Einrichtung vor 40 Jahren

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, das merkt man schnell: Autos heben ab und fliegen durch die Luft. Andere haben einfach nur einen Weltraum gemalt. Wieder andere dachten an strahlend bunte Blumenwiesen mit Herzen oder Kinder mit Regenbogen und einer lachenden Sonne darüber, als sie malen sollten, was sie mit der heilpädagogischen Tagesstätte in Karlsfeld verbinden. Die Bilder der Drei- bis 15-Jährigen, die die Einrichtung des Kinderschutzes München besuchen, sind eindrucksvoll. Vor allem aber vermitteln sie, dass die Kinder sich hier geborgen fühlen und Spaß haben. Für die Pädagogen und Psychologen, die sich um die 33 Kinder und Jugendlichen kümmern, ihnen versuchen einen Weg zu weisen, wie sie ihr Leben besser meistern können, ist das ein großes Kompliment.

40 Jahre lang gibt es die heilpädagogische Tagesstätte schon. Insgesamt etwa 560 Kinder haben hier im Laufe der Zeit Unterstützung erfahren. Viele sind noch immer in Kontakt mit der Einrichtung und kommen gern zu Ehemaligentreffen. Es ist, wie man so sagt, eine Erfolgsgeschichte, die der Kinderschutz auch gerne feiert. Bezirkstagspräsident Franz Mederer (CSU) kommt zum Jubiläum, ebenso wie Vizelandrat Karl Forster (FW Dachau). Die Kinder sind aufgeregt. Sie hüpfen herum, keiner kann mehr still sitzen. Konfetti fliegt durch die Luft. Eltern werden stürmisch begrüßt, andere Kinder sind traurig, dass ihre Mütter und Väter keine Zeit haben. Die Pädagogen trösten und beruhigen sie. Doch die Freude überwiegt an diesem Tag. "Für Kinder und Jugendliche ist das Geld bestens angelegt", sagt Mederer und lobt das Engagement der Mitarbeiter. Die meisten sind schon viele Jahre da. Thomas Reinsdorf, der Leiter, sogar schon 27 Jahre. Wenn man ihn fragt, was er an seinem Job reizvoll findet, sagt er lachend: "Morgens weiß man nie, was tagsüber passiert." Zwar gibt er zu, dass es durchaus anstrengend ist, mit Kindern und Jugendlichen umzugehen, die Lernschwierigkeiten haben und verhaltensauffällig sind. "Aber es ist erfüllend", sagt er. "Und man bleibt jung." Augenzwinkernd streicht er sich durchs lange schlohweiße Haar.

So sieht Jubiläumsfreude aus: Der Leiter der heilpädagogischen Tagesstätte, Thomas Reinsdorf (Mann rechts), und seine Schützlinge. Auch Kinderschutzbereichsleiter Arnold Schweitzer freut sich.

(Foto: Toni Heigl)

Angefangen hat die Tagesstätte 1978 mit einer Gruppe. Damals hieß sie allerdings noch nicht heilpädagogische Tagesstätte, sondern "Schulgruppe". Denn die Kinder gingen alle auf die seinerzeit noch vereinseigene Dr.-Elisabeth-Bamberger-Schule in der Hermann-Stockmann-Straße in Dachau. Eine Einrichtung, die die Schüler sozial und emotional besonders fördert. Doch recht schnell stellte sich heraus, dass einige Schüler noch eine zusätzliche intensive Unterstützung nach dem Unterricht brauchten, und so richtete man die "Nachbetreuungsgruppe" ein. 1988 wurde noch eine zweite eröffnet. Doch dieses Mal nahm der Verein auch Kinder aus anderen Schulen auf und so erhielt die Einrichtung ihren heutigen Namen. Der Bedarf wuchs rasant. Schon zwei Jahre später kam eine dritte Gruppe dazu. Der Kinderschutz begann schließlich sein Konzept noch einmal zu überdenken. Man erkannte, dass eine frühe Förderung sinnvoll ist und am besten möglich, wenn man alle Vorschulkinder in einer Gruppe betreut. Von 1993 an kümmerten sich die Pädagogen deshalb in der dritten Gruppe intensiv um Vorschulkinder. Doch dann musste der Verein das Gelände an der Hermann-Stockmann-Straße räumen. Das war 2010. Es begann eine intensive Suche nach einer neuen Bleibbe für Schule und Tagesstätte. Man bezog provisorisch Quartier in der Greta-Fischer-Schule. Die Kleinen kamen in Karlsfeld unter. Erst 2011 fand man schließlich die Räume in der Ohmstraße in Karlsfeld, in denen alle Platz hatten. Seither sitzt die Heilpädagogische Tagesstätte des Kinderschutzes mitten im Karlsfelder Gewerbegebiet zwischen MAN und dem Betonförderdienst BFM.

Fühlt man sich da nicht ein wenig abgeschoben? "Es war eine Umstellung", gibt Reinsdorf zu. "Aber man muss sich arrangieren." Dafür seien die Räume nun größer und eine kleine Freifläche haben die Kinder auch, auf der sie sich austoben oder spielen können. Die Räume sind inzwischen wohnlich gestaltet und zeugen von den vielen Aktivitäten der Gruppen, aber auch von der Arbeit, die die Erzieher leisten. So hängt an einer Tür eine große Pappfigur, auf der steht: "Der ideale Papa". Kinder haben darauf geschrieben in teils krakeliger Schrift: "lachen, spielen, Belohnung, Geburtstag feiern, Zeit verbringen, kuscheln, nicht schimpfen, Fußball spielen".

40 Jahre lang gibt es die heilpädagogische Tagesstätte in Karlsfeld schon.

(Foto: Toni Heigl)

"Es gibt hier Kinder, da kann ich nur mit dem Kopf schütteln, was die in ihren jungen Jahren schon alles erlebt haben", sagt Reinsdorf. Ein Vierjähriger zum Beispiel kam in die Tagesstätte, weil er gewalttätig war gegen sich und auch gegen andere. Seine Mutter sei alkoholkrank gewesen, ihre Partner wechselten, die meisten waren gewalttätig, zwar nicht gegen den Jungen, aber gegen die Mutter, erzählt der Leiter der Heilpädagogischen Tagesstätte. Der Kleine musste alles mit ansehen. Er kam mehrmals in Krankenhaus und Psychiatrie, musste in verschiedene Pflegefamilien, ehe er in der Karlsfelder Einrichtung aufgenommen wurde. "Jetzt geht's ihm besser", sagt Reinsdorf. Die Tagesstätte hat er längst verlassen. Zwei bis drei Jahre sind die Kinder und Jugendlichen in der Regel da. Nicht alle Geschichten sind so wie die des kleinen Jungen, sagt Reinsdorf. "Aber solche Fälle gibt es immer wieder." Die meisten kommen, weil sie Lernschwierigkeiten haben, Schulverweigerer sind oder weil sie eine "geringe Frustrationstoleranz" haben, ausrasten oder sich völlig abkapseln. Die Therapeuten der Einrichtung versuchen sie zu motivieren, indem sie das aus den Kindern herauskitzeln, was diese am besten können. So können sie die Defizite besser aufarbeiten. Sie führen Gespräche mit Eltern, Lehrern und Ärzten und gehen den Konflikten zusammen mit den Kindern auf den Grund: Wie sind sie entstanden? Wann eskaliert? Und was gibt es für Möglichkeiten, daraus herauszukommen? Es ist ein Sozialtraining, das die Kinder nötig haben, um in der Gesellschaft zurecht zu kommen. Damit sie lernen, mit Wut umzugehen.

Seit 2015 gibt es übrigens eine vierte Gruppe für die 13- bis 15-Jährigen. Man hat festgestellt, dass auch sie spezielle Hilfe nötig haben. Aber warum ist der Bedarf in den vergangenen 40 Jahren so sehr gewachsen? "Man schaut heute genauer hin", erklärt Reinsdorf. "Der Umgang mit den Medien spielt auch eine große Rolle. Die Gesellschaft leidet an Reizüberflutung und das wirkt sich auch auf die Kinder aus. Außerdem lernen die Kinder sich immer mehr mit den Ellenbogen durchzusetzen, das war früher nicht so." Auffallend ist, dass nur fünf der 33 Kinder in der Tagesstätte Mädchen sind und dass die Hälfte hier Migrationshintergrund hat. "Es ist schon auch Integrationsarbeit, die wir hier leisten", sagt Reinsdorf. Kurz vor der Einschulung würden oft sprachliche und andere Defizite festgestellt, und dann kommen die Kinder in die Tagesstätte, wo auch große kulturelle Unterschiede aufgearbeitet werden.

HPT für Heilpädagogische Tagesstätte: Die Kinder sollten malen, was sie mit der Einrichtung verbinden.

(Foto: Toni Heigl)

Die Dr.-Elisabeth-Bamberger-Schule gehört übrigens nicht mehr zum Kinderschutz. Sie musste 2016 aus finanziellen Gründen verkauft werden, seither ist sie nicht mehr in Karlsfeld, sondern in Hebertshausen. Nur noch vier Kinder, die diese Schule besuchen, werden nachmittags in der Tagesstätte betreut.